Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
Gegründet 1947 Sa. / So., 5. / 6. Dezember 2020, Nr. 285
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken« Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
Die jW-Serie »Wohnen im Haifischbecken«
Aus: Ausgabe vom 31.10.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Bilanzbetrug

Geldwäscher vom Staat

Früheres Wirecard-Vorstandsmitglied soll V-Mann des österreichischem Geheimdiensts gewesen sein. Auch BND war Finanzhaien zu Diensten
Von Jörg Kronauer
Fahndung_nach_Ex_Wir_66303920.jpg
Unterzutauchen dürfte für Jan Marsalek leicht sein. Er pflegte engen Kontakt zu Geheimdiensten (Hamburg, 13.8.2020)

Wirecard, die nächste Folge: Die zu Ende gehende Woche hat im Wirtschaftskrimi um den deutschen Konzern, dessen Aufstieg einst als seltene Erfolgsgeschichte gefeiert wurde, neue, spannende Szenen ans Tageslicht gebracht. In der Hauptrolle, wie schon mehrmals zuvor: Jan Marsalek, geboren 1980 in Wien, Ex-Wirecard-Vorstand, seit dem 22. Juni mit Haftbefehl gesucht, seit Anfang August vom BKA öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben.

Zunächst war am Dienstag einer von Marsaleks früheren Geschäftspartnern festgenommen worden. Der Vorwurf: Der Mann soll bei der Firma IMS Capital, für die er tätig war, mehr als zweieinhalb Millionen Euro entnommen haben – und das nur kurz, bevor das Unternehmen vergangene Woche pleite ging. IMS Capital, in einer Villa an der Prinzregentenstraße im teuren Münchner Stadtteil Bogenhausen ansässig, in der, wie’s der Zufall will, auch Marsalek wohnte, verdiente Geld damit, das Vermögen wohlhabender Privatpersonen bei vielversprechenden Unternehmen gewinnbringend anzulegen. Dabei ist die Firma, wie die Süddeutsche Zeitung am Freitag unter Berufung auf die Ermittlungen berichtete, wohl nicht zuletzt mit Geld von, nun ja, Marsalek ausgestattet gewesen. Eines der Projekte, in das IMS Capital investierte, war der 2015 gegründete Lebensmittellieferdienst Getnow, der zu den am schnellsten wachsenden Firmen seiner Branche gehört haben soll. Getnow soll für die Onlinezahlungsabwicklung die Dienste von Wirecard genutzt haben. Vor allem aber scheint sich das rasante Wachstum der Firma für die Finanziers gelohnt zu haben: Jedenfalls hatte Getnow für seine Expansion zweistellige Millionensummen bekommen und sollte unlängst mit weiteren Mitteln ausgestattet werden – dies kaum aus Wohltätigkeit. Weil die Finanzspritze ausblieb, meldete Getnow nun ebenfalls Bankrott an.

Dass Marsalek mit einem – oder mehreren – Geheimdiensten in Kontakt stand, wird schon lange vermutet, und der Verdacht richtete sich früh auch auf den österreichischen Inlandsdienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). Die Anzeichen verdichteten sich, als die SZ Ende September berichtete, Marsalek habe sich am 18. Juni, dem Tag vor seinem Untertauchen per Flug nach Minsk, mit einem gewissen Martin W. zum Abendessen getroffen. Der hatte es zuvor in seiner Karriere beim BVT bis zum Abteilungsleiter gebracht.

Der Verdacht scheint sich nun zu bestätigen. »Dem Generalbundesanwalt liegen Anhaltspunkte dafür vor«, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Frage des Abgeordneten Fabio De Masi (Die Linke), Marsalek sei »von einem Mitarbeiter des österreichischen Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) als Vertrauensperson geführt« worden. War es dem BVT tatsächlich gelungen, den Spitzenmanager eines deutschen Dax-Konzerns als V-Mann zu gewinnen? Nun, gegenseitiges Ausspionieren ist in den deutsch-österreichischen Beziehungen nicht ungewöhnlich; vor nur wenig mehr als zwei Jahren wurde bekannt, dass der BND in Österreich über 2.000 Telefonanschlüsse und E-Mail-Adressen überwachte, darunter nicht zuletzt die zahlreicher österreichischer Konzerne, der Ministerien für Äußeres und Inneres sowie des Wiener Bundeskanzleramts. Dennoch stellen sich interessante Fragen, sollten sich die »Anhaltspunkte« des Generalbundesanwalts bestätigen. Dazu gehört nicht nur, wieso das österreichische Innenministerium im Jahr 2004 die Abwicklung von Zahlungen, die für den Abruf von Straf-, später dann auch Melderegisterauszügen im Internet fällig wurden, ausgerechnet an Wirecard vergab. Wer mit Straf- und Melderegistern operiert, hat es mit äußerst sensiblen Daten zu tun. Wirecard war 2004 noch eine vergleichsweise kleine Firma, die damals vor allem Zahlungen von Porno- und Glücksspielwebsites abwickelte. Letztere zumindest sind, weil über sie auch Geldwäsche getätigt wird, für Geheimdienste interessant.

Interessant bleibt in diesem Zusammenhang auch, dass Klaus-Dieter Fritsche am 21. Februar 2019 die Genehmigung des Kanzleramts erhielt, als Berater für den Umbau des BVT tätig zu werden. Fritsche, inzwischen Rentner, musste die Erlaubnis dazu einholen, weil er im Laufe seiner Karriere nicht nur Vizepräsident des deutschen Bundesamts für Verfassungsschutz, sondern darüber hinaus im Bundeskanzleramt für die deutschen Nachrichtendienste zuständig gewesen war. Im Sommer 2019 betätigte sich der Mann, von dem es heißt, er habe mit Marsalek in Kontakt gestanden, bei seinem früheren Unternehmen, dem deutschen Kanzleramt, als Lobbyist für Wirecard.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist die Zeitung gegen Krieg, die schreibt, was andere weglassen. Nur durch Information ist Veränderung möglich, deswegen ist sie für uns unverzichtbar.«  – Rose-E. Wachata und Sonja Riedel für die jW-Leserinitiative Chemnitz/Erzgebirge

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Ähnliche:

  • Mittlerweile hat der Finanzskandal um 1,9 Milliarden Euro erfund...
    21.07.2020

    Der große Finanzkrimi

    Bundesregierung kann sich im Wirecard-Skandal Hände nicht mehr in Unschuld waschen. Untersuchungsausschuss wird wahrscheinlicher
  • Akten werden am 24. Juni in die Wiener Hofburg zum Untersuchungs...
    04.07.2020

    Holpriger Start

    Österreich: Untersuchungsausschuss ermittelt politische Dimension der »Ibiza-Affäre«. Eine Zwischenbilanz
  • Welche Rolle spielten sie in der »Ibiza-Affäre«? ÖVP-Politiker S...
    04.07.2020

    Unwissend und schockiert

    Österreichische Volkspartei weist in »Ibiza-Affäre« Schuld von sich. Verstrickungen jedoch offensichtlich

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit

Auftakt der jW-Mietenserie: Heute Teil 1 – »Wohnen als Goldgrube. Die Inwertsetzung einer Mietnation«!