Gegründet 1947 Donnerstag, 3. Dezember 2020, Nr. 283
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben

Sonderbarer Planet Lucas Zeise zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
Lucas_Zeise_Logo.png

Käme ein professioneller Finanzmarktversteher neu auf diesen Planeten, er würde Ruhe, Frieden und Gleichgewicht konstatieren. Die Aktienmärkte des Globus haben ihren Schwächeanfall vom Frühjahr in Europa fast ganz und in den USA mehr als aufgeholt. Man könnte daraus schließen, dass die Unternehmen sich generell in guter Verfassung befinden und weiter üppige Gewinne abwerfen. Die Währungen sind stabil. Besonders die bei weitem größten, der US-Dollar und der Euro, verändern sich gegeneinander kaum. Der Euro wurde in Dollar im Lauf der letzten fünf Jahre zwischen 1,08 und 1,22 gehandelt. Das sieht fast wie ein Gleichgewicht aus. Man würde nicht vermuten, dass die USA seit vielen Jahren ein riesiges Leistungsbilanzdefizit haben, was für einen stetigen Abfluss von Dollar und an den Devisenmärkten ein entsprechendes Überangebot dieser Währung sorgt. Aber offensichtlich gleicht sich dieses Angebot durch die Nachfrage nach Dollar ziemlich mühelos aus. Die Geldbesitzer der Welt wollen seit Jahren unverändert in den USA oder zumindest in Dollar-Anlagen investieren. Das wird ihnen etwas versüßt dadurch, dass die sicherste Anlage in Dollar, die (zehnjährige) US-Staatsanleihe, mit plus 0,8 Prozent 1,4 Punkte mehr bringt als die sicherste (zehnjährige) Euro-Anleihe, die deutsche, mit minus 0,6 Prozent. Auch dieser Abstand ist seit einigen Monaten ziemlich stabil.

Der Finanzmarktexperte von Beteigeuze oder einem anderen Himmelskörper würde sich vor allem wundern über dieses niedrige Zinsniveau. Auf Erden wurde derartiges seit Erfindung des Kapitalismus noch nie beobachtet, entnimmt er den Archiven. Banken verlangen Gebühren, wenn Bürger mehr als 100.000 Euro bei ihnen deponieren wollen. 15jährige Hypotheken erhalten sie, wenn sie nur ein stetiges Einkommen vorweisen können, für 2,5 Prozent. Am sonderbarsten ist es, dass die Reichen Schlange stehen, um mittels eigens gegründeter Fonds ihr Geld den Unternehmen als frischen Kredit anzudienen. In den USA wurden allein in diesem Oktober 520 derartige Fonds gegründet.

Woher das viele Geld wohl kommt, sinniert der Außerirdische. Als vor mehr als 40 Jahren die Lehre eines gewissen Milton Friedman aus Chicago als die wahre deklariert worden war, dass nämlich die Geldmenge streng zu kontrollieren sei, um die Inflation zu vermeiden, just da sei die Menge des Geldes stärker gestiegen und zugleich die Inflation zurückgegangen, stellt der Experte beim Studium alter Zentralbankdokumente überrascht fest. Und er stellt auch fest, dass der Geldzuwachs auf die satt steigenden Gewinne der Kapitalisten zurückzuführen war, die dieses Geld in alte und neue Finanzprodukte gesteckt hatten, um – meist mit Erfolg – ihren Profitzuwachs zu beschleunigen. Die resultierende Finanzblase ist dann manchmal vor, manchmal auch kurz nach dem Platzen ein wenig geflickt und durch reichlich Zufuhr frischen Geldes der Zentralbanken und Staatshaushalte im aufgeblasenen Zustand erhalten und dank wieder steigender Profite weiter aufgeblasen worden. »Lang wird das nicht so weitergehen«, murmelt der Experte und verlässt den sonderbaren Planeten.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wegen ihrer klaren Positionierung beim Kampf für eine lebenswerte, von Ausbeutung befreite Welt. Sie verdeutlicht, dass nur in vereinten Kämpfen Erfolge errungen werden können!« – Andre Koletzki, Geprüfter Meister für Bäderbetriebe, Berlin

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Debatte

  • Beitrag von Michael M. aus B. (24. Oktober 2020 um 15:50 Uhr)
    Dem Experten sei gesagt, dass in großer Not manchmal ein unscheinbares Virus des Wegs kommt, und schon ist alles wieder gut.

    Woher es kommt? Der HErre GOtt hat es gesandt.

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit

Die neue jW-Serie: »Wohnen im Haifischbecken«. Ab 5. Dezember am Kiosk!