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Aus: Ausgabe vom 27.10.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Ausbeutung in Landwirtschaft

Pure Schinderei

Zentralasiatische Exsowjetrepubliken: Kinder- und Zwangsarbeit während der Baumwollernte
Von Reinhard Lauterbach
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Normalfall auf Baumwollfeldern in Usbekistan: Extreme Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO hatte 2018 noch Entwarnung gegeben: die Kinder- und Zwangsarbeit bei der Baumwollernte in den asiatischen Exsowjetrepubliken komme »praktisch« nicht mehr vor. 93 Prozent aller dabei Beschäftigten seien dort »freiwillig« tätig, berichtete die ILO im November vor zwei Jahren. Dazu hätten internationale Kampagnen von Menschenrechtsorganisationen zum Boykott usbekischer Baumwolle ebenso beigetragen wie eine veränderte Haltung des Ende 2016 in Taschkent ins Amt gekommenen Präsidenten Schawkat Mirsijojew.

Die Erkenntnisse der ILO beruhten auf Interviews mit auf den Baumwollfeldern Arbeitenden. Zweifel daran waren von Anfang an begründet, inzwischen ist klar, dass die Einschätzung falsch ist. In der vergangenen Woche berichtete das US-amerikanische Portal Eurasianet.org, dass im Süden Kasachstans auch dieses Jahr wieder Kinder Baumwolle pflückten. Ebenso wie in früheren Jahren stünden während der Erntesaison die Schulen in der Region Südturkestan weitgehend leer. Allenfalls 20 Prozent der Schüler erschienen zum Unterricht, die übrigen arbeiteten auf den Feldern. Viele Lehrer im übrigen auch. Für Hungerlöhne und im Akkord: Für ein Kilo gesammelter Baumwollkapseln ermittelten Journalisten Löhne von umgerechnet fünf bis sechs Eurocent, die Tagesleistung eines Kindes liege zwischen 20 und 30 Kilogramm. Macht also einen Tageslohn von weniger als zwei Euro. Eltern berichteten, sie benötigten den Zuverdienst durch ihre Kinder für den Lebensunterhalt der Familie. Offiziell ist Lohnarbeit von Kindern in Kasachstan erst ab 14 Jahren erlaubt, und auch nur, wenn der Schulunterricht nicht darunter leidet.

Die Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern in Kasachstan wird aktuell mit den Folgen der Pandemie gerechtfertigt: Durch die Grenzschließung zum benachbarten Usbekistan sei der Zustrom von Arbeitsmigranten versiegt. Das Argument verdeckt aber den Umstand, dass der arbeitsintensive Baumwollanbau beschwerliche Arbeit geradezu generiert. In allen zentralasiatischen Ländern war es schon zu sowjetischen Zeiten bisweilen gängig, dass Betriebsbelegschaften, Studierende und Soldaten im Herbst zur Baumwollernte geschickt wurden, in weiter nördlich gelegenen Regionen hingegen zur Kartoffelernte.

Freiwillig sind die körperlich schweren Arbeitseinsätze zumeist nicht. Die Organisation »Human Rights Watch« zitierte in einem Bericht von 2017 usbekische Baumwollpflückerinnen mit der Aussage, ihnen sei vom Dorfältesten mit dem Entzug von Sozialleistungen gedroht worden, wenn sie sich weigerten, auf die Plantagen zu gehen. Ökonomisch Bessergestellte können sich in den zum Teil halbfeudalen Sozialstrukturen oft der Plackerei auf dem Feld entziehen.

In Usbekistan – ähnlich wie in Turkmenistan – haben zum Beispiel Staatsdiener die Möglichkeit, sich vom Arbeitseinsatz freizukaufen, indem sie auf eigene Kosten Ersatzarbeiter unter Erwerbslosen anheuern. Ein Mechanismus, der übrigens schon im Zarenreich zur Vermeidung der Wehrpflicht üblich war, als Dorfgemeinschaften bestimmte Kontingente von Rekruten zu stellen hatten.

Internationale Menschenrechtsbeobachter berichteten kürzlich, dass in einigen Regionen Usbekistans höhere Beamte sich in eigens errichteten Häuschen am Rande der Plantagen bei Gelagen vergnügten, während die von ihnen »eingekauften« Landarbeiter nebenan schufteten.

Vor allem Usbekistan ist eine Hochburg dieser Zwangsarbeit. Das zu Sowjetzeiten zur »Baumwollrepublik« gemachte Land erwirtschaftete bis vor kurzem den Großteil seiner Deviseneinnahmen aus dem Verkauf von Rohbaumwolle. Der persönliche Einsatz auf den Plantagen galt als »patriotische Pflicht«. Der neue Präsident Mirsijojew versucht aber seit einigen Jahren, Exportprodukte zu diversifizieren: unter anderem, indem Baumwollkulturen durch Hanfplantagen ersetzt wurden. Die Anbaufläche für Hanf als medizinisches – möglicherweise auch nichtmedizinisches – Marihuana beträgt zum Beispiel im zwischen Kasachstan und Kirgistan geteilten Tschutal 140.000 Hektar.

Zum Vergleich: Für die örtliche Bevölkerung ist der Hanfanbau so normal wie an Rhein und Mosel die Kultivierung der Weinreben. Experten bescheinigen dem Hanfmarkt ein großes Wachstumspotential: bis zu 60 Milliarden US-Dollar. Und die Umstellung käme auch der Umwelt zugute. Denn der Wasserbedarf für eine Hanfplantage beträgt nur ein Drittel dessen, was ein gleich großes Baumwollfeld schluckt.

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