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Aus: Ausgabe vom 23.11.2020, Seite 10 / Feuilleton
Punk

Sägen, scheppern, schreien

»Atlas Vending«, das vierte Album der kanadischen Noiseband Metz
Von Michael Saager
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Körperliche Härte: Metz (v. l. n. r.: Alex Edkins, Chris Slorach, Hayden Menzies)

Und immer dieser Lärm! Schön wär’s ja. Ein bisschen mehr Lärmmusik im Geiste dessen, was man in den späten 80ern und frühen 90ern einmal Noiserock, Noisepunk oder frühen Grunge nannte, dürfte es derzeit ruhig geben. Ein wahrhaft karges Feld, ach. Aus der (Neo-)Noise-Bewegung, die vor gut zehn Jahren in dem einen oder anderen noisesozialisierten Kritikerkopf zaghafte Konturen annahm, weil da ein paar talentierte junge Bands, sagen wir Holy Fuck, Health und die Japandroids, mehr oder weniger gleichzeitig dynamisch herumlärmten, wurde leider nichts.

Was Gitarrist und Sänger Alex Edkins, Schlagzeuger Hayden Menzies und Bassist Chris Slorach von Metz vermutlich nicht groß juckte – welche Wand braucht schon eine Szene? Oder einen Hype? Fans dieser referenzsatten Knüppel-aus-dem-Sack-Musik nordamerikanischer Prägung hatten die drei aus Ottawa, der Hauptstadt Kanadas, rasch eine Menge. Eine Wucht, die 2008 gegründete Band, vor allem live. In dieser lebendigen Form mit nach Hause nehmen konnte man die wie in einer Großgarage mit reichlich Dreck und scharfkantigen Steinen beworfenen Reduktionshymnen freilich nicht, aber man hatte trotzdem lange was davon. Und ja außerdem einen Plattenspieler (oder CD-Player).

Körperliche Härte, systematischer Krach, Drama ohne Kitsch. Gitarrenläufe, die so etwas wie Melodien in abgespeckter Form ergeben, gibt es auch auf dem mittlerweile vierten Album »Atlas Vending«. Die Gitarren kreischen nicht, sie sägen, scheppern, singen (scheinbar) schiefes Zeug, erzeugen nervöse Spannung, Gitarrist ­Duane Denison von Jesus Lizard könnte sich geschmeichelt fühlen, der Groove, den insbesondere die Rhythmussektion dieser grandiosen Touch-and-Go-Lärmband zu entfalten wusste, geht Metz allerdings ab. Drummer Menzies haut sehr ordentlich auf die Felle, klar, von so etwas wie einem signifikanten Spiel ist er aber doch weit entfernt.

Und vielleicht liegt hier tatsächlich das Hauptproblem, das man auch mit dieser – bei aller Kritik – gelungenen vierten Platte des Trios haben kann. Es mangelt ihr an jenem Eigensinn, mithin Wahnsinn, den Referenzbands wie Big Black, Sonic Youth, Volcano Suns, Steel Pool Bath Tub, Tad, vor allem aber Jesus Lizard stets so lässig wie überzeugend zu inszenieren wussten. Oder anders gesagt: Man muss nicht gleich so vielgestaltig schreien, jaulen, toben wie David Yow von Jesus Lizard, über den der Musikjournalist Michael Azerrad einmal schrieb, sein Gesang klinge »wie ein Entführungsopfer bei dem Versuch, durch den mit Klebeband verbundenen Mund hindurch um Hilfe zu flehen«, aber Edkins’ Vortrag ist dann doch ein bisschen arg flach, arm an Variabilität und Ausdrucksvermögen. Die gesamte Platte über schreit er in gleichbleibender, leicht heiserer Tonlage sich selbst, die Band, den Hörer an. Amtlich, sagt der Rockfan zu so was. Besonders intensiv, zwingend oder erfreulich irre ist es nicht. Wäre aber schön gewesen.

Metz: »Atlas Vending« (Sub Pop/Cargo)

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