Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
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Aus: Ausgabe vom 31.10.2020, Seite 12 / Thema
DDR-Literatur

Dem Westen ein Feind

Der DDR-Schriftsteller Hermann Kant sah sich in der BRD dem Vorwurf ausgesetzt, er habe reine Parteiprosa verfasst. Das geht an den Tatsachen meilenweit vorbei. Literatur und Literaturkritik im und nach dem Kalten Krieg
Von Werner Jocks
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»Viel oberflächliches, eitles und apologetisches Geplauder«. So übel rief Wolfgang Thierse Hermann Kant (1926–2016) nach (Aufnahme von 1982)

Die Rivalität der politischen Systeme von BRD und DDR in der Zeit des Kalten Krieges sog auch die Schriftstellerinnen und Schriftsteller in den Strudel der Auseinandersetzung. In dieser politischen Konstellation gab es zahlreiche Verwirrspiele. War ein Schriftsteller der DDR beispielsweise mit einem Roman erfolgreich, der Kritik an Widersprüchen im eigenen Land enthielt, musste er einerseits mit unerwünschtem Lob von Gegnern des Sozialismus aus der BRD rechnen und andererseits mit dem Tadel der politischen Führung des eigenen Landes, die solche literarische Kritik als schädlich erachtete. Ein Schriftsteller wie Hermann Kant, der die offene Diskussion von ohnehin bekannten Widersprüchen in Hinsicht auf die Weiterentwicklung des Sozialismus für zielführender hielt als ihre administrative Unterdrückung, musste sich auf eine heftige Debatte mit der eigenen Staatsführung einstellen. Insofern dieser Streit an die Öffentlichkeit gelangte, kam sie der Propaganda der BRD zupass, da man sich dort mit diesem Beispiel in der Kritik der undemokratischen, obrigkeitsstaatlichen Einflussnahme bestätigt sah und demgemäß ausschlachtete.

Auf der anderen Seite stellte es die Literaturkritiker der BRD durchaus vor Probleme, einen Schriftsteller, der Widersprüche in der DDR benannte, für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. War solche Literatur doch auch ein Beweis für offene Debatte und nicht für Zensur. Westdeutsche Kritiker haben aus den Wirrnissen dieses Konfliktes teils raffinierte Argumentationsstrategien entwickelt, die eine zugrundeliegende antikommunistische Absicht als wohlbegründete Literaturkritik tarnten. Aber zur Not wurde auch vor Unterstellungen, Mutmaßungen und persönlicher Diffamierung nicht zurückgeschreckt.

Üble Nachrede

Marcel Reich-Ranicki, der ehemalige westdeutsche »Literaturpapst«, hat systematisch die These verbreitet, Kant habe in seinen Romanen und Erzählungen auf unterhaltsame Weise nur die Sicht der SED ins Epische transponiert. Wolfgang Thierse, der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages, attestierte Kant de facto eine Persönlichkeitsspaltung. Nur die »Aula« geht bei Thierse als gut lesbar durch und der »Aufenthalt« als ernsthaft. Der Rest ist laut Thierses Nachruf auf Hermann Kant »viel oberflächliches, eitles und apologetisches Geplauder. Der Funktionär Kant bleibt mir in unangenehmster Erinnerung als brutal und verlogen und bis zum Schluss zu wirklich selbstkritischer Einsicht weder fähig noch willens.«¹

Wer möchte schon Erzählungen und Romane eines derartigen Monstrums lesen? Solche Verlautbarungen vermögen wirksam die Neugierde auf das Selbstlesen zu unterbinden. Die von Thierse kolportierte, politisch motivierte und medial verbreitete Legende des »bösen« Funktionärs Kant, der zudem als Stasispitzel verdächtigt wird, verdeckt den tatsächlichen Charakter sowohl seiner verbandspolitischen als auch seiner literarischen Arbeit. In den Romanen und Erzählungen werden genau die gesellschaftlichen Widersprüche und Konflikte thematisiert, die der Verbandspräsident dem Vorurteil zufolge zugunsten der Parteilinie verschwiegen haben soll. Hermann Kant hat als Verbandspräsident seine Politik an der Sache und nicht an Personen ausgerichtet. So hat er mit höchstem Lob eine Lanze für die Veröffentlichung von Christa Wolfs Roman »Kindheitsmuster« gebrochen. Ebenso hat er sich für die Veröffentlichung von Erich Loests Roman »Es geht seinen Gang« eingesetzt, obwohl sich die beiden keinesfalls leiden konnten. Zensur, so Kants Linie, kehrt die gesellschaftlichen Probleme nur unter den Tisch, wo eine qualifizierte Debatte zur Lösung beitragen könnte.

Hermann Kant hatte schon in seinem Erstlingsroman »Die Aula« eine Reihe von gesellschaftlichen Widersprüchen thematisiert. Unter ihnen das brisante Thema »Republikflucht«. Es gibt im Roman sowohl Seitenhiebe gegen das Leben in der Bundesrepublik als auch gegen gedankenlose ideologische Strammsteher in der DDR. Dass der Roman die Zensur passieren konnte, verdankt sich einem glücklichen Zufall. Walter Ulbricht hatte 1964 eine Handvoll Autoren zum Vorlesen ins Schloss Niederschönhausen geladen. Für den erkrankten Hermann Kant las der Autor Helmut Hauptmann eine Passage aus der »Aula«, was Lotte Ulbricht zu dem Ausruf brachte: »So wie dieser Kollege muss man schreiben!« Kant kommentiert die Konsequenzen dieses Ausspruchs in seiner Autobiographie »Abspann«: »Nur einem der Gäste im Schloss bereitete das Lob der Hohen Frau geradezu inniges Vergnügen, und das war mein Verleger. Denn er wusste nun, mit welcher Parole er das Manuskript an allen Zensurposten vorbei zum Drucke befördern würde, und in seinen Augen hat auch diese Lotte Literaturgeschichte gemacht.«² Bekanntlich wurde »Die Aula« sowohl im Osten als auch im Westen ein großer Publikumserfolg. Übersetzungen erschienen in 22 Ländern. Hermann Kant konnte sich entschließen, als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Probleme mit dem »Impressum«

Während die »Aula« 1965 nach ihrem Erscheinen in der DDR zunächst noch breit diskutiert wurde, verschlechterte sich die Situation für Künstler und Kulturschaffende mit dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 wieder drastisch. Hermann Kant sah sich deshalb bei seinem nächsten Romanprojekt »Das Impressum« nicht nur mit künstlerischen Problemen konfrontiert. Erich Honecker gab den Hardliner, wollte den neuen Kurs des KPdSU-Generalsekretärs Leonid Breschnew durchzusetzen. Die DDR sei ein sauberer Staat, den man vor »Nihilismus«, »Skeptizismus« und »Pornographie« in Literatur und Film bewahren müsse. Die »Begründungen«, mit denen man versuchte, die Veröffentlichung von »Impressum« zu verhindern, wurden klugerweise geheimgehalten. Zu ihnen gehört der absurde Vorwurf, Kant entwerfe »eine vom sozialistischen Menschenbild und seiner ästhetisch-ethischen Vorbildfunktion z. T. abweichende Auffassung«.³

Der Roman führt solche Unterstellungen ad absurdum. Im »Impressum« verteidigt Kant in teils satirischer Zuspitzung das sozialistische Menschenbild. So präsentiert er unter anderem die Figur des Chefredakteurs einer fiktiven Neuen Berliner Rundschau, der dem bestehenden Kollegium der Zeitschrift von der Partei vorgesetzt wird, obwohl er charakterlich ungeeignet ist. Der neue Chefredakteur wird als Mann beschrieben, der sich mit Ideen besser auskennt als mit Menschen und ständig über die »Unzulänglichkeit der vorgefundenen Menschen als notwendiges Übel« klagt, statt die Mitarbeiter in ihrer Eigenart und in ihren Fähigkeiten zu akzeptieren und einzubeziehen.⁴ Am »Impressum« störte die Obrigkeit der DDR offensichtlich, dass Kant nicht auf die unhinterfragte Autorität setzte, sondern sich von einer diskursiven Austragung von Widersprüchen ihre effektivere Bearbeitung versprach. Ein Verfahren, das Kant auch als Präsident des Schriftstellerverbandes – entgegen anderslautenden Gerüchten – praktiziert hat.

Die westdeutsche Literaturkritik begegnete dem großen Erfolg der »Aula« und des »Impressums« – sowohl in der DDR als auch in der BRD – mit einer Kombination aus oberflächlichem Lob für den Sprachwitz und für die unterhaltsame Schreibweise Kants. Gleichzeitig versuchte sie, den Wert und die wahren Intentionen dieser Literatur mit der Behauptung zu unterminieren, die Kritik an der DDR-Gegenwart sei nur Schein. Aus Reich-Ranickis Behauptung, Kant habe sowohl mit der »Aula« als auch mit dem »Impressum« ausschließlich die »Sicht des Politbüros ins Epische« transponiert, spricht das in Westdeutschland wie auch unter den Oppositionellen in der DDR herrschende Vorurteil. Es kümmert solche Propaganda nicht, dass Figurenzeichnung, Inhalt und Erzählstruktur der Romane das Gegenteil belegen. Es soll hängenbleiben: Kant verfolgte mit seiner Kunst »hinterlistige« Absichten und eine spezielle Form von Parteipropaganda.

Bedrohliche Kampagne

Nach der »Wende« von 1989 erreichte die Kampagne gegen Kant eine bedrohliche Schärfe: Rufmord, Morddrohungen und tätliche Angriffe gegen die Familie. Zum Stein des Anstoßes wird die Autobiographie »Abspann«, die Kant 1991 vorlegte. Darin rekonstruierte er sehr sorgfältig, unterhaltsam und selbstkritisch nicht nur die Stationen seines Lebensweges, seiner charakterlichen und politischen Bildung, sondern auch die Fehler der Kulturpolitik. Eine günstige Gelegenheit für Westdeutsche, das Leben im anderen Teil Deutschlands aus der Perspektive des Protagonisten und Zeitzeugen kennenzulernen und den eigenen Horizont zu erweitern.

Aber das passte natürlich nicht in eine Agenda der Delegitimierung der DDR. Den erforderlichen Verriss übernahm Reich-Ranicki am 10. Oktober 1991 in der von ihm moderierten Fernsehsendung »Das Literarische Quartett«. Es wirkte wie eine Inszenierung mit verteilten Rollen. Sigrid Löffler gab die Stoßrichtung vor: Das, was Kant »als Funktionär mitzuteilen hat, ist eine Mischung aus Selbstrechtfertigung und auftrumpfendem Selbstgefühl«.⁵ Wer sich diese Sendung nach fast dreißig Jahren auf Youtube anschaut, staunt über das seichte intellektuelle Niveau, mit dem das »Quartett« über einen verhassten Schriftsteller und Kulturfunktionär der untergegangenen DDR zu Felde zieht. Erschreckend die Hemmungslosigkeit dieser Abrechnung, die außer Mutmaßungen, Falschmeldungen und persönlichen Beleidigungen nichts zu bieten hat. Reich-Ranicki beschließt die Show maliziös: »Aber schreiben kann er!«

Um die bestehenden Vorurteile zu bedienen, wurde schon die Biermann-Affäre zu einer Affäre Kant umgemünzt, obwohl der dessen Ausbürgerung im Neuen Deutschland vom 18. November 1976 für eine politische Dummheit erklärt hatte. Nach Kants Einschätzung, nachzulesen im »Abspann«, war die Ausbürgerung Wolf Biermanns im wesentlichen ein Alleingang Honeckers. Trotzdem kursiert gegen alle Tatsachen das Gerücht, Hermann Kant habe die Ausbürgerung betrieben. Nach der Logik: Kant hat sie nicht verhindert, also muss er sie betrieben haben. Aufgrund seiner Ämter – zu dieser Zeit einer von fünf Stellvertretern der Präsidentin Anna Seghers im Schriftstellerverband, Mitglied im Präsidium des PEN und Mitglied der Berliner SED-Bezirksleitung – sah man Kant mit viel Macht ausgestattet, über die er realiter nicht verfügte. Kants Versuche, dem politisch blinden bzw. bewusst vorgeschobenen Moralismus dieser Debatte eine nüchterne Analyse entgegenzusetzen, sind bekanntlich gescheitert. Dass diese Versuche dem weiterführenden Gespräch dienen sollten, ist genau der Punkt, den ihm seine Gegner absprechen müssen, weil ihnen sonst das für ihre politischen Absichten nützliche Feindbild abhanden käme.

Als im Gefolge der Biermann-Ausbürgerung die Hardliner der SED am 7. Juni 1979 den Ausschluss von neun Schriftstellern aus dem Verband durchsetzen konnten, haben interessierte Kreise auch in dieser Sache versucht, Kant als Drahtzieher erscheinen zu lassen. In Linde Salbers umfänglicher Kant-Biographie von 2015 sind die Hintergründe dieser Intrige detailliert nachlesbar.⁶ Dass bei Wikipedia behauptet wird, Kant habe den Ausschluss der neun Schriftsteller betrieben, muss nicht verwundern. Aber dass auch ein so versierter und integrer Wissenschaftler wie Werner Mittenzwei in seinem 2001 erschienenen Standardwerk »Die Intellektuellen« Kants Beteiligung am Ausschluss von Schriftstellern aus dem Verband unhinterfragt kolportiert, weist auf die persönlichen Verwerfungen und Verwirrungen der Zeit hin. Auf die Nachfrage der Kant-Biographin Salber antwortete Mittenzwei hilflos, er habe das so gehört.⁷

Kants Roman »Der Aufenthalt« erschien im März 1977 – wenige Monate nach der Biermann-Affäre. Auf knapp sechshundert Seiten behandelt der Roman keine Themen der DDR-Gegenwart, sondern am Beispiel des Protagonisten Mark Niebuhr die Geschichte von Krieg und Gefangenschaft. Es ist interessant, dass Kant den »Aufenthalt« auch als kritischen Kommentar zum offiziellen Antifaschismus der DDR versteht. In einem Gespräch mit der Literaturkritikerin Christel Berger erklärte er, dass er »die Schnauze voll hatte von Geschichten, in denen sich der Mensch gänzlich umstülpt, um gänzlich ein anderer zu werden. Er ist nur dann fähig, ein anderer zu werden – das war meine These, die ich im Roman verfochten habe –, wenn er sich dabei in vielem gleich bleibt, wenn er sich treu bleibt. (…) Denn es ist nur eine andere Art von Sich-aus-der-Verantwortung-Stehlen, wenn man behauptet, man sei inzwischen ein vollkommen anderer. Es ist Betrug und Selbstbetrug, wenn man sich mit der Behauptung von seinen Untaten abmeldet, man habe sich derart gewandelt, dass man nunmehr ein komplett neuer Mensch sei.«⁸ Ein tiefgründiges Dialogangebot auch für westdeutsche Intellektuelle. Tatsächlich wurde der »Aufenthalt« in höchsten Tönen unter anderem von Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz gelobt.

Kant hält der Vollständigkeit halber in der Reflexion seiner Intentionen beim Schreiben des »Aufenthalts« auch eine kritische Schlussfolgerung für westdeutsche Schriftstellerkollegen bereit. Er sieht »in manchen literarischen (…) Hervorbringungen betont linker westdeutscher Kollegen« nur eine Variante der für die DDR benannten Vereinfachungen. »Weil sie der offiziellen Haltung eine grundsätzlich andere entgegensetzen wollen, müssen sie nun auf Deibelkommraus alles, aber auch alles anders bewerten und zum Beispiel an unserer DDR alles ganz super finden. Sie meinen, weil sie links sind, müssen sie auch noch unsere Fehler gutheißen. Diese Art von Verkehrung kann ich nicht leiden, und ich habe sie auch in einem Buch wie ›Der Aufenthalt‹ heftig bekämpft.«

Der Spiegel hat den Autor des »Aufenthalts« einmal als »Kettenhund der Stasi« bezeichnet. Wiederum ganz im Gegenteil hatte Kant bereits 1984 das Thema Geheimdienst und Reisefreiheit in seiner Erzählung »PLEXA« satirisch aufs Korn genommen. Der Kommentar der Spitzel des »Ministeriums für Staatssicherheit«: »Die Erzählung von Kant ist laut vorliegenden Einschätzungen objektiv geeignet, feindlich-negativen Kräften bei ihren Angriffen gegen die Schutz- und Sicherheitsorgane, gegen die staatlichen Beziehungen zwischen UdSSR und der DDR und den provokatorischen Forderungen dieser Personen nach ›Reisefreiheit‹ Vorschub zu leisten. So werden von Kant auf ironische Art die Maßnahmen des MfS zum Schutz führender Repräsentanten lächerlich gemacht (…) und in zynischer Form die Haltung der DDR zu privaten Westreisen in Frage gestellt.«⁹ Kant richtete sich dabei nicht allgemein gegen die Existenz eines Geheimdienstes. Er hat es für albern gehalten, die DDR zu wollen, nicht aber das MfS an der Schnittstelle zweier sich feindlich gegenüberstehender Gesellschaftssysteme. Kritisiert hat er den sich allmählich einschleichenden Verfolgungswahn nach innen, der ihm kontraproduktiv erschien.

Die Kant-Biographin Salber hat beim Durcharbeiten der Akten des MfS einen besonderen Fund gemacht. Neben belanglosem Material stieß sie auf ein Dokument, das nicht nur den Vorwurf der Zuarbeit für das MfS ad absurdum führt, sondern auch eine aufschlussreiche Formulierung des Schriftstellers zu seiner – der Parteilinie entgegengesetzten – Auffassung von Literatur enthält: »Information über ein Forum des Präsidenten des Schriftstellerverbandes der DDR, Hermann Kant, mit dem Lehrkörper und den Studenten der Sektion Theologie der Humboldt-Universität Berlin.« Entgegen den Erwartungen der Anwesenden und des protokollierenden IM »hinterließ Kant den Eindruck eines ›reinen‹ Schriftstellers, dem es in erster Linie auf die Form und dann erst auf den Inhalt ankomme. Mit anderen Worten, Kant charakterisierte sein literarisches Schaffen als relativ selbständig hinsichtlich der gesellschaftlich dominierenden Prozesse der DDR. So stellte er heraus, dass ein Schriftsteller eine Stellung oberhalb der Gesellschaft einnähme. Zwar müsse auch der Literat irgendwo parteilich sein, dies sei aber keineswegs das Entscheidende. (…) Auf die Frage eines Theologiestudenten, ob z. B. das auf dem IV. Parteitag der SED 1954 angenommene Programm konkreten Einfluss auf das inhaltliche Wirken Kants habe, entgegnete er, dass es diesbezüglich keine direkten Einwirkungen gäbe. Kant betonte, dass Schriftsteller sich vornehmlich in ihren Arbeiten den gegenwärtigen Widersprüchen in der gesellschaftlichen Entwicklung zuwenden müssten.« Erstaunen verursachte bei den Zuhörern, dass Kant in seinem Vortrag Stephan Hermlin, den Initiator der Petition gegen die Ausbürgerung Biermanns, ausdrücklich als seinen besten Freund würdigte.¹⁰

Unvoreingenommener Blick

Erfreulich ist ein inzwischen festzustellender unvoreingenommener Blick auf die Werke Hermann Kants bei Teilen der jüngeren Generation. Die Tabus des Kalten Krieges scheinen ihre Wirkung verloren zu haben. Kants Werk wird sogar ein Nutzen für die Gegenwart zugestanden. Unter der Überschrift »›Okarina‹. VEB Schmetterlingsfarm« veröffentlichte Stephan Maus in der FAZ vom 19. März 2002 eine Rezension des 2002 erschienenen Romans, die Kants Verständnis von Literatur zutreffend charakterisiert: »Hermann Kant entwirft mit weit ausholendem Erzählgestus ein hochinteressantes, lehrreiches und sehr amüsantes Panorama der Nachkriegsgeschichte aus der heute sehr seltenen Perspektive eines überzeugten kommunistischen Kaders. (…) Sein kunstvoller Text überzeugt mit unzähligen schillernden Personenporträts, dichten Milieu-, Stadt- und Landschaftsbeschreibungen und verzwickten Nachrichtendienstmanövern. (…) Schwungvoll vermittelt Kant den revolutionären Elan, mit dem in den Anfängen der DDR versucht wurde, eine neue Gesellschaftsordnung zu erfinden. Alle Romanfiguren sind ausgeprägte Charakterköpfe mit gut geöltem Mundwerk. Ob Kapitalisten, Anarchisten oder Kommunisten, ihre Dialoge funkeln vor Esprit. Kant betreibt keine billige Propaganda, sondern zeichnet voller Humor die Irrungen und Wirrungen eines überzeugten Marxisten mit den verfremdenden Mitteln der Groteske und der Satire. Seine Hauptfigur ist ein Simplicissimus ost-teutsch. (…) der Autor (führt) das Wort wie ein Florett. Man versteht, dass die DDR Kant zum Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes bestimmt hat. Er ist ein verblüffender Stilist. Sein Roman ist von barocker Sprachkraft (…) Wie sein Buchstaben sortierender, Lettern polierender und Drucktypen manövrierender Held dreht der wortspielende Autor jeden Buchstaben drei Mal und sich selbst das Wort im Munde um.«¹¹

In gleicher Weise liest Jens Jessen, der Feuilletonchef der Zeit, mit großem Vergnügen Hermann Kants letzten Erzählband »Lebenslauf, zweiter Absatz«, den der Aufbau-Verlag 2011 zum 85. Geburtstag des Autors herausbrachte. Jens Jessens Rezension vom 17. März 2011 unter dem Titel »Schatzsuche nach dem eigenen Leben« hebt einen wenig beachteten Gesichtspunkt hervor. Kants Erzählungen sind künstlerisch so gearbeitet, dass sie auch unabhängig vom Hintergrund der DDR exemplarische Gültigkeit behalten: »Hermann Kant ist ein Meister der vergnügten Bosheit und des doppelten Bodens. Seine Erzählungen aus vielen Jahrzehnten bilanzieren ein langes ostdeutsches Schriftstellerleben: Mit Trost und berechtigtem Stolz. (…) Der Umbruch nach 1945 und der Aufbruch in den Sozialismus sind von ihm zu Parabeln verdichtet worden, die auch ohne den Hintergrund der DDR exemplarisch bleiben. Ebenso nutzlos wäre es, Kants Prosa Kompromisse mit der Zensur nachzusagen; sie sind ihr als Schwäche heute genausowenig abzulesen wie den Versen Heines die Rücksichten, die ein Dichter des Vormärz nehmen musste. Von der Notwendigkeit, Anspielungen zu tarnen und Frechheiten zu verstecken, bleibt nicht die Feigheit, sondern die Artistik – federnde Bosheit und Freude am Metaphernspiel. Der doppelte Boden, zu dem die politische Situation zwang, ist eine literarische Qualität geworden. (…) Man kann sich leicht die rumpelstilzchenhafte Vergnügtheit vorstellen, mit der er (…) Geschichten aus fünf Jahrzehnten seines Werks zusammengestellt hat, so dass sie noch wie ehemals entstanden und doch für heute geschrieben erscheinen. Er muss sich nicht korrigieren, er muss nur arrangieren. Die Doppelbödigkeit von gestern trägt die Zeiterfahrung von heute mühelos.«¹²

Anmerkungen

1 zitiert nach: junge Welt, 12.6.2018, S. 12

2 Hermann Kant: Abspann. Erinnerung an meine Gegenwart. Berlin und Weimar 1991, S. 209

3 zitiert nach: Linde Salber: Nicht ohne Utopie. Die wahre Geschichte des Hermann Kant, Hamburg 2015, S. 229

4 Hermann Kant: Das Impressum, S. 217

5 zitiert nach: Salber, a. a. O., S. 477

6 vgl. Salber, a. a. O., S. 295 f.

7 Werner Mittenzwei: Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945–2000, Leipzig 2001, S. 316 f. ; vgl. dazu Salber, a. a. O., S. 271

8 Christel Berger: Gewissensfrage Antifaschismus. Traditionen der DDR-Literatur; Analysen – Interpretationen – Interviews, Berlin 1990, S. 290 f.

9 zit. nach: Salber, a. a. O., S. 364 f.

10 zit. nach: Salber, a. a. O., S. 280 f.

11 zit. nach: Salber, a. a. O., S. 508 f.

12 zit. nach: Salber, a. a. O., S. 526 f.

Werner Jocks arbeitet zu den Themen Kunst-, Literatur- und Ideologiekritik.

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