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Aus: Ausgabe vom 21.11.2020, Seite 12 / Thema
Kommunismus in der Debatte

Zirkelweg ohne Hammerziel

Nicht Bild, sondern wirkliche Bewegung. Zur Debatte um den Kommunismus bei Marx, Engels, Ulbricht und Hacks
Von Sebastian Sommer
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Vorwärts immer, bloß wohin und wie? Ob Karrenschieber oder Treidler – unter der Aufhebung der Arbeitsteilung im Kommunismus verstanden Marx und Engels zunächst einmal die Abschaffung stumpfer und harter körperlicher Drecksarbeit als ewige Profession (Ilja Repin: Die Wolgatreidler, 1872/73, Öl auf Leinwand, 131,5 × 281 cm)

Unter dem Titel »›Unendlich nur ist der Zusammenhang‹ – Hacks und der Marxismus« fand am 31. Oktober die 13. wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft statt. Der dort verlesene Beitrag »Der ›Traum der Klassiker‹ von der ›abgeschafften Arbeitsteilung‹: Marx-Kritik in der ›Schönen Wirtschaft‹ von Peter Hacks« von Heinz Hamm wurde an dieser Stelle in der jW-Ausgabe vom 6. November dokumentiert. Die darin enthaltenen, auf Hacks gestützten Thesen zur Frage der Arbeitsteilung und des Sozialismus als relativ eigenständiger Formation riefen Widerspruch hervor. Zur Intensivierung der Debatte veröffentlichen wir zwei Repliken, die auf unterschiedliche Aspekte des Vortrags von Hamm eingehen. Die zweite von Jens Mehrle erscheint in der Ausgabe vom Montag. (jW)

In der inzwischen kaum mehr kurzen Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung einschließlich ihrer Staatenwelt hat es schon reichlich Streit um das politische und programmatische Hauptziel der Kommunisten gegeben, welches sich bislang gut als Kommunismus bezeichnen ließ. Doch das wahrlich weite Feld der Kommunismusforschung birgt immer wieder wirklich Neues, erstaunliche Überraschungen und regelrechte Sensationen.

So ist etwa die fixe Idee, lieber nicht mehr als ein vorsichtiges Bisschen mit dem Kommunismus schwanger zu gehen und bis auf weiteres höchstens höchst gemäßigte Sozialisierungen, sagen wir zunächst nur der Eisenbahn anzustreben, zwar seit Lassalle, Noske und der Nachkriegs-SPD verschiedentlich aufgeboten worden, um die Arbeiterklasse vor überspannten »Erwartungen« zu bewahren, die gewisse wirklichkeitsferne Schwarmgeister hegten. Dass aber ausgerechnet Walter Ulbricht in der Deutschen Demokratischen Republik mit begeistertem Zuspruch von Peter Hacks und in kühnem Widerspruch zu Karl Marx einen sozialistischen Zirkelweg ohne kommunistisches Hammerziel vor- und eingeschlagen haben soll, war dann doch mal wieder eine erschütternde Enthüllung.

Heinz Hamm führte in der jungen Welt vom 6. November vor, welch Formenreichtum und buntscheckige Kleidsamkeit die diversen kreativen Ideen für dritte bis fünfte Wege und Abwege zum Kommunismus immer wieder aufzubieten wissen. Mit hübsch funkelnden Schmuckstücken aus dem marxistischen Zitatenschatz nährt er den Verdacht, kommunistische Politik müsse auf das angebliche »Ideal« des Kommunismus und ihm anhaftende unrealistisch anmutende Freiheitsversprechen besser verzichten, um wenigstens ein solides Stück Sozialismus durch die rauhe Wirklichkeit zu bringen.

»Unendlich nur ist der Zusammenhang – Hacks und der Marxismus« war der Titel der Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft, auf der Hamm, hervorragender Goetheforscher und Herausgeber der als »Marxistische Hinsichten« versammelten politischen Schriften von Peter Hacks, den Vortrag hielt.¹ »Unendlich nur ist der Zusammenhang« auch des Zitatreigens von Marx bis Hacks, mit dem Hamm seine These illustriert. Und so liegt es dann auch in der Natur der Sache der kommunistischen Bewegung, dass hierauf immer noch ein nächster des langen Weges kommt, einmal zu prüfen und zu wägen, was wohl dran sein könne an solch einer Theorie.

Kann eine Theorie des ewigen Sozialismus konsistent auf das offenbar so schwierig aufzuhebende marxistische Erbe oder wenigstens auf die schlimme Wirklichkeit gestützt werden? Wie, mit welchem Methodenwerkzeug und Erkenntnisvorsatz? Gibt es möglicherweise noch übersehene Zusammenhänge, in denen Beiträge von Marx, Ulbricht, Hacks und anderen zur Frage der Dauer des Sozialismus und der Erreichbarkeit des Kommunismus stehen oder in die sie zu stellen lohnen könnte? Und kaum zuletzt: Was nützt solch eine Theorie? Was – wem? Eben all so was, »was ein Kommunist gefragt haben würde«, wie Hacks in der Kontroverse mit Georg Fülberth »über die Annahmen der marxistischen Autoritäten zu Todesart und Todesstunde des Imperialismus« fragte, die ihrerseits erstaunliche Parallelen zur hier durch Hamm eröffneten Konstellation zeigt.

Aufhebung der Utopie

Als Marx und Engels 1846 die »Deutsche Ideologie« schrieben, konnten sie jedenfalls nicht erahnen, jemand würde ihnen anlässlich dieses Textkonvoluts Mangel an Wirklichkeitssinn vorwerfen. Die Mühe, die Marx und Engels sich hier gaben, den Anwurf eines unrealistischen Utopismus wenigstens verbal abzuwehren, solange Texte noch keine vollautomatischen Kommunismus-Baumaschinen sind, klingt zum Beispiel so: »Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.«²

Damit wird eine grundsätzliche Absage an jegliche Zukunftsspintisiererei deklariert, wie sie bei den Banknachbarn der Hegelschule von Ludwig Feuerbach über Bruno Bauer bis Max Stirner in Mode war. Auch wird präzisierende Arbeit in den Begriff der »Bewegung« und die Wendung »den jetzigen Zustand aufheben« delegiert. Gerade die Entfaltung dessen, wer was wie bewusst bewegen kann oder inwieweit alles automatisch und mechanisch abrollen wird, und was den »jetzigen Zustand« kennzeichnet und was es bedeuten soll, ihn »aufzuheben« – und nicht nur zu interpretieren oder zu kritisieren oder abzuschaffen –, strahlt als Aufgabe und Forschungsprojekt aus dem ganzen Text und dem Lebenswerk von Marx und Engels nur so heraus.

Vor allem aber und besonders im Zusammenhang einer Debatte über die Realitätstüchtigkeit des Kommunismus deutet dieses Zitat auf den ontologischen Status einer kommunistischen Programmatik. Weder wird hier ein Tagesziel zur Behebung von Versorgungsengpässen in sozialistischen Wirtschaftsgebieten ausgegeben wie in zahlreichen anderen Texten von Marx und Engels durchaus. Noch wird hier an einem bloßen »Bild des Kommunismus«, einer »Vorstellung«, einer »Erwartung« oder gar einem »Kommunismusverständnis« (alles Hamm) herumgepinselt.

Der Begriff des Kommunismus ist dem auswechselbaren Subjektivismus einer launigen Bildbeschreibung entzogen, und zwar durch seine Begründung jedes gesellschaftlichen Wollens und jeder gesellschaftlichen Praxis aus der Materialität der Welt als steter Voraussetzung namens Wirklichkeit. Anders als jedem noch so ehrenhaften oder schönen Bild vom Kommunismus oder irgendeiner Utopie geht dem Begriff des Kommunismus eine Ästhetisierbarkeit völlig ab. Vermöge des in ihm inbegriffenen Impetus der Diesseitigkeit, vermöge der politischen Verbindung und Verbindlichmachung von zum Klasseninteresse konzen­trierten subjektiven Handlungsbegehren und Kenntnisnahme der Wirklichkeit mittels Wissenschaft, hat der Begriff des Kommunismus, lange bevor Theodor Adorno sein Utopien-Bebilderungsverbot gegen Ernst Bloch dekretierte³, schier liebevoll anerkennend die gesellschaftliche Funktion all seiner utopistischen Vorformen und bloß vorstellenden, sinnlichen, vorbegrifflichen Annäherungen in der ideologischen, künstlerischen, literarischen Sphäre des Klassenkampfes wissenschaftlich bestimmt.

Wirklichkeitsbezogen bis zur Penetranz. Wissenschaftsbeflissen bis zur Faktizität. Stets und ständig irgendwelche Zustände aufhebend. Und obendrein das utopistische und bildhafte Element der gesellschaftlichen Bewusstseins- und Bedürfnisbildung als vor-begriffliche Teilfunktion sich eingemeindend und mit ihm beseelt, ohne ihm zu verfallen. Zu solch einem Ungetüm hatten Marx und Engels den Begriff des Kommunismus bereits 1846 herangezüchtet. Natürlich haben sie damit keinerlei Patentrecht an diesem verbesserungsnimmersatten Bollwerk von Maschine und Waffe auch der Kritik erworben. Aber »da«, wirkend und wirklich ist der Kommunismus – als Begriff, als Bewegung, als Bedürfnis und gesellschaftlich erzeugte Notwendigkeit sowie als objektives Produktionsverhältnis. Immer noch und stets wieder. Und wer nun einem derart entwickelten Begriff wie dem des Kommunismus, jener »wirklichen Bewegung« zur immer dringender werdenden Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln, das Wahrheitskriterium der Machbarkeit vorhält, nimmt sich eben viel vor.

Abschaffung der Arbeitsteilung

Heinz Hamm nun findet, Marx und Engels malten in der »Deutschen Ideologie« ein Bild vom Kommunismus, wonach jedermann »morgens jagen und abends kritisieren« dürfen müsse. Mit Blick auf die Wirtschaftssorgen in der DDR findet Hamm sodann: »Wie das praktisch gehen soll, ließen sie offen.« Engels soll diesen launigen Pinselstrich sogar noch 1878 als Autor des »Anti-Dühring« in der Form »karrenschiebender Architekten« störrisch satt auf sein traumhaftes Kommunismuspanorama aufgetragen haben.

Undeutlich bleibt allerdings, was den Begriff der Arbeitsteilung über das engste Gesichtsfeld einer ständisch anmutenden Berufswahl hinaus bestimmt. Immerhin ist in Fußnote 21 von Hamms Text der Hinweis versteckt, Engels habe im »Anti-Dühring« nur von der »Abschaffung der alten Teilung der Arbeit« geschrieben. Aber welche Begriffsarbeit der ebenfalls von Hamm zitierte Auszug aus der »Kritik des Gothaer Programms« erheischt, worin weidlich präzise »die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit« gegeißelt und nicht irgendeine »Abschaffung der Arbeitsteilung« »erhofft« wird – lässt Hamm seinerseits offen.

Die ökonomische Kategorie der Arbeitsteilung wird von Marx 1857 als »bestimmende abstrakte, allgemeine Beziehung«⁴ rubriziert. In der »Deutschen Ideologie« wird dazu ausgeführt: »Die größte Teilung der materiellen und geistigen Arbeit ist die Trennung von Stadt und Land. (…) Mit der Teilung der Arbeit zugleich der Widerspruch zwischen dem Interesse des einzelnen Individuums oder der einzelnen Familie und dem gemeinschaftlichen Interesse aller Individuen, die miteinander verkehren, gegeben. (…) Mit der Teilung der Arbeit (…) auch die Verteilung, und zwar die ungleiche, sowohl quantitative wie qualitative Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte gegeben, also das Eigentum, das in der Familie, wo die Frau und die Kinder die Sklaven des Mannes sind, schon seinen Keim, seine erste Form hat.«

Nach dieser roh kursorischen Aufladung des Begriffs der Arbeitsteilung mit Widerspruchsfeldern weit über die Frage hinaus, ob der Sozialismus einen Raffael leistungsgemäß vergüten oder sich die Abschaffung überkommener Berufsgewerke leisten kann, wird die zuletzt auch tagespolitische Relevanz der Frage der Arbeitsteilung vielleicht deutlicher.

Auch Engels’ Architekt ist eine illustrierende Figur für schöpferische Arbeit mit geistigem Anteil, der Karrenschieber dagegen eine für körperliche, einfache, aber harte, auch gefährliche und jedenfalls notwendige Arbeit. Engels schickt nun nicht flach den Architekten zum gelegentlichen Karrenschieben und umgekehrt. Er verweist vielmehr auf die Tendenz im Sozialismus, durch Brechung des bürgerlichen Bildungsmonopols und vertiefte Ausbildung aller (deren Früchte dann anders als in der bürgerlichen Gesellschaft tendenziell eher der ganzen Gesellschaft als nur wertvermittelt dem Individuum zugute kommen) sowie durch Produktionsverbesserungen die notwendige Arbeit möglichst so zu verteilen und zu vereinfachen, dass für alle Gesellschaftsglieder Muße für schöpferische Tätigkeit frei werde. Die polemische Spitze gilt hier namentlich der Verewigung der »Karrenschieber von Profession«, der Drecksarbeit auf lohnförmiger Vergütungsbasis und der steten schroffen Tendenz des Kapitals, Muße (oder Arbeitslosigkeit) und Maloche (oder Niedriglohn- und Überarbeit), Bildung (oder Überspezialisierung) und Unbildung (oder Massenverblödung) auf entgegengesetzten Polen aufzuhäufen.

Eine kommunistische Programmatik bezüglich derart gravierender Pole von Ausbeutungsverhältnissen wie Kopf/Hand, Stadt/Land, Mann/Frau, Muße/Notwendigkeit wird sich überaus kühner Ideen, recht ausgreifender Forderungen und dann sicher auch realistischer Tagesziele befleißigen müssen, um die »Aufhebung der knechtenden Unterordnung unter die Teilung der Arbeit« nicht zu »vergessen«. Hamm hingegen betreibt, indem er die Losung »Aufhebung der Arbeitsteilung« zur platten »Abschaffung« ummogelt, vor allem eine Abschaffung des Begriffs der Arbeitsteilung. Das Manöver beruht methodologisch auf einer nie ganz ausgeräumten Unklarheit über die Kategorie der Aufhebung, deren negierend-vernichtendes Moment angesichts der Frage der Arbeitsteilung nicht nur bei Hamm gegen ihre bewahrend-generativen und qualitativ-höherentwickelnden Momente ausgespielt wird. Felix Bartels hatte bereits im Jahr 2010 in seiner beachtlichen Studie »Leistung und Demokratie« in überaus ähnlicher Weise unter ebenso vollmundiger Berufung auf Peter Hacks die Formel von der »Aufhebung der knechtenden Unterordnung unter die Teilung der Arbeit« als eine »nie ganz ausgeräumte Unklarheit« und bloße »Vorstellung« im »Kommunismusbild von Marx« denunziert.⁵ Die Implikationen der derart vorgeschlagenen Abschaffung dieser Forderung aus dem kommunistischen Repertoire sind bei beiden Autoren gleich weitreichend.

Zwischen 1846 und der »Kritik des Gothaer Programms« von 1874 kann Hamm nichts »wirklich Neues« zur Frage des Kommunismus entdecken. Petitessen wie die Veröffentlichung des »Manifests der Kommunistischen Partei« 1848, die erfahrungsträchtige Arbeit in der Ersten Internationale 1864 bis 1876, die publizistische Begleitung der Pariser Commune 1871 tragen demzufolge nicht zur Ausbildung des Begriffs und der Bewegung des Kommunismus bei.

Dabei ziert zum Beispiel schon das »Manifest« neben Tiraden gegen die »industrielle Einstampferei« und einer Antizipation der Theorie des Sozialismus in einem Lande auch ein griffiger zehn-Punkte-Katalog von »Maßregeln« zur Vorbereitung des Kommunismus, darunter solche Brocken wie »Expropriation des Grundeigentums«, »Gleicher Arbeitszwang für alle« oder »Vereinigung der Erziehung mit der materiellen Produktion«. Allein dieser Katalog zeigt ein schon vor der Revolution von 1848 scharf ausgeprägtes Problembewusstsein von Marx und Engels für die Länge und Vielschichtigkeit des sozialistischen Weges zum Kommunismus.

Kärgliche Kommunismuskarikatur

Auch die nach der Oktoberrevolution eröffneten theoretischen Debatten in der Sowjetunion der 1920er Jahre um Übergänge und »Übergänge zu Übergängen« (Nikolai Bucharin) zum Kommunismus sowie die im Zuge der Verfassungsdiskussion 1936 und der »Novemberdiskussion« 1951 vorgenommene Begriffsarbeit am Kommunismus findet Hamm offenbar nicht wirklich neu genug. Lediglich Nikita Chruschtschow verlängert ihm zufolge und nur schlappe 87 Jahre nach Marx’ letztem Wort in der Kommunismussache dessen utopistische Flausen zum sattsam bekannten, wiewohl nur mäßig sättigenden sowjetischen Konsumkommunismus. Darauf soll Ulbricht dann sieben schlanke Jahre später reagiert haben, indem er »die Verbindung zum Kommunismus lockerte«. Jedoch: »Die Führungsmacht Sowjetunion versagte Ulbrichts neuem Sozialismusverständnis die Gefolgschaft«, so Hamm.

Dummerweise hatte bereits infolge der »Novemberdiskussion« von 1951 Josef Stalin Aspekte des damaligen sowjetischen Forschungsstandes zum Kommunismus öffentlich zusammengefasst, die die angeblich bahnbrechende Neuartigkeit der Ulbricht-Reden als eine relativ bedächtige Weiterung aus den sowjetischen Erfahrungen erscheinen lassen: »Genosse Jaroschenko ist der Ansicht, man brauche nur eine rationelle Organisation der Produktivkräfte zu erreichen, um einen Überfluss an Produkten erzielen und zum Kommunismus übergehen zu können, um von der Formel ›Jedem nach seiner Leistung‹ zu der Formel ›Jedem nach seinen Bedürfnissen‹ übergehen zu können. Das ist ein großer Irrtum, der ein völliges Unverständnis für die Gesetze der ökonomischen Entwicklung des Sozialismus offenbart. Genosse Jaroschenko stellt die Bedingungen für den Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus viel zu einfach, kindisch einfach dar. (...) Es ist notwendig, ein kulturelles Wachstum der Gesellschaft zu erreichen, das allen Mitgliedern der Gesellschaft eine allseitige Entwicklung ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten gewährleistet (...). Dazu ist es vor allem notwendig, den Arbeitstag mindestens bis auf sechs, und später bis auf fünf Stunden zu verkürzen. (...) Dazu ist es ferner notwendig, den allgemeinen obligatorischen polytechnischen Unterricht einzuführen, damit die Mitglieder der Gesellschaft die Möglichkeit erhalten, ihren Beruf frei zu wählen, und nicht zeit ihres Lebens an irgendeinen Beruf gefesselt sind. Dazu ist weiter notwendig, die Wohnungsverhältnisse grundlegend zu verbessern und den Reallohn der Arbeiter und Angestellten mindestens um das Doppelte, wenn nicht mehr zu erhöhen (...). Das sind die Grundbedingungen für die Vorbereitung des Übergangs zum Kommunismus.«⁶ Und im 1954 auch auf deutsch erschienenen »Lehrbuch Politische Ökonomie« ist derlei »Grundbedingungen für die Vorbereitung des Übergangs« ein Kapitel gewidmet, dessen Lektüre beim bösesten Willen nicht geeignet ist, leichtfertige Vorstellungen von einem flotten Hinübergleiten in den Kommunismus zu befördern.

»Kindisch einfache« Kommunismusvorstellungen stehen hier ebenso in der Kritik wie Ideen eines zu verewigenden Sozialismus sensu Bucharin. Dennoch hat offenbar niemand die Absicht, die Verbindung zum Kommunismus zu lockern oder gar völlig zu lösen – nicht einmal Walter Ulbricht. Er spricht 1967 vom Sozialismus als von einer nur »relativ (!) selbständigen sozialökonomischen Formation«, und auch noch »in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus (!) im Weltmaßstab«. Dabei ist seine Rede auch nicht, wie Hamm behauptet, genuin gegen ­Chruschtschow gerichtet, der schon drei Jahre zuvor seiner Ämter enthoben worden war. Sie hat allerdings einen deutschlandpolitischen Fokus und ist daher besonders im Zusammenhang der deutsch-deutschen, imperialistisch-sozialistischen Sondersituation zu lesen. Und nur in diesem Zusammenhang wird ihre kämpferische Schärfe und theoretische Bedeutung wirklich klar.

Was Heinz Hamm anhand einer Auslese von sechs Zitaten aus bloß 160 Jahren kommunistischer Theoriegeschichte als Brüche und Widersprüche zum Kommunismusbegriff bei Marx und Engels konstruieren will, erweist sich allenfalls als grobes Mosaik einer Präzisierung des Sozialismusbegriffs bei weitgehender Ausblendung der vielschichtigen, weltweiten Theorieentwicklung und Praxiserfahrung des Kommunismus. Die schon fast willkürlich arrangierten Zitattupfer zur Vorgeschichte der Hacksschen Interventionen in Sachen Kommunismus ergeben eine derart kärgliche Kommunismuskarikatur, dass von der Hacksschen Gediegenheit im auch polemischen Aufwerfen von Fragen an die Klassiker des Marxismus wirklich wenig mehr bleibt als ein Traum von der Abschaffung des Kommunismus.

Anmerkungen

1 Eine Aufzeichnung der Tagung ist online aufrufbar unter www.youtube.com/watch?v=sX53k-KdGu0

2 Alle Zitate aus der »Deutschen Ideologie« nach Karl Marx und Friedrich Engels: Werke (MEW), Bd. 3, S. 16–77

3 »Möglichkeiten der Utopie heute«. Radiogespräch zwischen Theodor W. Adorno und Ernst Bloch 1964

4 Karl Marx: »Einleitung«, MEW, Bd.13, S. 632

5 Felix Bartels: Leistung und Demokratie – Genie und Gesellschaft im Werk von Peter Hacks. Mainz 2010, S. 175

6 Josef Stalin: Werke, Bd. 15, Dortmund 1976, S. 228

Sebastian Sommer studierte Theaterwissenschaft und Philosophie und lebt in München.

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Debatte

  • Beitrag von Heike N. aus B. (22. November 2020 um 22:58 Uhr)
    Die Kritik von Sebastian Sommer am Bericht von Heinz Hamm über die Sozialismusvorstellungen von Walter Ulbricht und Peter Hacks übersieht die Natur der Berichterstattung. Es ist wie so oft, dass man den unschuldigen Briefträger für den Inhalt der von ihm überbrachten Sendung verantwortlich macht. Hamm hat aber keine »These«, er hat auch nichts »genuin behauptet« (Ulbricht gegen Chruschtschow), und was Sommer glaubt, im Ausrufezeichen (»relativ!«) gegen Hamm kenntlich machen zu müssen, hat dieser bereits in der Überschrift seines Berichts vom »Sozialismus als relativ selbständiger Formation« festgehalten. Die »erschütternden Enthüllungen« aus den 1960er Jahren treffen Sommer mit einiger Verspätung. Er zitiert zwar die für die Vorstellung vom Sozialismus/Kommunismus von Marx und Engels maßgeblichen Stellen: »Kritik des Gothaer Programms« 1875 und »Anti-Dühring« 1877. Er übersieht aber offenbar deren politökonomisch brisante Aussage: Wegfall von Warenproduktion, Wert und Wertgesetz. Aber genau das trat ab 1917 mit der Entstehung des Realsozialismus nicht ein. Eine Riesendiskrepanz. Die Erklärungsnot hat Lenin, später Stalin und Theoretiker wie z. B. L. A. Leontjew stark beschäftigt. Die Überraschung dazu aus der DDR lautete von Walter Ulbricht: »Das Wertgesetz ist das entscheidende Instrument zur Ermittlung und Kontrolle des gesellschaftlich notwendigen Arbeitsaufwandes« (in: »Das Programm des Sozialismus und die geschichtliche Aufgabe der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands«. Berlin, Dietz 1963, S. 324). Die KPdSU dagegen verkündete im Oktober 1961 den »vollständigen Sieg des Sozialismus«. Nach Marx bzw. Engels wäre nun wirklich Schluss gewesen mit der Warenproduktion etc. War aber immer noch nicht. Dieser anhaltenden Differenz zwischen Theorie und Realsozialismus entsprach Ulbricht mit seinem den Gegebenheiten entsprechenden neuen Sozialismusverständnis bis in die dazugehörige Praxis hinein, genannt Neues Ökonomisches System (NÖS). Er wurde deswegen von Honecker gestürzt. Heute, fast 50 Jahre später, gibt es noch immer Anhänger dieser unseligen Palastrevolution von Honecker gegen Ulbricht. Wären diese Freunde von Ästhetik und heilen Bildern wirklich materialistische Dialektiker, dann wären ihnen die von Marx und Engels überkommenden Bruchstücke einer Theorie der kommunistischen Gesellschaft nicht sakrosankt und unveränderlich sondern wie einst Lenin oder Ulbricht Arbeitsgrundlage in Abhängigkeit von der historisch gegebenen gesellschaftlichen Situation.

    Enrico Mönke

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