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Aus: Ausgabe vom 23.09.2020, Seite 11 / Feuilleton
Neue Musik

Freiheit will geübt sein

Das Tiroler Festival Klangspuren beeindruckt mit herausfordernden Etüden von Mathias Spahlinger
Von Florian Neuner
OENM
Den Knoten lösen: Das »Oesterreichische ensemble für neue musik (Oenm)«

Nach der behördlich verordneten Zwangspause hat das österreichische Kulturleben im Spätsommer wieder Fahrt aufgenommen – eine Fahrt auf Sicht, denn auch im sich gerne als Kulturland vermarktenden Österreich müssen Veranstalter jederzeit damit rechnen, durch eilig über Nacht erlassene »Maßnahmen« wieder ausgebremst zu werden. Als »systemrelevant«, um eines der Unwörter des Coronajahres zu gebrauchen, werden sie anscheinend nicht betrachtet. Dass die Salzburger Festspiele unter strengen Sicherheitsmaßnahmen abgehalten wurden, durfte immerhin als deutliches Zeichen verstanden werden, dass mutlose Absagen nicht die einzig mögliche Reaktion auf diese schwierige Situation sind. Erfreulicherweise hat auch das Festival Klangspuren – neben Wien Modern das wichtigste Festival für Neue Musik in Österreich – die Herausforderung angenommen und (wenn auch in veränderter Form) vom 11. bis 20. September stattgefunden.

»Nichts ist mehr so, wie es sein sollte«, muss der künstlerische Leiter Reinhard Kager sein Editorial im Programmbuch beginnen – denn das gilt auch für seine Planung. Ursprünglich sollte die diesjährige Ausgabe des »Tiroler Festivals für Neue Musik« mit den Veranstaltungsorten Schwaz und Innsbruck unter dem Motto »Transi­tions« stehen und mit zahlreichen außereuropäischen Gästen die Internationalität in den Vordergrund stellen. Das erwies sich aufgrund der Reisebeschränkungen als undurchführbar. Kager entschloss sich deshalb, hauptsächlich mit österreichischen Kräften zu arbeiten, um die Planbarkeit des Festivals zu gewährleisten, das nun unter der Überschrift »Zeitzeichen« firmierte. Dabei hatte er auch das Argument auf seiner Seite, damit einer der am härtesten von der Krise getroffenen Berufsgruppen zu helfen. Da die österreichische Musikszene mit Ensembles wie dem Klangforum Wien, dem Ensemble »Phace« und dem »Oesterreichischen ensemble für neue musik (Oenm)« sowie mit Musikern wie Tiziana Bertoncini, Elisabeth Harnik oder Wolfgang Mitterer aufwarten kann, bedeutete das keineswegs eine provinzielle Verengung. Schon gar nicht resultierte daraus eine Konzentration auf österreichische Musik. Auf dem Programm standen Werke u. a. von Pierluigi Billone, Oxana Omelchuk, Vinko Globokar und Liza Lim. Dazu kam eine Programmschiene mit improvisierter Musik. Im Rahmen der »International Ensemble Modern Academy« arbeiteten Mitglieder des renommierten Frankfurter Ensembles wieder mit jungen Musikern.

Einer der Höhepunkte der diesjährigen Klangspuren war die Uraufführung der Kammerorchesterfassung von Mathias Spahlingers »Doppelt bejaht« durch das Oenm. Die Orchesterfassung der »Etüden für orchester ohne dirigent« hatte der Komponist 2009 für die Donaueschinger Musiktage entwickelt. Der Titel ist ein Marx-Zitat und verweist auf die »Kritik der politischen Ökonomie«, in der eine utopische Alternative zur entfremdeten Arbeit visiert wird. Als eine solche Alternative sehen Künstler gerne ihre vermeintlich selbstbestimmte Arbeit, machen sich dabei aber in aller Regel etwas vor, bilden sie doch meist eher eine Avantgarde deregulierter Arbeitsverhältnisse und haben bei Lichte betrachtet keineswegs Modelle anzubieten, wie Arbeitswelten sinnvoller und menschenwürdiger eingerichtet sein könnten. Das gilt es erst zu erarbeiten! Spahlinger, einer der politisch reflektiertesten Komponisten unserer Tage, bietet dafür mit »Doppelt bejaht« eine komplexe Versuchsanordnung und schreibt: »Analog zur politik im engeren sinne sind in der harmlosen sphäre des kulturellen, die sich gerne selbst das über-, also apolitische ihres tuns bescheinigt, die macht- und produktionsinstrumente der bestehenden verhältnisse, wo sie omnipräsent sind, am wenigsten im bewusstsein. sie lassen nur schwer gedanken zu, die gegen dieselben gerichtet sind oder sie übersteigen. und wie in der politik ist die diskrepanz zwischen einerseits den möglichkeiten, die die explosionsartig gesteigerten produktivkräfte bieten, und andererseits den erstarrten machstrukturen (…) die signatur der epoche.«

Nun hat es in den vergangenen Jahrzehnten schon häufig Versuche gegeben, den Dirigenten »abzuschaffen« – meist sehr brachiale Durchschlagungen des Knotens. Spahlinger geht ungleich subtiler vor. Er will die Orchestermusik nicht bloß symbolisch aus der Hierarchie »befreien«, sondern auch Musik im emphatischen Sinne ermöglichen. Die 17 Etüden der Kammerorchesterfassung, die Titel wie »Endloskontinuum«, »Punktefeld«, »Farbiges Rauschen« oder »Finalproblem« tragen, führen einerseits Beispiele der Zeitgestaltung in der neuen Musik vor, sie schaffen aber auch die Voraussetzung für ein erfülltes Musizieren. Der Grad an Freiheit der Musiker, die sich an Verzweigungen immer wieder für einen von mehreren möglichen Wegen entscheiden müssen, ist groß, ohne dass der kompositorische Gestaltungswillen preisgegeben wäre. Die Musiker aus Salzburg erarbeiteten den anderthalbstündigen Zyklus zwar mit Oswald Sallaberger, musizierten in Schwaz aber ohne Dirigenten eine eindrückliche Variante von fast unendlich vielen möglichen. Freiheit, so Spahlinger, will geübt sein.

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