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Aus: Ausgabe vom 21.11.2020, Seite 10 / Feuilleton
Blues

Lachen, um nicht zu weinen

Bluesgitarrist Kirk Fletcher legt die Messlatte sehr hoch
Von Harald Justin
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Gitarristisches Lieblingsvorbild: B. B. King

Für den Blues braucht man eine lange Messlatte, noch dazu eine, mit der sich Gefühle ausloten lassen. Immerhin gehört der Blues zu den ältesten Musiken Amerikas, er steht ziemlich am Anfang der mittels Schallplatte reproduzierten US-amerikanischen Populärmusik. Historisches Vorwissen schadet also nicht beim Hören aktueller Produktionen eines Genres, das schon oft genug totgesagt wurde, um dann doch wieder neue Impulse zu spenden.

Ob Kirk »Eli« Fletcher dies gelingen wird, sei dahingestellt. Sein aktuelles Album »My Blues Pathway« verdient aber alles Lob, vor allem, wenn man weiß, wo bei ihm besagte Messlatte anzusetzen ist. Denn noch vor 20 Jahren, für Historiker nicht einmal einen Wimpernschlag entfernt, wurde er im Rahmen einer Präsentation der Bluesszene in Los Angeles als »Wunderkind« und einer der aufstrebenden jungen Wilden der Bluesgitarristik empfohlen. 20 Jahre später hat er die USA verlassen und sich, nicht zuletzt wegen der kulturellen Vielfalt in Europa, in der Schweiz niedergelassen. Mittlerweile gilt er unter seinesgleichen als einer der besten Gitarristen der Welt, selbst wenn seine Könnerschaft noch nicht zu den Machern von Gitarrenmagazinen vorgedrungen ist, die immer noch Stevie Ray Vaughan als weißen König der Bluesgitarre huldigen.

Natürlich ist Fletchers Spiel makellos, songdienlich und deshalb ökonomisch, keine Note wird verschwendet. Sein Ton ist rasiermesserscharf, und wer genau hinhört, der erahnt die gitarristischen Vorbilder B. B. und Albert King. Die Bläser setzen Akzente wie zu besten Soulzeiten, und Fletcher glänzt als emotionaler Sänger mit Wurzeln in Soul, Gospel und Blues.

Die Songs selbst sind geerdet im Blues, spielen jedoch mit Soul und Funk, für puristisches Zwölftaktgedudel ist kein Platz. Das hört sich gut an, wird aber noch besser, wenn man den Texten lauscht. Die handeln von Arbeitern und ihrem Kampf ums tägliche Überleben, vom Unwert für harte Arbeit, bei der andere reich werden, vom Lachen, um nicht weinen zu müssen, egal, ob einem nun die Frau weggelaufen ist oder der Kampf um Selbstbehauptung nur mit Verlusten zu führen ist. Es ist nicht das Schlechteste, wenn eine Musik an das soziale Gewissen rührt. Der Blues macht das seit über 100 Jahren, und es schadet nicht, wenn Kirk Fletcher diese Tradition weiterführt. Vielleicht hört ihn ja jemand.

Kirk Fletcher: »My Blues Pathway« (Cleopatra Records/Membran)

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