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Aus: Ausgabe vom 14.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Schön? Wirksam!

Unerhörte Botschaften: Vor hundert Jahren gründete Erwin Piscator sein »Proletarisches Theater«
Von Erik Zielke
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Weltkünstler: Piscator (l.) arbeitet in Frankfurt am Main an seiner Inszenierung von Jean-Paul Sartres »Im Räderwerk« (9.9.1953)

Einhundert Jahre sind eine lange Zeit. Wie weit reicht das Gedächtnis eines Theaterkritikers zurück? Aus eigener Anschauung wird man im hohen Alter, wenn sich die Umstände glücklich fügen, auf ein halbes Jahrhundert erlebte Theatergeschichte zurückblicken können. Wie ausschnitthaft bleibt das Gesehene bei dieser so reizvoll orts- und zeitgebundenen Kunstform. Und wie stark ist manchmal der Wunsch, dabeigewesen zu sein bei der einen oder anderen waghalsigen Unternehmung auf den Bühnen dieser Welt, die Menschen getroffen zu haben, die das Medium Theater auf ein Neues erfunden – oder auch gänzlich in Frage gestellt – haben.

Erwin Piscator etwa, 1893 geboren und 1966 gestorben, hat sein Leben dem Theater gewidmet und ist zu einer einflussreichen Figur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geworden. Er prägte den Begriff »politisches Theater« und brachte mit jedem Werk auch eine Haltung zum Ausdruck. Piscator war bekennender Sozialist, vor allem aber Pazifist. Als herausragender Uraufführungsregisseur hat er bewiesen, dass er die entscheidenden Stoffe seiner Zeit entdecken und bühnenwirksam umsetzen konnte. Zu den wichtigsten Dramatikern, die von Piscators Arbeit profitiert haben, zählen Ernst Toller wie auch Peter Weiss und Rolf Hochhuth.

Zwei Volksbühnen durfte Piscator leiten – in den 20er Jahren den monumentalen Bau in Berlin-Mitte, errichtet von den »Arbeitergroschen«, die das kulturhungrige Proletariat gespendet hatte, und dann die Volksbühne in Westberlin in den 60er Jahren, eine späte Wiedergutmachung für den Weltkünstler, der erst vor den Nazis hatte fliehen müssen und im Nachkriegsdeutschland zunächst kein großes Publikum erreichte.

Die eigentliche Idee für ein wahres Volkstheater hatte Piscator schon früher verfolgt, damals vielleicht sogar konsequenter: Am 14. Oktober 1920 eröffnete sein »Proletarisches Theater« in Berlin-Neukölln, einem der Zentren der damaligen Arbeiterbewegung. Von dem später verfolgten Ziel eines sogenannten Totaltheaters konnte damals noch nicht die Rede sein. Piscator arbeitete unter einfachen Bedingungen, mit einfachen Mitteln, aber mit klaren, unerhörten Botschaften. Hier wurde ein prägendes Agitproptheater erfunden, das sich deutlich bekannte – etwa zu Sowjetrussland –, das aber auch künstlerisch unabhängig sein wollte. Häufig wurde der Vorwurf erhoben, Piscator habe bei all der Politik die Kunst vergessen. Aber sein Ansatz war eine Demokratisierung der Kunst, wie unser heutiges Wissen über die Inszenierungen zeigt. Piscators »Proletarisches Theater« beanspruchte keinen bürgerlichen Schönheitsbegriff mehr, es wollte wirksam sein. Bühnenwirksam – und politisch wirksam.

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