Zu den Videos der jW-Lesewoche >
Gegründet 1947 Dienstag, 20. Oktober 2020, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Zu den Videos der jW-Lesewoche > Zu den Videos der jW-Lesewoche >
Zu den Videos der jW-Lesewoche >
Aus: Ausgabe vom 01.10.2020, Seite 8 / Ansichten

Profit schafft Armut

Ungleichheit im Alter
Von Christoph Butterwegge
Alternative_Angebote_65047173.jpg
Tafeln: Altersarmut ist kein Zukunftsproblem, sondern längst Realität (Fürth, 14.4.2020)

Ältere bilden seit geraumer Zeit die Bevölkerungsgruppe, deren Armutsrisiko hierzulande stärker wächst als das jeder anderen. Wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte, hat die Zahl der betroffenen Seniorinnen und Senioren in den vergangenen 15 Jahren dreieinhalb Mal stärker zugenommen als die Zahl der Betroffenen insgesamt. Bei den »Tafeln«, die nach eigenen Angaben 1,65 Millionen Menschen regelmäßig mit Lebensmitteln versorgen, machen Ruheständler mittlerweile einen großen Teil der »Kundschaft« aus. Trotzdem wird die Altersarmut von den meisten politisch Verantwortlichen immer noch als bloßes Zukunftsproblem verharmlost.

Wenn das Statistische Bundesamt einen Anstieg der Grundsicherungsbezieher von 1,7 Prozent (2003) auf 3,2 Prozent (2019) meldet, dürfte sich mancher Politiker der Regierungsparteien beruhigt zurücklehnen, weil scheinbar nur ein relativ kleiner Anteil der älteren Menschen auf eine staatliche Fürsorgeleistung zurückgreifen muss. Verkannt wird dabei die gerade im Rentenalter extrem hohe Dunkelziffer. Nur jeder dritte Anspruchsberechtigte stellt nämlich einen Antrag. Zwei von drei tun es nicht – aus Unkenntnis, Scham, falschem Stolz, vielfach begründeter Angst vor Ämtern oder Furcht vor deren Rückgriff auf das Geld ihrer Kinder.

Die ganze Dramatik der Altersarmut wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass es im Dezember 2019 knapp 1,13 Millionen Ruheständler gab, die einen Minijob hatten, darunter fast 200.000 Personen, die 75 Jahre oder älter waren. Viele alte Menschen, die seinerzeit Regale eingeräumt, Büros geputzt oder Zeitungen ausgetragen haben, um über die Runden zu kommen, dürften ihre geringfügige Beschäftigung wegen der Covid-19-Pandemie, des Shutdowns oder der anschließenden Rezession inzwischen verloren haben. Und wenn die Tendenz zur Digitalisierung und Prekarisierung der Arbeitswelt anhält oder aufgrund der Vorteile des Homeoffice für die Unternehmen sogar forciert wird, dürfte die Altersarmut beim Renteneintritt der nächsten Generation einen weiteren Schub bekommen.

Selbst so seriöse Daten wie die des Statistischen Bundesamtes vermitteln manchmal ein unvollständiges, wenn nicht schiefes Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Denn die Armut im Alter ist nur ein Teil des Problems der in jeder Generation wachsenden Ungleichheit. So hat Dieter Schwarz, der 80jährige Eigentümer von Lidl und Kaufland, sein Privatvermögen zwischen September 2019 und September 2020 um 300 Millionen Euro auf 41,8 Milliarden Euro gesteigert. Besitzer solcher Ladenketten wurden noch reicher, weil auch mehr Senioren wegen geschlossener Tafeln und steigender Lebensmittelpreise bei Discountern eingekauft haben, um Geld zu sparen.

Christoph Butterwegge hat bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt. Kürzlich ist sein Buch »Ungleichheit in der Klassengesellschaft« im Papy­rossa-Verlag erschienen

Unverzichtbar!

»Die einzige deutschsprachige Tageszeitung, die konsequent an der Seite Kubas steht. Das macht die junge Welt für mich unverzichtbar.« Petra Wegener, Vorsitzende der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Ähnliche:

  • Die Regierung macht es möglich: Prekäre Arbeitsverhälntisse führ...
    01.10.2020

    Das Elend ist sicher

    Armutsrisiko unter Rentnern drastisch gestiegen. DGB und Sozialforscher warnen vor Auswirkungen des Niedriglohnsektors. Regierung verharmlost
  • Die neuesten Rentenreformen der Bundesregierung sind nur Symbolp...
    07.07.2020

    Politisches Armutszeugnis

    Mit der nun von der Großen Koalition beschlossenen sogenannten Grundrente lässt sich die Altersarmut nicht bekämpfen, sondern höchstens im Einzelfall lindern

Mehr aus: Ansichten