Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Gegründet 1947 Sa. / So., 16. / 17. Januar 2021, Nr. 13
Die junge Welt wird von 2464 GenossInnen herausgegeben
Die junge Welt drei Wochen gratis testen Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Aus: Ausgabe vom 30.11.2020, Seite 16 / Sport
Amateursport

»Jetzt kotzen sie noch einmal ab«

Schwimmtrainer trifft der Shutdown härter als Tennislehrer, Tanzschulen härter als Skigebiete
Von Andreas Müller
Winter_in_Oberwiesen_64039033.jpg
Die Hoffnung stirbt nach dem Schneemangel: Skikurs im Januar am Fichtelberg

Für den Amateursport wird auch im Dezember nichts gehen. Schlimm für die Mehrheit der Freizeitsportler, schlimmer für deren Trainer und Übungsleiter. Wie viele von ihnen um Auskommen und berufliche Existenz fürchten, weiß niemand genau. Der Freiburger Kreis, ein Zusammenschluss von 188 Großvereinen mit jeweils mehr als 10.000 Mitgliedern, hat es bislang nicht einmal vermocht, seine vielen hauptamtlichen Mitarbeiter in summa zu ermitteln. Wie viele Trainer den Shutdown soloselbständig oder als Kleinunternehmer bewältigen müssen, da ist auch Gert Zender vom Bundesverband der Trainerinnen und Trainer im deutschen Sport überfragt. »Das ist eine klare Informationslücke. Da gibt es Nachholbedarf in den einzelnen Sportarten«, sagte er gegenüber jW.

Rund 2.000 Mitglieder zählt seine junge, erst 2012 gegründete Organisation. Sie repräsentiert in allererster Linie Trainer in festen, wenngleich oft befristeten Beschäftigungsverhältnissen. Das sind im bundesweiten Leistungssportsystem derzeit mehr als 800 Bundestrainer, 2.000 Landestrainer sowie über 150 Trainer an Olympiastützpunkten, allesamt mit öffentlichen Mitteln finanziert. Diese mit Arbeitsverträgen ausgestattete Gruppe ist vergleichsweise gut abgesichert. Zumal, wie Zender sagt, beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) Kurzarbeit nur für die Verwaltung angemeldet wurde. »Was die Trainer betrifft, ist uns davon nichts bekannt.« Beneidenswerte Verhältnisse, zum Beispiel aus Sicht des Deutschen Schwimmlehrerverbandes. »Unsere Mitglieder haben schon im ersten Lockdown im März, April und Mai abgekotzt. Und jetzt kotzen sie noch einmal ab. Wir haben absolut keine Lobby«, schildert der selbständige Schwimmlehrer Alexander Gallwitz gegenüber jW die Stimmung unter den 3.000 bis 4.000 Kollegen. Sie waren schon vor der Pandemie infolge geschlossener oder baufälliger Bäder gebeutelt, ihre Situation hat sich inzwischen »dramatisch zugespitzt«, so Gallwitz.

Ein Szenario, das Hans Eckner, Vizepräsident des Verbands Deutscher Tennislehrer, nicht bemühen muss. Von den bis zu 15.000 Fachleuten an der gelben Filzkugel sei »maximal ein Drittel hauptberuflich«, also soloselbständig oder als Kleinunternehmer, registriert. Im November sei an Arbeit auf dem Court nicht zu denken gewesen, im Dezember werde sich daran nichts ändern. Die Hauptberuflichen vertrauten auf die staatlichen Coronahilfen, so Eckner gegenüber jW. »Zum Glück hält sich der materielle Aufwand für unsere Trainer in engen Grenzen. Es geht für sie vordergründig um den Verdienstausfall. Ich weiß von keiner Pleite. Bisher haben das alle gut hingekriegt. Auf Dauer wird das allerdings nicht durchzuhalten sein.«

Bei den Tänzern wiederum, bei denen engster und durchaus sportlicher Körperkontakt unvermeidbar ist, geht die Angst um. Die Gefahr sei groß, dass die Zahl vor allem kleinerer Tanzschulen extrem schrumpfen werde, so Rolf Mayer, Pressesprecher des Berufsverbands Deutscher Tanzlehrer mit etwa 3.500 Mitgliedern. »Die finanziellen Einbußen sind immens.« Die Tanzschulen hätten viel Geld in Hygienekonzepte investiert, die Kosten für Mieten und Betrieb der oft großen Räumlichkeiten laufen im Shutdown weiter. Mit dessen Verlängerung habe sich »großer Frust breitgemacht«, so Mayer.

Die Skilehrer schließlich hoffen noch auf die bevorstehende Wintersaison, auch wenn Kanzlerin Angela Merkel am Donnerstag eine europaweite Schließung von Skigebieten anregte. Widerspruch kam nicht nur von Liftbetreibern. Von den rund 8.500 »praktizierenden« Skilehrern – ausgebildete gibt es bundesweit rund 15.000 – arbeitet ein knappes Drittel im Hauptberuf auf Pisten und in Loipen. »Die anderen 70 Prozent sind Schüler, Studenten oder auch Rentner, die das nebenberuflich machen«, erklärt Peter Hennekes, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Skilehrerverbandes. Ein Motto wie »Raus in die Natur!« sei durchaus pandemiekompatibel, meint Hennekes optimistisch: »Die Buchungssituation ist gut. Wir merken, dass die Leute gern kommen wollen.« Abstand zu halten sei angesichts der natürlichen Gegebenheiten beim Wintersport kein Problem, und die Betreiber von Bergbahnen und Liften hätten sehr gut Hygienekonzepte entworfen. »Wir sind auf alles eingestellt. Wir könnten auch Coronaschnelltests anbieten, wenn das gewünscht wird«, sagt Hennekes und fordert von den Wintersportlern ein Umdenken. Bloß nicht mehr alle auf einmal an den Wochenenden anrücken und nur die prominenten Pisten frequentieren! »Es gibt auch viele kleinere Skigebiete, die man besuchen kann. Am besten wochentags.«

Wie viele im darniederliegenden Sportbetrieb um ihre Existenz fürchten, überschlug neulich ein freiberuflicher Tischtennistrainer aus Frankfurt am Main: Wenn jeder der rund 90.000 Sportvereine nur einen einzigen soloselbständigen Trainer haupt- oder nebenberuflich beschäftigt, sind seit Anfang November so viele ohne Beschäftigung. Nicht zu vergessen das Personal von rund 10.000 Fitnessstudios – allesamt zum Stillhalten verdonnert.

Teste die Beste linke, überregionale Tageszeitung.

Kann ja jeder behaupten, der oder die Beste zu sein! Deshalb wollen wir sie einladen zu testen, wie gut wir sind: Drei Wochen lang (im europ. Ausland zwei Wochen) liefern wir Ihnen die Tageszeitung junge Welt montags bis samstags in Ihren Briefkasten – gratis und völlig unverbindlich! Sie müssen das Probeabo nicht abbestellen, denn es endet nach dieser Zeit automatisch.