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Aus: Ausgabe vom 03.12.2020, Seite 10 / Feuilleton
Amokfahrt in Trier

Amok und Idyll. Normalbürger im SUV

Von Götz Eisenberg
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»Mit dem SUV hat der Sozialdarwinismus das ihm gemäße Gefährt hervorgebracht« (Abtransport des Amokwagens am Dienstag in Trier)

Im vorweihnachtlichen Trier raste am Dienstag ein Mann mit einem SUV durch die Fußgängerzone. Nach bisherigem Ermittlungsstand tötete er fünf Menschen und verletzte mehr als zehn weitere zum Teil schwer. Nach rund einem Kilometer gelang es der Polizei, den Fahrer zu stoppen und festzunehmen. Es soll sich um einen 51jährigen Deutschen aus dem Umland von Trier handeln. Der Mann sei alkoholisiert gewesen und soll die letzten Nächte in seinem Auto verbracht haben, hieß es aus Kreisen der Ermittler. Es klingt nach einem gutsituierten Mann, der durch irgendein Ereignis aus seiner gewohnten Ordnung katapultiert wurde und den Halt verloren hat. Er befand sich im freien Fall, den er offenbar nur noch durch eine Kata­strophe aufzuhalten vermochte.

Die Tat erinnert an die Amokfahrt im April 2018 in Münster. Dort fuhr ein 48jähriger Deutscher mit einem Kleinbus in ein Straßencafé, tötete zwei Menschen und verletzte 20 weitere. Der Mann erschoss sich anschließend selbst. Seine Motive blieben im dunkeln. Die Tat wurde als erweiterter Suizid aus persönlichen Gründen zu den Akten genommen. Der Täter von Trier hat seine Amokfahrt überlebt, und so besteht Aussicht, dass er Aufschluss über seine Beweggründe geben kann. Meist kennen diese aber auch die Täter selber nicht.

Der Täter wird sich voraussichtlich als freundlicher, unauffällig und zurückgezogen lebender Einzelgänger entpuppen, wie so viele Amoktäter seines Alters und Schlages vor ihm. Nachbarn und Freunde werden ihn als »sympathisch und still« schildern. Nichts Monströses wird zum Vorschein kommen. Ein Profil, das auf Millionen unauffällig lebender Menschen zutrifft. Offenbar geht die Hypernormalität manchmal mit ihrem Gegenteil schwanger, gebiert die Normalität der bürgerlichen Ordnung Ungeheuer.

Nach der Festnahme werden die Täter oft so lange befragt und von ihren Anwälten beraten, bis sie eine halbwegs plausible Erklärung abgeben. Das anfängliche »Ich weiß nicht, warum ich das getan habe« war oft noch das Ehrlichste und kam der Wahrheit am nächsten. Wieder einmal liegen Idyll und Grauen dicht beieinander. Mitten im vorweihnachtlichen Einkaufsrummel bricht plötzlich die Gewalt hervor und demonstriert, dass die an der Oberfläche ach so friedliche Gesellschaft der Waren und des Geldes die permanente Kriegsdrohung zu ihrem verborgenen Kern hat.

Es scheint mir kein Zufall, dass die Tatwaffe ein SUV gewesen ist. Ursprünglich fürs Militär entwickelt, verwandeln diese Fahrzeuge heute die Straßen in ein Kriegsgebiet. Man klettert an Bord, sinkt in die Ledersitze und lässt die Tür ins Schloss fallen. Alle Geräusche verebben, nichts kann einem mehr etwas anhaben. SUV-Fahrer haben das Gefühl, in einer Burg zu sitzen. Je höher man sitzt, desto eher unterschätzt man die Geschwindigkeit, und man neigt dazu, riskanter zu fahren. Ein kleiner Druck aufs Gaspedal, und schon bewegt man sich mit 160 oder 180 Stundenkilometern auf der Autobahn. Der starke Motor brummt und vermittelt ein Gefühl unbegrenzter Machtfülle. Klein- und Mittelklassewagen werden aus der Sicht des SUV-Fahrers zu Ungeziefer, das vor der schieren Masse erschrocken ausweicht. Erst recht Fußgänger und Radfahrer.

Mit dem SUV hat der Sozialdarwinismus das ihm gemäße Gefährt hervorgebracht. Man ist Herr der Lage. Man reitet eine Kanonenkugel. Man ist der King. Auch Herr über Leben und Tod, wie man in Trier gesehen hat.

Der Autor veröffentlicht auf der Internetseite der GEW Ansbach in loser Folge zeitdiagnostische Beobachtungen: gew-ansbach.de/tag/durchhalteprosa

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