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Aus: Ausgabe vom 26.09.2020, Seite 15 / Geschichte
Zypernkonflikt

Geteilt und beherrscht

Vor 60 Jahren wurde Zypern formell unabhängig. Der Konflikt um die De-facto-Teilung 1974 schwelt weiter
Von Jörg Kronauer
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Der spätere erste Präsident der Republik Zypern, Makarios III. (links im Wagen), kehrt nach dreijährigem Exil auf die Insel zurück (Nikosia, 3.3.1959)

Es werden wohl einsame Feierlichkeiten: Die Militärparade, die Zyperns Nationalgarde jedes Jahr am 1. Oktober durchführt, muss in diesem Jahr auf Publikum verzichten. Das hat die zyprische Regierung im Bestreben, die Covid-19-­Pandemie einzudämmen, vor zweieinhalb Wochen beschlossen. Dabei gibt es am offiziellen zyprischen Unabhängigkeitstag dieses Jahr ein rundes Jubiläum zu feiern: Die Befreiung des Landes aus britischer Kolonialherrschaft jährt sich zum 60. Mal.

Vereinigung mit Griechenland…

Zypern, 1570/1571 vom Osmanischen Reich erobert, war von diesem 1878 gegen eine Pacht an Großbritannien abgetreten worden. Die Eröffnung des Suezkanals neun Jahre zuvor hatte den Seeweg zwischen dem Vereinigten Königreich und seiner Kolonie Indien erheblich verkürzt. London entwickelte deshalb ein starkes Interesse daran, diese Route möglichst zuverlässig zu kontrollieren. Zypern lag dafür günstig, und der faktischen Übernahme der Insel folgten weitere Schritte Großbritanniens – etwa den Feldzug gegen Ägypten von 1882. Als das Osmanische Reich im Oktober 1914 auf der Seite der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg eintrat, annektierte das Vereinigte Königreich Zypern endgültig. 1923 ließ es sich die Insel im Vertrag von Lausanne in aller Form übertragen, 1925 erklärte es sie zur Kronkolonie.

Die Bewohner hatten jedoch andere Vorstellungen von ihrer Zukunft. Die Griechisch sprechende Mehrheit auf Zypern, die rund 80 Prozent der Bevölkerung ausmachte, wünschte eine Vereinigung mit Griechenland. Dieses hatte sich im Krieg um die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich in den 1820er Jahren zunächst auf einem kleinen Teil seines heutigen Territoriums gegründet, bevor im Lauf der Jahrzehnte weitere Gebiete hinzukamen, die Insel Kreta etwa erst im Jahr 1913. Wie die Kreter strebten auch die griechischen Zyprer die »Enosis« (griechisch für Vereinigung) mit dem griechischen Staat an. Die türkischsprachige Minderheit konnte sich mit der Enosis allerdings nie anfreunden. Für die britische Kolonialmacht war dies äußerst praktisch: Immer, wenn die Vereinigungsforderungen der griechischen Zyprer ihr zu energisch wurden, spornte sie die türkischen Zyprer zum Widerstand an, um dank der anhaltenden Patt-Situation ihre Herrschaft aufrechterhalten zu können.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Lage allerdings in mehrfacher Hinsicht schwierig. Nachdem im Oktober 1950 Michail Mouskos zum Erzbischof von Zypern gewählt wurde, wurde die Forderung nach der Enosis stärker. Makarios III., wie er sich von der Zeit an nannte, war ein vehementer Befürworter der Vereinigung mit Griechenland. Zudem setzte die weltweit voranschreitende Entkolonialisierung Großbritannien unter Rechtfertigungsdruck. Ende 1954 brachen Proteste aus, im April 1955 nahm die nationalistische Guerrillatruppe EOKA (Ethniki Organosis Kyprion Agoniston, Nationale Organisation zyprischer Kämpfer) unter Führung des Antikommunisten Georgios Grivas den Kampf gegen die britischen Kolonialisten auf. Die waren aus geostrategischen Gründen nicht bereit, die Insel freizugeben: »Kein Zypern – keine zuverlässigen Einrichtungen, um unsere Ölversorgung zu schützen«, verkündete Premierminister Anthony Eden im Juni 1956, »so einfach ist das«. Britische Truppen gingen mit brutalen Mitteln gegen den Aufstand vor. Noch im Januar 2019 musste die britische Regierung 33 einstigen EOKA-Kämpfern eine Entschädigung von insgesamt einer Million Pfund für damals erlittene Folter zuzusprechen.

… oder Teilung des Landes

Um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten, machten sich die Kolonialherren erneut die Differenzen zwischen der griechisch- und der türkischsprachigen Bevölkerung zunutze. Im Kampf gegen die ­EOKA nahmen sie vorwiegend türkische Zyprer in die lokale Polizei auf. Britische Geheimdienstler standen Pate, als sich 1956 die paramilitärische Untergrundorganisation ­VOLKAN und 1958 die Türkische Widerstandsorganisation (Türk Mukavemet Teskilati) mit türkischsprachigen Zyprern gründeten, die gewaltsam gegen den griechischsprachigen Teil der Bevölkerung vorgingen. In jenen Jahren wurde unter türkischsprachigen Zyprern die Forderung nach »Taksim«, so das türkische Wort für die »Teilung« des Landes, laut. Als die Lage gänzlich unhaltbar wurde, setzte Großbritannien eine Kompromisslösung durch: Weder Enosis noch Taksim, statt dessen die Entlassung Zyperns in die formelle staatliche Unabhängigkeit. Zudem sicherten sich die Briten aus erwähnten geostrategischen Gründen zwei Militärbasen auf der Insel, bei Akrotiri sowie Dhekelia. Basierend auf zwei Verträgen, dem »Gründungsvertrag« und dem »Garantievertrag«, wurde Zypern am 16. August 1960 ein eigener Staat. Am 20. September wurde es zudem in die Vereinten Nationen aufgenommen. Gefeiert wird allerdings jedes Jahr am 1. Oktober, dem offiziellen Unabhängigkeitstag.

Zur Ruhe gekommen ist das Land seither nicht. Die britische »Teile und herrsche«-Politik hatte einen dauerhaften Keil zwischen die Sprachgruppen auf Zypern getrieben. Die Spannungen hielten an und entluden sich ab Dezember 1963 erneut in Gewalt. Um sie zu beenden, beschloss der UN-Sicherheitsrat am 4. März 1964 die Entsendung der United Nations Peacekeeping Force in Cyprus (Unficyp) – sie ist bis heute auf der Insel stationiert. Nach dem Militärputsch in Griechenland am 21. April 1967 begannen sich zu allem Überfluss auch noch die griechischen Generäle einzumischen, mit dem Ziel, doch noch die Enosis zu erzwingen. Ihre Intervention gipfelte am 15. Juli 1974 im gewaltsamen Sturz von Makarios III., des im Dezember 1959 gewählten und seit dem 16. August 1960 amtierenden Präsidenten Zyperns, und in der Einsetzung eines griechisch-zyprischen Putschregimes. Dies wiederum veranlasste die Türkei, die sich als »Schutzmacht« der türkischsprachigen Minderheit versteht, am 20. Juli Truppen in den Norden der Insel zu entsenden. Unter internationalen Druck brach die griechische Militärjunta und die von ihr eingesetzte zyprische Regierung am 23. Juli 1974 zusammen.

Die Türkei hat allerdings ihre Chance genutzt und bis August 1974 rund 37 Prozent des Territoriums der Insel besetzt. In den Gewaltorgien, die auf beiden Seiten losbrachen, flohen die griechischsprachigen Zyprer nach Süden, die türkischsprachigen nach Norden. Die Türkei erkannte als einziges Land weltweit Nordzypern als eigenen Staat an. Das ist die Lage bis heute. Den bislang letzten Versuch, eine Wiedervereinigung beider Landesteile zu erreichen, unternahm im Jahr 2004 der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan. Er fand dafür eine klare Mehrheit unter den türkischen, scheiterte aber an den griechischen Zyprern: Sie lehnten den »Annan-Plan« mit deutlicher Dreiviertelmehrheit ab.

Garantievertrag der Republik Zypern vom 19.2.1959

Artikel 1

Die Republik Zypern unternimmt alle notwendigen Anstrengungen, um ihre Unabhängigkeit, ihre territoriale Unversehrtheit und Sicherheit sowie die Achtung ihrer Verfassung sicherzustellen. Sie unterlässt es, ganz oder in Teilen an einer politischen oder wirtschaftlichen Gemeinschaft mit welchem Staat auch immer teilzunehmen. Sie erklärt dementsprechend jede Aktivität für verboten, die geeignet ist, direkt oder indirekt die Vereinigung mit einem anderen Staat oder die Teilung der Insel zu fördern.

(…)

Artikel 3

Die Republik Zypern, Griechenland und die Türkei verpflichten sich, die Unversehrtheit der Gebiete zu wahren, die zum Zeitpunkt der Gründung der Republik Zypern unter der Souveränität des Vereinigten Königreichs verbleiben (…)

Gründungsvertrag der Republik Zypern vom 16.8.1960

Artikel 1

Das Territorium der Republik Zypern umfasst die Insel Zypern zusammen mit den Inseln vor ihrer Küste mit Ausnahme der zwei Gebiete, die in Anhang A zu diesem Vertrag bestimmt werden und unter der Souveränität des Vereinigten Königreichs verbleiben. Diese Gebiete werden (…) als Souveränes Stützpunktgebiet Akrotiri und Souveränes Stützpunktgebiet Dhekelia bezeichnet.

Artikel 2

(…) Die Republik Zypern arbeitet vollumfänglich mit dem Vereinigten Königreich zusammen, um die Sicherheit und den wirksamen Betrieb der Militärstützpunkte sicherzustellen, die im Souveränen Stützpunktgebiet Akrotiri und im Souveränen Stützpunktgebiet Dhekelia liegen (…)

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Achim Lippmann, Shenzhen: Vergessen Es ist immer ein Vergnügen die meist sehr tiefgründigen Analysen von Jörg Kronauer zu lesen. Aber hier hat er schlicht und einfach die national einflussreichste kommunistische Partei des kapitalistis...

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