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Aus: Ausgabe vom 14.10.2020, Seite 8 / Ansichten

Keine Gnade

Prozess in Athen gegen Faschisten
Von Hansgeorg Hermann
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Den Faschisten der »Goldenen Morgendämmerung« endlich den Prozess gemacht: Der Areopag in Athen (13.10.2020)

Schon am Dienstag nachmittag, noch bevor der Athener Gerichtshof den Prozess gegen die Führer der faschistischen Partei Chrysi Avgi (CA), gegen deren Schläger und Mörder, analysiert und ein Urteil verkündet hatte, stand fest, dass es wohl keine Nachsicht mehr geben wird für diese »kriminelle Bande«. Als solche war sie schlussendlich auch von den Richtern des Areopag eingestuft worden. 27 Jahre nach der Gründung dieser Organisation, die in den Jahren 2012 bis 2019 mit bis zu 18 Abgeordneten im Parlament saß.

Wie konnte das passieren – knapp 40 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur, die von 1967 bis 1974 das Volk unter den Säbeln und Pistolen einer Clique von Armeeoffizieren kleinhielt? Die Antwort gab vor sechs Jahren, während einer Konferenz der deutschen Rosa-Luxemburg-Stiftung zum Thema Faschismus, der Athener Anwalt Thanassis Kampagiannis. Damals sprach er, sichtlich erregt, von einem »strukturellen« Fortwirken des Faschismus in den Tiefen der staatlichen Organisationen, in denen er – ähnlich wie längst auch in anderen europäischen Ländern sichtbar wird – problemlos überlebt und schließlich seine sagenhafte Wiedergeburt erlebt habe.

Vor Gericht wurde seit dem vergangenen Freitag deutlich, mit welch gründlicher Verachtung für die sogenannte liberale Demokratie sich der CA-»Führer« Nikos Michaloliakos in der politischen Szene wohlfühlen durfte. Und es wurde die abscheuliche Sprache hörbar, der sich sein »bester Mann«, der furchterregende Giannis Lagos, gegenüber der mutigen Staatsanwältin Adamantia Oikonomou bediente. Dieses »Gesindel« – ein Terminus, den übrigens Lagos’ Verteidiger Konstantinos Plevris für die draußen zu Tausenden wartenden Athener wählte – wurde gesellschaftsfähig, weil die griechische Rechte, rechte Sozialdemokraten nicht ausgenommen, Michaloliakos und seinen Gehilfen im Abgeordnetenhaus freundlich auf die Schulter klopfte und man sich gerne beim Vornamen nannte.

»Keine mildernden Umstände«, versprach nun das Gericht, für keinen von ihnen. Denn niemand ist unschuldig – da hatten die Redakteure der Syriza-Zeitung I Avgi am Samstag mit ihrer Schlagzeile recht. Vor allem nicht der rechtskonservative Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis, der es mit seinen breit grinsenden Faschisten auf der Regierungsbank offenbar nicht ungerne sah, wenn die mörderischen Banden der Chrysi Avgi auf der Insel Lesbos Kriegsflüchtlinge und Journalisten prügelten oder in Athen mal eben einen politisch unbequemen Rapmusiker umbrachten.

Unter den jungen Leuten, die an den Universitäten in Athen, Thessaloniki oder Patras zu Menschen im Sinne des Humanismus ausgebildet werden möchten, dürfte sich kaum jemand finden, der dem Polizeiapparat des Landes oder dem Militär noch Vertrauen schenken würde. Auf der Straße vor dem Areopag forderten sie vom Staat und seinen Organen das, was nur noch die Justiz ihnen versprechen könnte: Reinigung – und keine Gnade für die Verantwortlichen.

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