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Aus: Ausgabe vom 03.12.2020, Seite 10 / Feuilleton
Film

Was kann die Kunst?

Zum 90. Geburtstag: Bert Rebhandl entziffert die »Jahrhundertchiffre« Jean-Luc Godard
Von Erik Zielke
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Noch immer der radikalste lebende Filmemacher: Jean-Luc Godard (2002)

Die Revolution geht weiter. Zumindest im Kino. Heute ist der 90. Geburtstag von Jean-Luc Godard, dem noch immer radikalsten lebenden Filmemacher. Die aus diesem Anlass von dem Filmkritiker Bert Rebhandl verfasste Biographie heißt denn auch programmatisch: »Jean-Luc Godard. Der permanente Revolutionär«. Um die Privatperson Godard geht es darin nicht, statt dessen wird einem kenntnisreich Übersicht über das Werk verschafft, Umbrüche und Kontinuitäten sowie wiederaufgenommene Fährten werden aufgezeigt. Trotz der erfreulichen Kompaktheit – hier wird immerhin ein kaum überschaubares Werk auf weniger als 300 Seiten abgehandelt – werden auch die unbekannteren und randständigen Arbeiten, etwa für das Fernsehen, nicht ausgespart. Rebhandls unbescheidener Anspruch: »In erster Linie muss es darum gehen, Godard als die Jahrhundertchiffre JLG zu begreifen und zu deuten: eine Kippfigur an der Grenze zwischen Biographie und Werk, zwischen Geschichte und Geschichtsschreibung, zwischen Subjektivität und Politik, zwischen moderner Kunst und digitalem Zeitalter. Eine Schlüsselfigur des Kinos als Schlüssel zu Fragen und Themen des 20. und 21. Jahrhunderts.«

Rebhandl blickt zurück auf die Geschichte revolutionärer Filmkunst der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart. Mit Godards Langfilmdebüt »Außer Atem«, dem »Film ohne Regeln«, beginnt der ehemalige Filmkritiker 1960 die fortwährende Erneuerung des Mediums durch stetiges Hinterfragung seiner Konventionen. Seine Themen sind die Rolle der Frau, das Ende der kleinbürgerlichen Familie, die Möglichkeit künstlerischer Existenz im Kapitalismus – Fragen des modernen Menschen also. Godard wurde zu einer Ikone der westlichen Linken. Die Revolution war für ihn nicht bloß ein Motiv. Seine nie abgebrochene Auseinandersetzung mit dem anderen großen Neuerer politischer Kunst Bertolt Brecht zeigt den Willen zu einer radikalen Kunst, die nicht affirmativ Zeitphänomene zum Gegenstand macht. Godards Filme fragen danach, was Kunst kann, welche Rolle der Künstler für die Reflexion gesellschaftlicher Zustände spielt.

Selbst beim Lesen des Buches kann man sich von Godards Stoff- und Themenfülle überfordert fühlen. Stärker aber ist die Lust – auf das Kino, das assoziationsreiche Spiel mit Zeichen und auch auf die Überforderung. Kaum zu erwarten, dass auch das gemeinsame Sehen von Filmen, das im Falle Godards nie bloßer Konsum ist, wieder erlaubt ist.

Bert Rebhandl: Jean-Luc Godard. Der permanente Revolutionär. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2020, 288 Seiten, 25 Euro

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