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Aus: Ausgabe vom 25.09.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Zur völligen Unzeit

Der DFB gibt nicht viel auf Sozialarbeit, erstarkende Rechte hin oder her: Gelder für Fanprojekte sollen gekürzt werden
Von Steven Redetzki
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Weit entfernte Basis: Transparent von Fans des Regionalligisten SV Babelsberg 03 am vergangenen Sonntag

Wohl kaum jemand, der sich ein wenig mit Fankultur in Deutschland auseinandergesetzt hat, wird die Wirksamkeit und Notwendigkeit der Fanprojekte, ihrer Sozial- und Präventivarbeit, in Frage stellen. Und so scheint es fast folgerichtig, dass der DFB genau das gerade tut. Am 11. September wurde in einer Onlinesitzung des DFB-Präsidiums über die Förderung der Fanprojekte gesprochen. Der Verband stellte dabei neun Millionen Euro für drei Jahre in Aussicht. Klingt erst mal ganz ordentlich. Tatsächlich ergibt sich hieraus aber ein Minus von mehr als 1,2 Millionen Euro, denn die bisherige Förderung des DFB lag bei gut 3,4 Millionen Euro im Jahr. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass chronisch klamme Kommunen ihre Förderung ebenfalls kürzen. Nach dem Motto: Wenn nicht mal der Verband im herkömmlichen Maße fördern kann, können wir es erst recht nicht.

Kurzer Rückblick: Bis 2012 wurden die Fanprojekte zu gleichen Teilen von Kommunen, Land und DFB finanziert. Ab 2012 übernahmen Kommunen und Land zusammen nur noch 50 Prozent, der Verband übernahm die andere Hälfte. Die Arbeit der Fanprojekte war dem Fußballbund wichtig. Für die Deutsche Fußballiga (DFL) ist sie es nach wie vor, sie stellt ihre Förderung für die 36 Profivereine nicht in Frage. Um so erstaunlicher, was nun durchsickerte: Beim DFB werden intern nicht erst seit Coronazeiten Pläne diskutiert, die die Arbeit der Fanprojekte ziemlich direkt in Frage stellen,

Unmittelbare Auswirkungen hätte die Umsetzung der Pläne auf mindestens 21 Fanprojekte, deren Verein unterhalb der dritten Liga spielen. An Standorten mit Erst-, Dritt- und Viertligisten wie Berlin, München oder Leipzig würde sich eine komplizierte Situation ergeben, denn die Fan- und Sozialarbeit für Traditionsvereine in der dritten oder vierten Liga ist in der Regel genauso anspruchsvoll wie die für die Bundesligisten.

Der DFB signalisierte nun, es nicht ganz so gemeint zu haben. Nach der Onlinesitzung kündigte der Verband in einer Pressemitteilung einen Prozess »mit allen relevanten Netzwerkpartner*innen« an. Bis 2022 bleibe die Förderung so, wie sie ist. Der Reformprozess zur Fanprojektförderung soll bis zum 1. Oktober 2021 abgeschlossen werden. Dieser Kompromiss wird in Fanprojektkreisen als Teilerfolg bezeichnet.

Was jetzt folgen sollte, ist ein klares Bekenntnis zu den Fanprojekten, auch in finanzieller Hinsicht. Das Bündnis »Pro Fans« machte in einer Pressemitteilung vom 16. September darauf aufmerksam, dass sich zwischen den »hehren Werte(n), die der DFB beansprucht, und seinem tatsächlichen Handeln ein eklatanter Spalt auftut«. Da derzeit extrem rechte Kräfte erstarken, käme eine Schwächung der Arbeit der Fanprojekte »zur völligen Unzeit«, ergänzte das Bündnis. Wortgleich erklärte Nicole Ludwig, Sprecherin für Wirtschaft und Sport der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, die Sparpläne des DFB kämen »zur völligen Unzeit«. Auf jW-Nachfrage zeigte sie sich »erschüttert« darüber, dass gerade in Coronazeiten, wo der gesellschaftliche Zusammenhalt und die präventive Sozialarbeit einen gesonderten Stellenwert einnehmen sollten, der Verband genau an dieser Stelle sparen möchte.

Der DFB macht sich mit seinen Plänen auf keiner Seite Freunde. Dass die negativen Reaktionen am Verbandssitz in Frankfurt am Main nicht antizipiert wurden, mag zunächst unerklärlich scheinen, passt aber ins Bild eines DFB, der sich von der Fanbasis komplett entfernt hat. In Eigenregie machte er die Spiele der Nationalmannschaft zu durchkommerzialisierten Events zu fernsehgerechten Anstoßzeiten, bei denen ein gesponserter Fanklub keinerlei Atmosphäre aufkommen lässt, und wundert sich nun, dass er nicht von allen geliebt wird. Es braucht ein Umdenken. Nicht nur bei der Finanzierung der Fanprojekte, aber dringend auch da.

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