Gegründet 1947 Freitag, 27. November 2020, Nr. 278
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 01.10.2020, Seite 4 / Inland
Dannenröder Wald

Kampf um »Danni« steht bevor

Polizei bereitet sich auf mehrwöchigen Einsatz im Dannenröder Wald vor, um Weiterbau der A 49 durchzusetzen. Umweltverbände rufen zu Großdemo auf
Von Claudia Wangerin
04.jpg
Polizeibeamte verstärkten bereits am 21. September ihre Präsenz am Dannenröder Wald

Wenn die Abholzung im Dannenröder Wald nicht verhindert werden kann, dürfte es der Umweltbewegung zumindest gelingen, den politischen Preis dafür in die Höhe zu treiben, den vor allem die hessischen Grünen als Juniorpartner der CDU in der Landesregierung zu zahlen hätten. Ein behördliches Ultimatum für die rund 200 Aktiven, die seit rund einem Jahr Baumhäuser und Barrikaden im »Danni« errichtet haben, um sich am »Tag X« mit ihren Körpern der Rodung entgegenzustellen, lief bereits am Mittwoch aus. Freiwillig wollen sie erwartungsgemäß nicht gehen. Ziviler Ungehorsam ist ihre Devise.

Schon an diesem Donnerstag dürfen die ersten Bäume gefällt werden. Die Polizei, die den Kahlschlag zugunsten des Weiterbaus der Autobahn A 49 mit Gewalt durchsetzen soll, rechnet mit einem mehrwöchigen Einsatz – sowohl wegen der Unübersichtlichkeit des Gebiets als auch wegen der Entschlossenheit der Aktiven. Um zu verhindern, dass die Beamten sich rechtswidrig und unverhältnismäßig brutal verhalten, will die Fraktion Die Linke im hessischen Landtag parlamentarische Beobachter in den Wald schicken – voraussichtlich aber erst ab Montag. Vorher sei die Räumung der Hüttendörfer nach bisherigen Informationen nicht geplant, sagte Fraktionspressesprecher Tim Dreyer am Mittwoch gegenüber junge Welt. Sollte sich die Lage ändern, werde kurzfristig reagiert. Nach Medienberichten hat die Polizei bereits den nahe gelegenen Sportplatz in Kirtorf-Lehrbach gemietet, um eine Landemöglichkeit für Hubschrauber zu schaffen.

Neben regionalen Bürgerinitiativen, der Linkspartei und außerparlamentarischen Linken rufen auch große Umweltorganisationen mit teils bürgerlichen Unterstützern zum Protest dagegen auf, dass in Zeiten der Klimakrise gesunder Laubmischwald für eine Autobahn geopfert werden soll. Für Sonntag ab 12 Uhr mittags ist eine Großdemonstration direkt am Dannenröder Wald geplant. Angemeldet wurde sie von Uwe Hiksch, Vorstandsmitglied der Naturfreunde Deutschlands, die sich ausdrücklich mit der Waldbesetzung solidarisieren. Erwartet werden mehrere tausend Teilnehmende, auch das Kampagnennetzwerk Campact unterstützt die Demonstration und ruft zu Spenden auf. »Kommen Sie am 4. Oktober vorbei und setzen ein starkes Zeichen gegen die A 49 und für den Erhalt des Waldes und Trinkwasserschutzgebiets im Vogelsberg«, heißt es im Aufruf des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Eine Klage der Organisation gegen den Weiterbau wegen Gefährdung bedeutender Trinkwasserschutzgebiete war im Juni vom Bundesverwaltungsgericht abgewiesen worden.

Vordergründig geht es nur um 27 von rund 1.000 Hektar – der Dannenröder Wald würde dadurch allerdings zerschnitten und seine Biotope links und rechts von der Autobahn durch Lärm und Abgase belastet. Abgesehen von den Auswirkungen auf Natur und Tierwelt in der direkten Umgebung geht es dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) um eine verkehrspolitische Grundsatzfrage – und um die Folgen solcher Richtungsentscheidungen für das Weltklima: »Das passt einfach nicht mehr in diese Zeit«, sagte NABU-Fachbereichsleiter Mark Harthun am Mittwoch im Gespräch mit jW. Das Autobahnprojekt basiere auf 40 Jahre alten Planungen. Aufgabe der Landesregierung sei es jetzt, sich öffentlich gegen den Weiterbau der A 49 auszusprechen und bei der Bundesregierung einen Baustopp zu erwirken.
Dass dies nicht ohne zivilgesellschaftlichen Druck geschehen wird, ist offensichtlich. Demoanmelder Hiksch wirft Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) eine »Dinosaurierverkehrspolitik« vor. Scheuers hessischer Amtskollege, der Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir – genaugenommen ist er Landesminister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen – beruft sich bisher verschämt darauf, nichts mehr ändern zu können, während der Koalitionspartner sich voll zur A 49 bekennt.

Unlängst ließen sich mehrere Landes- und Kommunalpolitiker der CDU bei einem Baustellenbesuch filmen und äußerten in dem am Montag vom Portal Oberhessen live veröffentlichen Video »den dringenden Wunsch, dass diese Autobahn weitergeführt wird«. Der Vogelsberger CDU-Kreisvorsitzende Jens Mischak sprach dabei sogar von einem »wirtschaftlichen Aufschwung«, den er sich von der A 49 für die Region erhoffe.

Unverzichtbar!

»Kapitalismus und intakte Umwelt sind wie Feuer und Wasser. Die junge Welt benennt hier Ursachen und Verursacher und liefert damit die Basis für die Arbeit in der Klimagerechtigkeitsbewegung.« Jupp Trauth, Klimaaktivist bei Ende Gelände

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Blickt offenbar kritischer auf die Polizei in Hessen: CDU-Innenm...
    03.09.2020

    »Dies ist mehr Täter- als Opferschutz«

    Aufklärung in Sachen »NSU 2.0« in Hessen geht nur schleppend voran. Mitschuld trägt Landesregierung. Ein Gespräch mit Ulrich J. Wilken
  • Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (2. v. l.) bespricht sich mit ...
    28.08.2020

    Noch viel Aufklärungsarbeit

    Hessen: Landtag und OLG Frankfurt befassen sich einmal mehr mit rechter Gewalt
  • Viele Aspekte des Bildungssystems der BRD standen in den 1970er ...
    12.08.2020

    Marx statt Rechtschreibung

    1970 vergab das hessische Kultusministerium den Arbeitsauftrag, so bald wie möglich lernzielorientierte Richtlinien vorzulegen. Resultat war der fortschrittlichste Bildungsplan der BRD

Regio:

Mehr aus: Inland