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Aus: Ausgabe vom 30.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Was hast du von der Freiheit …

… wenn du vor Hunger verreckst? Wu Mings Revolutionsroman »Die Armee der Schlafwandler«
Von Gerd Bedszent
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»Gegen den Strich zu bürsten«: Illustration der Erstürmung der Bastille am 14. Juli 1789 (anonym)

Das italienische Autorenkollektiv Wu Ming ist dafür bekannt, die bürgerliche Geschichtsschreibung gegen den Strich zu bürsten. Helden ihrer historischen Romane sind meist die Unterdrückten, die Verlierer, die Leidtragenden von ansonsten als durchweg progressiv dargestellten historischen Prozessen. So auch im kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Roman »Die Armee der Schlafwandler«. Darin geht es vordergründig um die 1789 begonnene Große Revolution der Franzosen, genauer, ihre Wendepunkte im Paris der Jahre 1793 bis 1795.

Die Monarchie ist in dieser Zeit schon gestürzt, Adel und Klerus sind entmachtet, die Ländereien der Kirche enteignet und zugunsten der Staatskasse verkauft. Ein Konvent, dessen Abgeordnete den überwiegend liberal und republikanisch gesinnten Teil des Besitzbürgertums repräsentieren, übt in Frankreich die Macht aus. Weitgehend leer ausgegangen sind die eigentlichen Träger der revolutionären Umwälzungen, das Kleinbürgertum und die entstehende Klasse der Lohnarbeiter. Während sich Kaufleute und Bankiers hemmungslos bereichern, leiden die Armen der Vorstädte an der Teuerung. »Was hast du von der Freiheit, wenn du vor Hunger verreckst?« lassen die Autoren gleich zu Beginn des Werkes einen ihrer Helden äußern. In der Vorstadt Saint-Antoine kommt es immer wieder zu Krawallen: Aufgebrachte Menschen plündern die Warenlager von Spekulanten. Als die neue Republik wegen royalistischer Umtriebe, ausländischer Intervention und der wachsenden Unzufriedenheit der städtischen Armen in eine existentielle Krise gerät, propagiert der linke Flügel des Konvents vorübergehend die Diktatur des Wohlfahrtsausschusses.

In diesem historischen Setting entwickelt sich ein Krimi: Inmitten der revolutionären Massen begegnet man immer wieder dem Schauspieler Scaramouche, bekannt als Mann mit der Maske. Man erlebt ihn auf der Bühne, auf den Straßen, in Versammlungen oder inmitten revolutionärer Truppenverbände, aber auch auf dem Weg ins Gefängnis. Als sich herausstellt, dass eine geheimnisvolle Organisation bestrebt ist, die Revolution gewaltsam abzuwürgen, entschließt sich Scaramouche, den Verschwörern das Handwerk zu legen …

Die Autoren schildern die revolutionären Wirren konsequent aus der Sicht der Armutsbevölkerung der Pariser Vorstädte. Man erlebt die Treffen revolutionärer Sektionen, aufreibende Debatten über den Sinn oder Unsinn von Regierungsanordnungen und Gesetzen, auch über Forderungen oppositioneller Gruppen. Anschaulich beschrieben wird das normale Leben der kleinen Handwerker und Lohnarbeiter, ihre Sorgen, den Kampf um das tägliche Brot, ihre Hoffnungen auf Verbesserungen, sobald wieder einmal eine andere Fraktion des Bürgertums die Oberhand erringt.

Eingeschoben in die Romanhandlung sind Briefe, Proklamationen, Flugschriften, Verlautbarungen. Man trifft immer wieder auf bekannte oder auch weniger bekannte historische Personen: Politiker, Publizisten, Ärzte, Wissenschaftler. Hochinteressant sind die Erläuterungen der verschiedenen Handlungsebenen im Nachwort.

Grandios schildert der Roman die damaligen Ereignisse. Und nicht zuletzt ist er ein Hohelied auf die subversive Kraft des Theaters. Allein schon das lohnt die Lektüre.

Wu Ming: Die Armee der Schlafwandler. Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold, Assoziation A, Hamburg 2020, 672 Seiten, 20 Euro

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