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Aus: Ausgabe vom 24.09.2020, Seite 15 / Medien
Stellenabbau

»Wie vor den Kopf gestoßen«

Bei der Süddeutschen Zeitung sollen 50 Redaktionsstellen wegfallen – Belegschaft ist »zutiefst irritiert«
Von Nina Jeglinski
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Die Verlagsführung der SWMH hat die bisher größte Entlassungswelle bei der SZ eingeläutet.

Mitte September haben die Verlagsmitarbeiter der Süddeutschen Zeitung (SZ) bei einer Betriebsversammlung erfahren, dass 50 Stellen in der Redaktion der überregionalen Tageszeitung wegfallen sollen. Laut SZ-Betriebsrat handelt es sich um den umfangreichsten Stellenabbau in der Geschichte der Zeitung. Die Stimmung bei der Belegschaft ist im Keller.

Bei der Gewerkschaft Verdi haben sich mittlerweile verschiedene SZ-Mitarbeiter gemeldet. »Es sind nicht nur Redakteure, sondern auch Digitalexperten, Webdesigner und auch Redaktionsassistenten, die Rat bei uns suchen und ihre Fassungslosigkeit über diese Entscheidung zum Ausdruck bringen«, berichtete Matthias von Fintel, Verdi-Tarifsekretär Medien, am Montag gegenüber jW. Das Vorgehen der Verlagsleitung werde von den SZ-Beschäftigten als »zutiefst irritierend« und »als fatales Zeichen gegenüber der gesamten Branche« wahrgenommen.

Was ist passiert? Bis Mitte Dezember gibt die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), zu der die SZ gehört, den Mitarbeitern in der Print- und Onlineredaktion Zeit, sich freiwillig zu melden – wer den Verlag verlässt, erhält je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit bis zu 134.000 Euro. Wer sich bis Anfang November entscheidet, bekommt noch einmal 30.000 Euro extra. Die Tageszeitung Taz schreibt, dass der Stellenabbau zum »Effizienzprogramm« der SWMH gehöre und bereits vor einem Jahr angekündigt worden sei, zitiert die Taz SWMH-Sprecher Martin Gritzbach in der Ausgabe vom 15. September.

Wieviel Geld der Verlag damit insgesamt sparen möchte, wollte der SWMH-Sprecher gegenüber der Taz nicht verraten. Zudem ist unklar, was passiert, wenn sich keine 50 Redakteure melden, die freiwillig ihren Arbeitsplatz verlassen wollen. Laut Verlagsleitung seien betriebsbedingte Kündigungen aktuell nicht geplant, aber das kann sich Ende dieses, Anfang kommenden Jahres durchaus ändern. Auf der Redaktionsversammlung der SZ Mitte September wurden betriebsbedingte Kündigungen nämlich bereits als eine mögliche Option ins Spiel gebracht, Details wurden jedoch nicht weiter erläutert, schreibt die Taz.

Fakt hingegen ist, dass der Verlag noch mehr sparen will, das jetzige »Freiwilligenprogramm« gilt als erster Schritt. Auch in anderen Verlagsabteilungen soll demnächst ein solches »Freiwilligenprogramm« starten. Dabei sei eine wirtschaftliche Notlage des Verlags weder erkennbar noch absehbar. »Ich befürchte, dass die Reduzierung des Personals lediglich der Renditesicherung innerhalb des Konzerns dienen soll«, so von Fintel. Alleine mit dem sogenannten Freiwilligenprogramm würden zehn Prozent der Belegschaft ihren Hut nehmen, heißt es.

Die nun geplanten Kürzungen würden auch digitale Strukturen treffen, die in den letzten Jahren mit sehr viel Arbeit aufgebaut worden seien. Von Fintel berichtet von SZ-Mitarbeitern, die sich bei der Gewerkschaft gemeldet hätten und fassungslos von diesem »Kahlschlag« seien. Teilweise würden bei der SZ Experten arbeiten, die sich bewusst für einen Arbeitsplatz bei der Zeitung entschieden hätten, weil es sich dabei nicht nur um eine wichtige Stimme bei der Meinungsbildung in diesem Lande handele, sondern weil die Süddeutsche Zeitung selbst stets eine faire Haltung propagiere. Die Anrufe von SZ-Mitarbeitern bei Verdi würden die aktuelle Stimmung, die im Verlag herrsche, widerspiegeln: »Wir fühlen uns wie vor den Kopf gestoßen, berichten die Beschäftigten«, sagt von Fintel.

Wieso die Verlagsleitung ausgerechnet auch an den Digitalprodukten der SZ ansetzt, bleibt ein Rätsel. Erst Anfang September vermeldete die SWMH, dass die SZ aktuell 150.000 Digitalabonnenten habe, die Zahl habe sich innerhalb nur eines Jahres verdoppelt. Auch die Wochenendausgabe der Zeitung verzeichnet Wachstum.

Mitarbeiter der SZ mutmaßen, dass die Verlagsführung die aktuelle Coronakrise dazu nutzen wolle, Gehälter und Sozialausgaben zu drücken. Dem widersprach der Verlag. »Das Freiwilligenprogramm ist keine Folge der Coronapandemie«, sagte SWMH-Sprecher Gritzbach der Taz. Es solle zur »langfristigen wirtschaftlichen Konsolidierung« der Zeitung beitragen.

Mitarbeiter und Gewerkschaft befürchten, dass das Modell der SZ Schule machen könnte und demnächst auch andere Verlage auf diese Weise Stellen abbauen werden. Während der ersten Coronawelle im März waren bei den meisten Verlagen die Einnahmen aus Anzeigen und Veranstaltungsgeschäften stark zurückgegangen. Kurzarbeit und Kündigungen von freien Mitarbeitern waren bei zahlreichen Verlagen die Folge. Die Kurzarbeit sei zwar nun bei vielen Medienhäusern vorbei, aber dafür sieht Verdi Anlass zu der Sorge, dass es bei etlichen Verlagen nun zu Entlassungen kommen werde.

Die Süddeutsche Zeitung zählt zu den wichtigsten überregionalen Zeitungen in Deutschland. Redakteure und Mitarbeiter arbeiten an mehreren Standorten, Sitz der Zeitung ist München. Mehr als 500 Mitarbeiter sind allein im redaktionellen Bereich tätig.

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