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Aus: Ausgabe vom 24.10.2020, Seite 12 / Thema
Georg Lukács

Leitbild klassischer Humanismus

Georg Lukács lieferte im Herbst 1945 wichtige Vorgaben für eine kulturelle Erneuerung auf antifaschistischer Grundlage. Vorangegangen waren gründliche Analysen der »deutschen Ideologie«
Von Jürgen Pelzer
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Keine Kommunisten, aber Meister im wahrheitsgemäßen Erfassen der gesellschaftlichen Realität: Für Lukács waren die Brüder Heinrich (links) und Thomas Mann Vorbilder in der zeitgenössischen Literatur (Berlin, 1932)

»Leben heißt: dunkler Gewalten / Spuk bekämpfen in sich, / Dichten: Gerichtstag halten / Über sein eigenes Ich.« Henrik Ibsen

Geschichtsrevisionismus liegt im Trend. Die Palette reicht von nackter Verfälschung bis hin zu subtiler Akzentverschiebung. Wer zum Beispiel geglaubt hatte, dass das Potsdamer Abkommen vom August 1945 klare, unmissverständliche Bestimmungen enthält, reibt sich bei der jüngsten Ausstellung zum 75jährigen Jubiläum dieser Konferenz die Augen. Das eigentliche Abkommen kommt hier nur am Rand vor. Das Foto der »drei Großen« (Josef Stalin, Winston Churchill und Harry S. Truman, jW) wird auf einem Poster vom Atompilz Hiroshimas in den Schatten gestellt. Da ein kommender Atomkrieg in der Luft liegt, ist auch – so die Suggestion – eine angestrebte Neuordnung problematisch. Ohnehin habe jede Siegermacht eigene Interessen verfolgt. Die nicht eingeladenen Deutschen sind vor allem als Opfer präsent, sie leiden unter den Folgen eines Krieges, den sie selbst angezettelt haben. Dass es in Potsdam um die Grundlagen für ein demokratisches, antifaschistisches Deutschland ging, gerät in den Hintergrund. Die Ergebnisse der Konferenz werden als unverbindlich hingestellt, die einzelnen Punkte kaum diskutiert.

Ein Kapitel des Ausstellungskatalogs ist der Haltung der Deutschen gewidmet.¹ Es stammt von einem Militärhistoriker, dessen Interesse vor allem den Stimmungen der Bevölkerung nach ihrer Unterwerfung gilt. Herausgestellt wird die Fragmentierung der Mehrheitsbevölkerung, die propagierte Volksgemeinschaft sei erodiert und jeder einzelne auf sich allein gestellt gewesen. Die Bestimmungen des Potsdamer Abkommens – die berühmten »vier D« (Dezentralisierung, Demilitarisierung, Demokratisierung und Denazifizierung, jW) – werden zwar aufgelistet, doch nur eine Bestimmung – nämlich die zur Entnazifizierung – wird kurz diskutiert. Die Deutschen hätten sie, offensichtlich immer noch loyal ihrem Führer verpflichtet, kurzerhand abgelehnt. Die problematische Entnazifizierungspraxis im Westen – die hohe Rate der als Mitläufer eingestuften Nazis – gilt dem Autor als Beweis berechtigter Skepsis. Das Interesse an Politik sei demonstrativ niedrig gewesen, da man nur mit dem bloßen Überleben befasst war. Hatte man bislang von den Raubzügen des Krieges »ganz ordentlich« gelebt, so standen jetzt die meisten vor dem Nichts und schoben die Verantwortung für die materielle Notlage auf die Alliierten. Die Darstellung des Autors begnügt sich weitgehend mit einer unkritischen Nachzeichung der Stimmungen in der Bevölkerung, einschließlich ihrer immer wieder zitierten (aber selten hinterfragten) Stilisierung als Opfer, die mit einer Verweigerung jeglicher Verantwortung einherherging. Von einer Besinnung, einem öffentlich und individuell ausgesprochenen Bedauern oder gar Reue ganz zu schweigen. Selbst die Konfrontierung mit dem ungeheuerlichen Ausmaß der Naziverbrechen ließ die meisten ungerührt. Die »Mehrheitsgesellschaft« – der »Mainstream« der faschisierten Gesellschaft – sah keine Veranlassung zu einer fundamentalen Neuorientierung. Selbst die Konfrontation mit den unfassbaren Verbrechen in den KZ führte nicht zu einem Umdenken.

Eher beiläufig und erst am Schluss wird erwähnt, dass es auch andere positive Einstellungen zum Abkommen von Potsdam gab. Sie stammten aus »ideologisch geprägten Kontexten« – womit linke Parteien und die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) gemeint sind. Kurz: Nur wer links oder gar kommunistisch war, fühlte sich durch das Abkommen verpflichtet und sah eine Chance zu einem wirklichen Neuaufbau. Die Mehrheitsbevölkerung, so die Sicht des Autors, verhielt sich apathisch oder unpolitisch, sei es, dass sie immer noch faschistisch war, sei es, dass viele eine Bestrafung für die verheerenden Untaten des Krieges fürchteten und deshalb eine kollektive Amnesie vortäuschten. Zu lernen ist aus einer solchen Darstellung nur, dass die materielle Situation im besiegten Deutschland prekär war.

Lukács’ Einsatz

In der SBZ sah die Lage dagegen anders aus. Die Bestimmungen des Potsdamer Abkommens wurden hier ernst genommen. Die Entnazifizierung wurde vorangetrieben, die durch die Kriegswirtschaft beförderte Monopolbildung wurde rückgängig gemacht (was im Westen kaum geschah), neue Parteien wurden gegründet. Bekannt sind die zahlreichen Aktivitäten auf dem Gebiet der Kultur, legendär die Aufführung von Lessings »Nathan der Weise« bereits im August. Dass hier ein Neuanfang und nicht etwa nur eine Rückkehr der Tradition stattfand, zeigte sich auch an den breiten Aktivitäten des ebenfalls im Sommer 1945 gegründeten »Kulturbundes« und des Literaturprogramms des Aufbau-Verlags, in dem schon bald wichtige Werke der Exilliteratur herauskamen. Besondere Bedeutung erlangten die Schriften von Georg Lukács, der seit zwei Jahrzehnten als marxistischer Kulturpolitiker, Philosoph und Literaturkritiker aktiv war. Im Exil hatte er sich mit der faschistischen Ideologie, aber auch immer wieder mit Grundsatzfragen des Realismus und namentlich dem Erbe der deutschen und europäischen Literatur befasst. Ab dem Herbst 1945 erscheinen nun wichtige Broschüren zur Literaturgeschichte und bald danach die Werke zum jungen Hegel, zu Goethe und zur »Zerstörung der Vernunft«. Bereits in den ersten Broschüren stellt der Autor die Frage nach den Chancen einer ideologisch-moralischen Erneuerung, die die politische Umwälzung begleiten muss, um sie gegen die Bedrohungen durch die Reaktion zu sichern. Das klassische humanistische Erbe erscheint dabei unverzichtbar.

Um die Lukácsche Ausgangsposition zu begreifen, ist zuallererst seine Faschismuskonzeption zu berücksichtigen. In einem bedeutenden, aber erst postum veröffentlichten Buch nimmt er sich im Winter 1941/1942, nach Taschkent evakuiert, die Frage vor: »Wie ist Deutschland zum Zentrum der reaktionären Ideologie geworden?« Das Buch ist nach der Hitlerschen Niederlage vor Moskau, aber noch vor der kriegsentscheidenden in Stalingrad geschrieben.² Die endgültige Niederlage des Faschismus ist für Lukács absehbar, doch die ideologischen Konzepte, die ihn ermöglicht haben, wirken weiter, wenn sie nicht analysiert und begriffen werden. Lukács plädiert deshalb für eine Untersuchung der gesamtgesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung. Eine Verwerfung der deutschen Kultur en bloc erscheint ihm ebenso problematisch wie ein »Business as usual«, ein unbesehenes Anknüpfen an die großen Kulturwerte, das letztlich wehrlos mache gegenüber den Angriffen der Reaktion. Sehe man etwa jemanden wie Friedrich Nietzsche »neutral«, erkenne man kaum die gegenwärtig drohenden Gefahren reaktionärer oder neofaschistischer Tendenzen. Damit sei die nach der Niederwerfung des Faschismus zu etablierende Demokratie – welcher Art sie auch sei – gefährdet. Die kulturellen Traditionen müssen also untersucht werden, namentlich die Frage, wie aus einem Kulturvolk, dem angeblichen Volk der Dichter und Denker, eine Nation wurde, die zum Inbegriff nackter Gewalt, hemmungsloser Raubkriege und unvorstellbarer Greueltaten wurde.

Wurzeln des Faschismus

Lukács stellt gleich zu Anfang heraus, dass, ideologiegeschichtlich betrachtet, die avancierten Positionen des klassischen Humanismus – repräsentiert durch Protagonisten wie Lessing, Goethe, Schiller und Hegel – systematisch von den Nazis angegriffen wurden. Dieser Destruktionsprozess hatte schon früher eingesetzt, Naziautoren wie Alfred Baeumler oder Alfred Rosenberg liefern im wesentlichen nur eine demagogische »Synthese«. Nietzsche, Arthur Schopenhauer, Oswald Spengler und andere haben mit ihren Konzepten und ihrer Kritik an menschlicher Vernunft, an Fortschrittsdenken und Humanitätsvorstellungen den Boden dafür bereitet. Die Kampflinie ist damit klar bezeichnet. Lukács beschränkt sich aber nicht nur auf Ideologiekritik, sondern gründet seine Überlegungen auf eine historisch-materialistische Analyse, die zeigt, welche gesellschaftlichen Bedingungen dafür gesorgt haben, dass Deutschland keine demokratischen Grundlagen ausgebildet hat, sondern schließlich in einer imperialistischen Gewaltherrschaft gelandet ist, die sich ideologisch auf mythische Rassenkonzepte stützt.

Der historische Weg Deutschlands ist vor allem anhand der Klassenkonstellationen zu verstehen, die sich infolge diverser Ereignisse wie der Niederschlagung der sozialen Aufstände im Bauernkrieg im 16. Jahrhundert, der durch den 30jährigen Krieg zementierten nationalen Zersplitterung und der dadurch verursachten ökonomischen Zurückgebliebenheit ergeben. Bürgertum und Kleinbürgertum bleiben schwach, der Klassenkompromiss mit dem landbesitzenden Adel dauert bis ins neunzehnte Jahrhundert an – Ursache der deutschen Misere. Ideologisch kann das Bürgertum zum Kampf um die Macht rüsten, doch die Begeisterung für die Französische Revolution (man denke an Kant oder Hegel) lässt sich nicht in praktische Politik übersetzen. Statt dessen erfolgt die Eroberung durch Napoleon – vom marxistischen Historiker Franz Mehring als deutscher Bastillesturm bezeichnet. Die sogenannten Befreiungskriege führen zu einem Nationalismus, der mit reaktionären Momenten durchsetzt ist, und zu einer Restaurationsphase, die wiederum durch einen Klassenkompromiss des ökonomisch aufstrebenden Bürgertums mit dem Feudalismus gekennzeichnet ist.

Auch 1848 wird die Chance zu einer Demokratisierung verpasst, man fürchtet die neue Schicht des Proletariats und optiert für den Nationalstaat, der 1871 unter preußisch-autoritärer Führung geschaffen wird. Der neue Staat ist, anders als ­etwa der französische, nicht bürgerlich geprägt, er ist nicht das Ergebnis eines Kampfes gegen den Feudalismus. Das am kapitalistischen Aufschwung interessierte Bürgertum konnte seine Ziele ohne Revolution erreichen. Das demokratische Defizit blieb so bestehen. Gleichzeitig kippten nationalistische Parolen, wie schon 1813, ins Chauvinistische. Deutschland blieb also rückständig. Das Bürgertum beging Verrat an seiner eigenen Revolution. Statt Einheit durch Freiheit wählte es Einheit vor Freiheit, statt des Aufgehens Preußens in Deutschland akzeptierte es eine deutschlandweite Verpreußung.

Dieser Trend setzte sich unter der »bonapartistischen Monarchie« nach 1871 fort, die zwar den ökonomischen Fortschritt ermöglichte, dafür aber nur einen Scheinparlamentarismus duldete. Evolutionär-demokratische Traditionen haben keine Chance, ja es entwickeln sich zunehmend Tendenzen der Geschichtsfälschung, der Glorifizierung, der »Verdeutschung« der eigenen Rückständigkeit. Auch die am »sozialen Königtum« Ferdinand Lassalles orientierte Arbeiterbewegung kann keine Demokratisierung bewirken und nutzt die Chance zu einer Sammlung der demokratischen Kräfte nicht. Statt dessen verharrt die Arbeiterbewegung in einem Reformismus, der sich Verbesserungen vom Staat erhofft.

Deutschlands Eintritt in das imperialistische Zeitalter vollzieht sich also unter denkbar ungünstigen Umständen, ja es kommt zu einer Rückentwicklung. Die deutsche Misere setzt sich auf einer höheren Stufenleiter fort. Die innerdemokratische Kritik des Westens aufnehmend, wird der eigene undemokratische Weg wiederum verdeutscht. Aristokratisch-snobistische und konservative Züge nehmen zu, Unterwürfigkeit und Servilität sind als »deutsche Tugenden« deren Kehrseite. Nach außen tritt man freilich prahlerisch auf, stellt einen aggressiven, »hungrigen« Imperialismus zur Schau, zu dem man sich aufgrund der ökonomischen Erfolge berechtigt fühlt. Ein markantes Beispiel für diesen bornierten Nationalismus sind die bekannten »Ideen von 1914« des Nationalökonomen Johann Plenges.

Auch die Kriegsniederlage von 1918 bringt keine radikale Wende. Es kommt zwar zum Systemwechsel, doch ist der linke Flügel der Arbeiterbewegung, anders als in Russland, zu schwach, um eine tiefgreifende Demokratisierung einzuleiten. Statt dessen verharren Sozialdemokratie wie linksbürgerliche Parteien in Ordnungsdenken und Reformismus, damit die Erwartungen breiter Bevölkerungsschichten enttäuschend. Hier können rechtskonservative und faschistische Gruppierungen erfolgreich ansetzen. Wiederum gilt eine antidemokratische Gesellschaftsverfassung, das Glanz und Gloria Preußens, als »große Zeit«, als Garant auch künftiger Größe. Die Linke hat dem wenig entgegenzusetzen und gibt sich obendrein oft antinational, somit eine Erweiterung ihrer Massenbasis verhindernd.

Wozu klassischer Humanismus?

Worin besteht nun die Rolle des klassischen Humanismus? Weshalb verleiht Lukács ihm ein solches Gewicht, dass nach der Überwindung der faschistischen Gewaltherrschaft an ihn anzuknüpfen sei? War die deutsche Klassik nicht ein isoliertes Phänomen? Ist sie nicht ebenfalls im Kontext der deutschen Misere zu sehen? Lukács betont von vornherein den umfassenden Charakter des klassischen Humanismus, den er als Höhepunkt und Synthese der europäischen Aufklärung begreift. Die deutsche Klassik ist in diesem Sinn »der ideologische Reflex« der Französischen Revolution.

Lukács stellt damit einen grundsätzlichen Zusammenhang her und richtet sich gegen die üblichen Versuche, Politik und Kultur, Aufklärung und Klassik, deutsche und europäische Literatur voneinander zu trennen. Der klassische Humanismus ist als Oppositionsbewegung zu sehen, als Versuch einer Sammlung bürgerlicher Kräfte gegen den Kleinstaatenabsolutismus. Natürlich gab es Widersprüchliches in dieser Bewegung, doch es überwog das Gemeinsame, wie Lukács an den Gipfelwerken der Literatur und Philosophie zeigt. Der klassische Humanismus war kaum revolutionär und in mancher Hinsicht durchaus von den beengenden, rückständigen Verhältnissen in Deutschland geprägt. Seine Bestrebungen gehen auch nicht über die Begrenzungen einer noch von der Manufakturperiode bestimmten Gesellschaft hinaus. Goethe und Hegel sterben, noch bevor die Entwicklung einer kapitalistischen Wirtschaft voll einsetzt. Die Ergebnisse der französischen und englischen Aufklärung verarbeitend, erreichen sie ein hohes Re­flexions- und Kunstniveau. Es gibt zwar Vorbehalte gegen die jakobinische Phase der Revolution, doch die Gesamteinschätzung bleibt positiv. Man denke an Hegels Lobpreis der Revolution als eines »herrlichen Sonnenaufgangs« oder Ausdruck eines »Enthusiasmus des Geistes«, dem sich auch Goethe nicht entzieht. Ähnliches gilt für die Bewunderung Napoleons, den man durchaus nicht nur als »­Genie«, sondern als Vollstrecker der Revolution sieht. Die eingehend reflektierte französische Entwicklung beweist, wie widersprüchlich der Fortschritt ist. Dies hat Konsequenzen für die Aufassung von Natur und Gesellschaft. Goethe und Hegel gelangen so zu einer dialektischen Auffassung, derzufolge im Negativen nicht nur das Verneinende zu sehen ist (wie es die frühe Aufklärung tat, die die Entwicklung am Prinzip der Vernunft maß), sondern eine Triebkraft der Menschheitsentwicklung.

Die erreichten Positionen werden nicht nur gegenüber Tendenzen einer schematischen Aufklärung, sondern auch gegenüber der reaktionären Romantik befestigt, die das Mittelalter verherrlicht, vorkapitalistische Zustände herbeisehnt, gottgewollte Hierarchien verteidigt und Denken und Kunst der Religion unterordnet. Die Klassik knüpft dagegen an den Humanismus der Antike und der Renaissance an, die vor allem das Potential menschlicher Entwicklung betont. Politisch gesehen bezieht die Romantik nicht nur Stellung gegen Napoleon, sondern auch gegen die Reformtendenzen dieser Jahre. Auch den ins Chauvinistische kippenden Nationalismus der Befreiungskriege unterstützen die meisten Romantiker, von denen viele später bei der religiösen Mystik landen. Die Vertreter des klassischen Humanismus sind zwar auch keine Materialisten, doch kommt ihre Geschichtssicht ohne Gott aus und ist dialektisch geprägt. Für Lukács ist deshalb der klassische Humanismus die Ideologie der »fortgeschrittensten Schicht im damaligen Deutschland«, einer Schicht, die dem aufstrebenden, noch nicht kompromittierten Bürgertum zuzurechnen ist und sich systematisch an den Emanzipationskonzepten der europäischen Renaissance und Aufklärung orientiert. Mensch und Menschlichkeit bedeuten in diesem Sinn: Universalität, allseitige Entwicklung der Fähigkeiten, auch unter den Bedingungen und Begrenzungen einer bürgerlichen Gesellschaft. Für Lukács ist dieser bürgerliche Humanismus, der auf einem dialektischen Fortschrittskonzept beruht, unverzichtbar. Hier lässt sich anknüpfen, wenn es um die Erneuerung der Kultur geht. Lukács’ Betonung des klassischen Humanismus ist also nicht einem konservativen Kunstgeschmack geschuldet, wie es das gängige Vorurteil will. Der Humanismus ist vielmehr als eine der Grundlagen des Sozialismus zu sehen. Dies gilt für den Humanismus der Griechen, die Bildungskonzepte betonten und die Dialektik entdeckten, wie für den Humanismus der Renaissance und den Humanismus der europäischen Aufklärung.

Die weitere Entwicklung ist freilich davon geprägt, dass zentrale Positionen dieses Humanismus untergraben werden, wenn man an die ideologischen Strömungen von Schelling, Schopenhauer, Nietzsche und Spengler denkt. Die Orientierung auf Fortschritt, Demokratie und Vernunft wird hier systematisch untergraben, was sich in Deutschland anhand der geschilderten Misere, der fatalen Klassenkompromisse, der Unterdrückung demokratischer Bewegungen und der Verdeutschung einer rückständigen Entwicklung bereits vor 1933 besonders negativ auswirkt. Die faschistische Ideologie ist im wesentlichen die Fortsetzung dieser antihumanistischen, antidemokratischen Tendenzen in einer vergröberten, für die demagogische Propaganda zubereiteten »Synthese«. Auch hier wird wieder die Geschichte verfälscht und das Rückständige als spezifisch deutscher Weg verherrlicht. Der Faschismus stilisiert sich als soziale wie nationale »Revolution«. Was als Sinn der Geschichte ausgegeben wird, stützt sich auf mythologisch-irrationale Konzepte von Rasse, Volk, Führer, Herrenmenschentum, Unterordnung und Gewalt. Für Lukács ist bereits im Winter 1941/42 klar, dass diese ideologischen Tendenzen, die sich als Teilmomente der Reaktion seit 1813 entwickelt haben, auch nach der Niederwerfung des Faschismus weiterwirken werden. Es gilt also, die verschiedenen Tendenzen der Reaktion zu erkennen und sie auch dann ernst zu nehmen und zu bekämpfen, wenn sie verschroben oder elitär daherkommen.

Während sich die Kampflinien im ideologischen Bereich klar erkennen lassen, ist die Lage in der Literatur wesentlich komplizierter. Es geht ja nicht um eine simple Fortschreibung des klassischen Humanismus, obwohl dessen inhaltliche Positionen weiterhin zentrale politische Ziele sind. Im Bereich der Literatur geht es um Fragen der Gestaltung und der wahrheitsgemäßen Erfassung der gesellschaftlichen Realität.

Die Manns als Gegenbeispiel

Ein erster Aufsatz, der ebenfalls bereits 1942 verfasst wurde, beschäftigt sich mit der zeitgenössischen Literatur, und zwar sowohl mit der in Deutschland erscheinenden wie der Exilliteratur. Lukács’ Fazit ist, was die erste Gruppe, betrifft, ernüchternd: Es gibt demnach »keinen wirklichen Protest gegen die faschistische Barbarei«. Der Grund liege nicht nur in der Zensur und den propagandistischen Vorgaben des Regimes, sondern darin, dass die Autorinnen und Autoren einer Darstellung der Gegenwart auswichen und Kompromisse mit der herrschenden Ideologie schlössen. Damit ist wahre Literatur unmöglich, die Poesie ist »verbannt«. Als Gegenbeispiele gelten Heinrich Manns »Untertan« sowie Thomas Manns »Zauberberg«, dort stelle man sich den »dunklen Mächten«. Thomas Manns Erzählung »Mario und der Zauberer« zeige darüber hinaus exemplarisch, dass man eine Massenhypnose nicht durch bloße Verweigerung bannen könne.

Auch historische Romane könnten ein wirksames Gegenbild liefern, so etwa Heinrich Manns »Heinrich IV.«, der zeige, wie erfolgreich die Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft verlaufen könne, oder Thomas Manns »Lotte in Weimar«, worin die Persönlichkeit Goethes mit den Bedingungen der deutschen Misere kontrastiert. Hier könne man »in Zeiten der Finsternis« anknüpfen. Wesentlich ausführlicher geht Lukács dann in den im Herbst 1945 erschienenen Broschüren vor. Hier sichtet er die Literaturgeschichte aus ideologiekritischem Blickwinkel und zeigt etwa, dass die literarische Revolution des Naturalismus aus politischen wie aus ästhetischen Gründen begrenzt bleiben musste und wie sich die literarische Opposition um 1900 im wesentlichen als Scheinopposition entpuppte. Dies gilt letztlich auch für die Bewegung des Expressionismus. Eine Hauptschwäche bestehe in der nachnaturalistischen Beschränkung auf Konzepte der Innenperspektive, die nicht mit einem Einblick in die objektive gesellschaftliche Realität vermittelt seien. Der Grund dafür liege letztlich in der bereits ausgeführten Schwäche demokratischer Bewegungen, die sich in nahezu jeder Epoche zeige. Der Wechsel der »Ismen«, die Suche nach radikalen Formen verdecke diese wesentliche Schwäche. Die linksliberale Literatur habe sich unter anderem auch aus diesem Grund als unfähig erwiesen, dem Aufmarsch der Rechten und der irrationalen Mythologie der Faschisten Widerstand zu leisten. Nur die Exilliteratur sei dazu in der Lage gewesen. Es bleibt freilich die Nachkriegshoffnung auf die »große Sendung« und die reinigende Wirkung der Literatur. In welchem Kontext sie sich erfüllen könnte und ob die Politik die Grundlagen für eine demokratische oder gar sozialistische Umgestaltung zu legen vermag, bleibt dabei zunächst offen.

Anmerkungen

1 Vgl. John Zimmermann: »Die Potsdamer Konferenz und die Deutschen«, in: Die Potsdamer Konferenz – die Neuordnung der Welt. Dresden 2020, S. 98–113

2 Vgl. Georg Lukács in ders.: Zur Kritik der faschistischen Ideologie, Berlin 1989

3 »Verbannte Poesie«, in: Frank Benseler (Hg.): Revolutionäres Denken – Georg Lukács. Eine Einführung in Leben und Werk. ­Neuwied 1984, S. 127–139

4 Georg Lukács: Deutsche Literatur im Zeitalter des Imperialismus. Berlin 1945 sowie ders.: Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur. Berlin 1945

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 25. September über die Verflochtenheit von Persönlichem und Politischem bei Walter Benjamin anlässlich dessen 80. Todestages.

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