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Aus: Ausgabe vom 24.10.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Rohstoffpolitik

Objekt imperialistischer Begierden

Boliviens Lithiumreserven stellen für das Land Gefahr und Chance zugleich dar
Von Volker Hermsdorf
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Ein Porträt des Expräsidenten Evo Morales hinter Salzkristallen am Salzsee »Salar de Uyuni« in Bolivien (6.6.2017)

Am 24. Juli hatte Elon Musk auf die Kritik eines Twitter-Users an der Rolle Washingtons beim Sturz des gewählten Präsidenten Evo Morales geantwortet: »Wir werden putschen, gegen wen immer wir wollen. Finde dich damit ab.« Der mittlerweile gelöschte Tweet ist drei Monate später noch immer hochaktuell. Bolivien besitzt mit seinen Lithiumreserven das, was der Tesla-Chef und die Autobauer in Stuttgart, Wolfsburg oder anderen Teilen der Welt für ihre E-Auto-Batterien dringend brauchen. Der als »weißes Gold« bezeichnete Rohstoff macht das Land für transnationale Konzerne und die deren Interessen dienenden Regierungen weiterhin zum Objekt imperialistischer Begierden.

Unter dem Salzsee von Uyuni lagern auf knapp 3.700 Meter Höhe mit – laut bolivianischen Schätzungen – 21 Millionen Tonnen die weltweit größten Lithiumvorräte. Für Bolivien bieten sie eine Chance, die Armut zu bekämpfen, das Gesundheits- und Bildungssystem auszubauen sowie Verkehrs- und Infrastrukturprojekte voranzutreiben. Der im November 2019 gestürzte Staatschef Morales sah im industriellen Abbau von Lithium sogar eine Möglichkeit, das einst ärmste Land Südamerikas zur wirtschaftlichen Lokomotive des Kontinents zu machen.

Morales wollte, dass der Rohstoff in der Region verarbeitet wird und verfolgte das ehrgeizige Ziel, in Bolivien Akkus für den Weltmarkt zu produzieren. Im September 2019 präsentierte er das erste, vom bolivianischen Unternehmen Quantum Motors im Llajta-Gewerbegebiet bei Cochabamba entworfene und hergestellte Elektroauto. Da die finanziellen Ressourcen zum industriellen Abbau des Lithiums jedoch nicht reichten, müsse das Land Kooperationen eingehen, räumte Morales damals ein. Man wolle das Geschäft nicht ausländischen Konzernen überlassen, diese dürften sich aber beteiligen.

Ende 2018 unterzeichneten die Chefs des bolivianischen Staatskonzerns »Yacimientos del Litio Bolivianos« (YLB) und des baden-württembergischen Unternehmens »ACI Systems Alemania« (ACISA) den Vertrag zur Gründung eines Joint Ventures zur Lithiumgewinnung. Dabei hielt die Andenrepublik durch ihren Konzern 51 Prozent der Anteile. Die deutsche Seite hatte zugesagt, zusammen mit YLB von 2022 an 70 Jahre lang Lithiumhydroxid zu fördern. Außerdem versprach ACISA den Aufbau einer Batterieproduktion in Bolivien und den dazugehörigen Wissenstransfer.

Kurz vor den Wahlen vom 20. Oktober 2019 stellten Teile der rechten Opposition und eine regionale Bürgerinitiative die Verträge plötzlich in Frage und zwangen Morales mit Protestaktionen schließlich, das Abkommen zu pausieren. Nach dem Staatsstreich legte das Putschistenregime das – von MAS-Politikern zur Finanzierung von Sozialprogrammen weiterhin favorisierte – Joint Venture komplett auf Eis. Welche Rolle US-amerikanische Interessen dabei gespielt haben, ist noch ungeklärt.

Mit dem Wahlsieg von Luis Arce hat die künftige Regierung jedoch auch eine solide Basis für die Wiederbelebung der Pläne zum Lithium-Abbau gewonnen. Voraussetzung für eine ausreichende Akzeptanz in der Bevölkerung dafür dürfte jedoch sein, dass Abbau und Produktion umwelt- und sozialverträglich geschehen und die Bewohner der betroffenen Regionen ihre Interessen ausreichend berücksichtigt sehen.

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