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Aus: Ausgabe vom 30.11.2020, Seite 8 / Ansichten

Doppelte Standards

Iran: Attentat auf Atomforscher
Von Wiebke Diehl
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Unterwegs im Persischen Golf: Flugzeugträger »USS Nimitz«

Das Attentat komme einer Kriegserklärung gleich, kommentiert die Londoner Sonntagszeitung The Observer den tödlichen Anschlag vom vergangenen Freitag auf den Leiter der Forschungs- und Innovationsabteilung des iranischen Verteidigungsministeriums, Mohsen Fachrisadeh. Und tatsächlich: Genau wie die vom scheidenden US-Präsidenten Donald Trump persönlich angeordnete Ermordung des bedeutendsten iranischen Generals Kassem Soleimani im vergangenen Januar birgt der Anschlag, für den Teheran Israel und die USA verantwortlich macht, das Potential einer brandgefährlichen Eskalation mit nicht kalkulierbaren Folgen. Trump sinnt auf Rache für seine gescheiterte Iran-Politik und will sich in seiner Geltungssucht noch so viele Denkmäler wie möglich setzen. Direkt nach seiner Wahlniederlage soll er sich über Optionen für ein militärisches Vorgehen gegen Teheran erkundigt haben und beorderte nach der Tötung Fachrisadehs den erst im November abgezogenen US-Flugzeugträger »USS Nimitz« zurück in den Persischen Golf.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, dessen Regierung in gewohnter Manier jegliche Stellungnahme verweigert, will um jeden Preis eine Rückkehr zum internationalen Atomabkommen verhindern. Schon 2018 hatte er Fachrisadeh zum »Vater des iranischen Atomprogramms« erklärt, dessen Namen man sich merken solle. Tage später kündigte Trump trotz einhelliger Warnungen aller Vertragspartner das Abkommen mit Teheran einseitig auf und verhängte fortan eine beispiellose Politik des »maximalen Drucks« inklusive tödlicher Wirtschaftssanktionen. Der wegen Korruption in drei Fällen und fragwürdiger U-Boot-Deals mit Deutschland innenpolitisch mächtig unter Druck stehende Netanjahu braucht dringend außenpolitische Erfolge.

Und so liegt der »Weltfrieden« ein weiteres Mal in der Hand der iranischen Regierung, der zugleich vorgeworfen wird, diesen zu bedrohen. Neben UN-Generalsekretär António Guterres ruft auch das deutsche Außenministerium zu Zurückhaltung auf, und konnte sich noch nicht einmal zu einer Verurteilung des Anschlags durchringen, der nach den Worten des ehemaligen CIA-Chefs, John Brennan, »staatlich geförderten Terrorismus« darstellen könnte.

Massud Ali Mohammadi, Madschid Schahriari, Dariusch Resaie, Mostafa Ahmadi Roschan – Fachrisadeh ist keinesfalls der erste iranische Atomforscher, der mitten in seiner Heimat ermordet wurde, wenn auch bei weitem der bedeutendste. Wer eine gefährliche Eskalation verhindern will, muss endlich die Doppelstandards über Bord werfen. »Der Anschlag war der Preis, den der Iran für Trumps Wahlniederlage bezahlen musste«, hat es die iranische Journalistin Sahra Asghari in seiner ganzen Absurdität auf den Punkt gebracht. Würde das Opfer aus einem anderen Land stammen, hätte der deutsche Außenminister mit Sicherheit deutliche Worte gefunden.

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