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Aus: Ausgabe vom 22.10.2020, Seite 1 / Titel
Tarifkonflikt

Streik auf allen Kanälen

Mit Livestream mobilisiert Verdi Beschäftigte vor dritter Tarifrunde im öffentlichen Dienst. Proteste als starkes Signal für Kampfbereitschaft
Von Oliver Rast
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Es muss kein Straßenpflaster sein: Verdi-Aktivisten protestieren paddelnd auf der Binnenalster (Hamburg, 21.10.2020)

Mobil im Netz. Verdi machte es am Mittwoch vor. Die Gewerkschaft begleitete die bundesweiten Warnstreiks im öffentlichen Dienst mit einem dreistündigen Livestream auf ihrer Homepage – Motto: »Drei Tage – 300 Aktionen«. Es war ein Prolog zur dritten und entscheidenden Tarifrunde. Abgesandte von Verdi und Beamtenbund, die Organisationen bilden eine Tarifgemeinschaft, werden am Donnerstag und Freitag Vertretern des Bundes und der Kommunen gegenübersitzen. Zündstoff gibt es genug, die Positionen liegen weit auseinander. Ort des Clinches ist Potsdam.

Dank Direktschaltungen zu Protestkundgebungen von Verdi aus der Berliner Zentrale konnte man sich im Homeoffice einen Eindruck von den Aktionen und Stimmungen machen. Moderiert wurde das Ganze von Cornelia Berger, Verdi-Kommunikationschefin, und Schauspieler Nicolai Tegeler. Im Hintergrund des Studios stand in großen Lettern auf einem Bildschirm: »Wir halten den Laden am Laufen. Jetzt seid ihr dran.« Eines war beiden wichtig: Gewerkschaftspolitik darf unterhaltsam sein, mit Gewinnspielchen und Mitmachaktionen wurden die Zuschauer zwischen Liveberichten und Infoblöcken bei Laune gehalten.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Protest auf den Straßen und in virtuellen Kanälen lässt sich verbinden. Das ist auch nötig, um den Druck aufrechtzuerhalten, besser, zu erhöhen. Denn die ersten beiden Tarifrunden waren ergebnislos geblieben. Bundesinnenministerium und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) hatten sich geweigert, ein verhandelbares Angebot vorzulegen. Es geht um die Arbeitsbedingungen von rund 2,3 Millionen Tarifbeschäftigten und 200.000 Beamten. Zur Erinnerung: Verdi und der Beamtenbund fordern für diese Beschäftigten von Bund und Kommunen 4,8 Prozent mehr Einkommen, mindestens aber 150 Euro mehr pro Monat, bei einer Laufzeit von zwölf Monaten.

Am vergangenen Freitag unterbreitete die Gegenseite ein »Angebot«. Kerninhalt: Die öffentlichen »Arbeitgeber« hatten den Beschäftigten insgesamt 3,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt offeriert, wohlgemerkt in Stufen über drei Jahre hinweg. Diese Entgelterhöhungen zwischen einem und anderthalb Prozent pro Jahr hätten nicht einmal Preissteigerungen ausgeglichen. »Der erste Erhöhungsschritt wird mit einem Mindestbetrag von 30 Euro verbunden«, teilte die VKA weiter mit. Die Reaktion kam prompt: »Die angebotenen Lohnsteigerungen sind respektlos«, erklärte Verdi-Verhandlungsführer Frank Werneke. »Für kleinere und mittlere Einkommen bedarf es eines deutlich höheren Mindestbetrags.« Die Laufzeit sei viel zu lang.

Das Gute – die Protestfront steht. »In Potsdam kamen 350 Streikende zusammen, bundesweit waren wir mehrere zehntausend«, sagte Mike Döding, Verdi-Geschäftsführer im Bezirk Potsdam-Nordwestbrandenburg, am Mittwoch im jW-Gespräch. Mit Phrasen werden sich die Kollegen nicht mehr abspeisen lassen, so Döding. »Wir sind kämpferisch, kein Zweifel.« Unterstützung erhält er aus dem Bundestag: »Für die Lufthansa Milliarden an Steuergeld lockermachen und Milliardäre verschonen, aber die Krankenschwester zum Verzicht auffordern? Das geht gar nicht!« betonte Susanne Ferschl, stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Die Linke, gleichentags gegenüber jW. Und was sagte der Verdi-Vorsitzende Werneke per Liveschalte aus Hannover? »Wir gehen mit viel Rückenwind in die dritte Tarifrunde.«

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