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Aus: Ausgabe vom 27.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Schritt für Schritt in den Terror

Peter Hennings leiser Roman »Die Tote von Sant Andreu«
Von Werner Jung
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Am Ende steht das Blutvergießen: Anschlag auf einen Zug in Madrid, 11.3.2004

Im letzten Jahr hat der in Köln lebende Schriftsteller Peter Henning bei Luchterhand den voluminösen Gesellschaftsroman »Die Tüchtigen« vorgelegt – einen Roman, der den »diskreten Charme der Bourgeoisie«, made in Germany, anhand von vier Paaren schildert, die sich zu einer Geburtstagsfeier in einem Luxushotel im niederländischen Zandvoort treffen. Am Ende dieses aus verschiedenen Perspektiven erzählten, rundum desaströsen Wochenendes steht die Aufforderung, die Henning seinem neuen Roman eingeschrieben hat, in ein normales Leben zurückzukehren. Doch Normalität ist für den Protagonisten von »Die Tote von Sant Andreu« nicht mehr möglich.

Hennings Roman – und darin mag er seinem Vorbild Dieter Wellershoff und dessen Poetik folgen – spielt probeweise einen Fall durch: den einer enttäuschten »Best Agerin«, die sich dazu entschließt, auf seiten des IS zu kämpfen, um schließlich bei einem Selbstmordattentat in der Barcelonaer U-Bahn ums Leben zu kommen. Doch ist damit noch nichts gesagt. Erzählt wird von Lennart Halm, dem Zwillingsbruder der Attentäterin, einem in Köln als Professor für Kreatives Schreiben tätigen und eigentlich rundum zufriedenen Menschen. Ihn erreicht plötzlich die katastrophale Nachricht, dass seine Schwester Luise bei dem Attentat ums Leben gekommen sei. Halm reist sofort nach Barcelona, um vor Ort auf Spurensuche zu gehen.

Das ganze Textgewebe Hennings handelt vom Auseinanderdriften zweier Menschen, die doch vermeintlich dieselben Voraussetzungen hatten: Herkunft aus gutbürgerlichem Hause, ein jähzorniger, selbstverliebter und gewalttätiger Vater, Trennung der Eltern. Früh schon verlässt Luise die Familie, als 15jährige, um mit einem wesentlich älteren Mann ein Kind zu bekommen und sich in einer randständigen Existenz einzurichten. Währenddessen beginnt der Bruder mehr oder minder planvoll seine akademische Karriere.

Hennings Erzählkunst ist deshalb so beeindruckend, weil er in seinen Romanen mit Andeutungen und Aussparungen arbeitet. Er gibt keine Erklärungen und Interpretationen vor, sondern fordert die Aktivität seiner Leser. In immer neuen Annäherungen und Umkreisungen, Befragungen seiner Kindheits- und Jugenderlebnisse versucht Halm sich und seiner Schwester, ihrer gemeinsamen Beziehung näherzukommen – das Unvorstellbare zu begreifen, dass und wie die eigene Schwester zur fanatischen Terroristin mutieren konnte. Bisweilen erinnert er sich an einzelne Momente ihres Lebens und muss einsehen, dass ihm Luise »irritierend fremd gewesen [ist] in ihrem zwanghaften Bestreben nach Selbstbestimmung und der damit verbundenen Sonderstellung«. Schließlich die ernüchterte Feststellung, die er gegenüber ihrem früheren Mann trifft: »Ich habe Luise geliebt! Aber anscheinend überhaupt nicht gekannt! Ich weiß nicht, wer die Person war, die die Sprengladung gezündet hat?«

Peter Henning: Die Tote von Sant Andreu. Transit-Verlag, Berlin 2020, 176 Seiten, 20 Euro

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