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Aus: Ausgabe vom 02.11.2020, Seite 10 / Feuilleton
Klassik

Mehr als ein Körnchen Wahrheit

Eins-zu-eins-Konzerte und Bach »von innen heraus«: Großtaten des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin vor dem Lockdown
Von Berthold Seliger
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»Voller Verlegenheit zunächst und etwas beunruhigend«: Marina Bondas bei einem Eins-zu-eins-Konzert des RSB

»Social distancing« ist ein furchtbares Modewort in Coronazeiten – eine Stigmatisierung von Sozialkontakten und Nähe, auch wenn vermutlich eher eine »physische« Distanzierung gemeint ist denn eine gesellschaftliche, aber so genau weiß man das nicht. Der Philosoph Giorgio Agamben vertritt in einem aktuellen Text jedenfalls die These, dass »eine Kultur, die sich am Ende weiß, ihren Ruin durch einen permanenten Ausnahmezustand so weit wie möglich zu beherrschen sucht«. In dieser Perspektive will Agamben die »totale Mobilmachung« unserer Tage verstanden wissen: »Während früher die Mobilmachung das Ziel hatte, die Menschen einander näherzubringen, zielt sie jetzt darauf ab, sie voneinander zu isolieren und zu distanzieren«, lautet der Schlüsselsatz seiner Überlegungen in der NZZ vom vergangenen Mittwoch, in denen mitschwingt, dass den Herrschenden (die Agamben nicht so nennt) die soziale Distanzierung durchaus zupass kommen dürfte.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) scheint dem Distancing trotzen zu wollen; es setzt auf: Intimität, Austausch, und über dem jüngsten Programm steht sogar dieser Satz von Jean Cocteau: »Es gibt keine schöpferische Tätigkeit ohne Ungehorsam.« Doch am Donnerstag nachmittag durfte der Rezensent zunächst in den Ruthenbergschen Höfen in Weißensee eines der »1:1 Concerts« des RSB erleben: »1 Musiker*in, 1 Zuhörer*in, 2 Meter Abstand«. Es wird nicht gesprochen, es besteht nur Blickkontakt, in diesem Fall: mit einer Klarinettistin. Voller Verlegenheit zunächst und etwas beunruhigend, dieses etwa einmütige Sich-in-die-Augen-Blicken. Dann hat die Musikerin entschieden, was sie spielen wird: Zunächst ein altes englisches Lied, das wunderbar zwischen Moll und gelegentlich Dur schwebt, die Klarinette durchaus laut, man sitzt ja extrem nah dran wie sonst nie. Ich freue mich über die mir bekannte melancholische Melodie, die gleich Nähe erzeugt. Und beim zweiten Stück, »iv5 für Klarinette solo« von Marc Andre (die Titel der gespielten Werke erfährt man erst im Nachhinein), stellt sich irgendwann sogar ein gemeinsames Atmen von Interpretin und Zuhörer ein. Mit dem Chorus des Bluesstücks »Après la fête« werde ich schließlich zurück in die Welt geschickt. Die Musikerinnen treten in dieser Reihe ohne Gage auf, die Zuhörer werden um eine Spende zugunsten des Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung gebeten – eine auf allen Ebenen vorbildliche Konzertreihe!

Abends dann das letzte öffentliche Orchesterkonzert des RSB vor dem Lockdown: Chefdirigent Vladimir Jurowski hat aus der Not der Coronaeinschränkungen eine Tugend gemacht und unter dem Titel »Erhellende Blicke zurück« neuere Bearbeitungen älterer Musik aufs Programm gesetzt. Vor allem: Bach! Die Werke des »fünften Evangelisten« (Albert Schweitzer) stehen, sieht man von den zwei Passionen ab, heute so selten auf den Programmen der großen Orchester wie barocke Musik allgemein – ein großer Fehler, nicht zuletzt, weil eine Auseinandersetzung mit Spiel- und Interpretationstechniken der »Alten Musik« fürs Musizieren generell erhellend ist. Vor nicht allzuvielen Jahrzehnten gehörte die Aufführung von Bachs Werken noch ganz selbstverständlich zur »Musikpflege« (etwa bei Hermann Scherchen, Otto Klemperer, Wilhelm Furtwängler, aber auch, neueren Datums, Michael Gielen, von Nikolaus Harnoncourt gar nicht zu reden).

»Vierzehn Kanons über die ersten acht Fundamentalnoten der Aria aus den Goldberg-Variationen« standen beim RSB u. a. auf dem Programm, eingerichtet von Friedrich Goldmann, der sich in der DDR als Komponist und Dirigent, etwa der Staatskapelle und des Konzerthausorchesters, um Neue Musik sehr verdient gemacht hat und seit 1991 das Institut für Neue Musik an der Universität der Künste Berlin leitete. 1974 wurde ein Korrekturblatt des Thomaskantors zum Erstdruck der Goldberg-Variationen entdeckt, das auf der Rückseite eben diese Kanonsammlung enthält beziehungsweise fragmentarische Anweisungen zu den Kanons: Notiert sind nur die Melodie, eine oder zwei Gegenstimmen, manche Einsätze, jedoch keine ausgeschriebene Komposition. Die Bearbeitung ist tiefgründig und faszinierend: Die Fundamentalnoten zunächst puristisch mit zwei Hörnern, dann in verschiedenen Instrumentenkombinationen bei bevorzugter Behandlung der Bläser, aber auch mit angenehm irritierenden Celloglissandi, es geht darum, »die Struktur der Stimmverläufe durch die Klangfarben und die Dynamik zu verdeutlichen«, sagte Goldmann, »ich wollte Bach von innen heraus verstehen«. Ganz besonders gelungen ist das beim Wunderwerk des elften Kanons, eines extrem dichten Spiegelkanons mit Motivteilen der acht Fundamentalnoten, was zu ausgeprägter Chromatik führt, wie Steffen Georgi im Programmheft ausführt.

Intime und besinnliche Kammer(orchester)musik, die zum Nachdenken verführt. Menschen hören Bach, wie oft gesagt wird, zum »Relaxen«, zum »Runterkommen«, zur Beruhigung oder zum Entspannen – sicher ein gewaltiges Missverständnis. Indische Ragas, diese hochkomplizierte Kunstmusik, werden aus ähnlichen Gründen rezipiert. Würde man Hegel oder Platon zum Entspannen lesen? Wohl kaum. Und doch steckt ­darin mehr als nur ein Körnchen Wahrheit: Die (auch intellektuelle) Schönheit, die Initimität und Klarheit der Musik Bachs ist immer unmittelbar spürbar, auch ohne dass man ihre komplizierte und ausgeklügelte Bauweise und die anspruchsvolle Kontrapunktik versteht.

Führt in den Konzerthäusern mehr Bach auf! Die Welt dürstet danach, besonders in Zeiten der Pandemie. Wir benötigen die Tiefe, den Trost und die Intimität dieser Musik, die gleichzeitig eine so wertvolle Vision von Gemeinschaft enthält, als Gegenmodell zu einer Welt der sozialen Distanz: Musik, die zusammenführt.

DLF-Aufzeichnung des Orchesterkonzerts unter kurzelinks.de/RSB

»1:1 Concerts« soll es auch im November geben: rsb-online.de

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