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Aus: Ausgabe vom 23.09.2020, Seite 7 / Ausland
Frankreich

Damit das Kapital gesund bleibt

Corona in Frankreich: Schwerer Personalmangel in Krankenhäusern. Großkonzerne entlassen Tausende
Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Coronaabteilung im Militärkrankenhaus in Marseille (18.9.2020)

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat bisher offenbar keines seiner Versprechen eingelöst, die er in den vergangenen Monaten während der Covid-19-Krise gegeben hatte. Während eine zweite Krankheitswelle das Land überrollt, herrscht – anders als von der Regierung versprochen – erstens nach wie vor ein eklatanter Mangel an Betten und Personal in den staatlichen Krankenhäusern. Zweitens werden Lohnabhängige, die seit März in Kurzarbeit getrieben wurden und bereits einen Teil ihres Lohns verloren hatten, inzwischen zu Tausenden entlassen. Großkonzerne kassierten während der ersten Pandemiephase Hunderte Millionen Euro Staatshilfe zwecks Erhalt der Arbeitsplätze. Nun feuern sie, angeblich wegen gesunkener Umsatzzahlen, die gestern noch als »Helden« gefeierten Beschäftigten, die nach Macrons Worten seit dem Ausbruch der Seuche »den Laden am Laufen gehalten« hatten.

»Ein Mitnahmeeffekt«, klagte am Montag die Pariser Tageszeitung Libération, dem Macron und seine aus Rechtskonservativen und Sozialdemokraten zusammengeschusterte Regierung, »wie es scheint, machtlos« gegenüberstünden. In der Tat ließen sich der Präsident und seine Minister offenbar nur allzu leicht und gerne mit dem ewigen Trick der Unternehmer überrumpeln: Auf den von Macron und seinem damaligen Premier Édouard Philippe Mitte März verhängten »Lockdown«, die vorübergehende Schließung der Betriebe und eine allgemeine Ausgangssperre, reagierten die Bosse mit der üblichen Erpressung: Staatsgeld oder Massenentlassung. Das Geld, rund 300 Milliarden Euro, legte Macron im Mai auf den Tisch. Entlassen wird trotzdem.

Mit dem fetten Hilfspaket sicherte die französische Regierung nicht nur Unternehmen, Banken und deren Kreditgeschäfte ab, sie finanzierte auch die Kurzarbeit der Lohnabhängigen und half Kleinbetrieben mit Steuerbefreiung durch die Krise. Im Schatten der Coronaseuche verabschieden sich derzeit Großkonzerne wie Nokia, Sanofi, die Supermarktkette Auchan, Bridgestone oder General Electric aus dem Handel »Geld gegen Sicherheit der Arbeiter«. Wie französische Medien in den vergangenen Tagen meldeten, sind allein bei den genannten Betrieben rund 5.000 Stellen gefährdet oder bereits gestrichen. Im Rahmen der Gesundheitskrise – in Frankreich wurden jüngst mehr als 13.000 neue Coronainfektionen pro Tag gezählt – verweisen die Bosse auf einbrechende Umsätze und damit einhergehende Verluste. »Virés sous couvert du virus« titelte Libération am Montag, um die Situation der Lohnabhängigen zu beschreiben: »Gefeuert unter dem Deckmantel des Virus«.

Nicht besser steht es in den Krankenhäusern. Zwar hat die Regierung dem staatlichen Gesundheitsdienst eine mit sechs Milliarden Euro gefüllte Finanzspritze versprochen. Ärzte und Pflegepersonal hatten mit zehn Milliarden allerdings deutlich mehr Geld verlangt. Und – Macrons schöner Plan zeigte bisher nur wenig oder gar keine Wirkung. Während die zweite Covid- 19-Welle die Franzosen das Fürchten lehrt, klagen Vertreter renommierter Hospitäler wie der Pariser Pitié-Salpêtrière, wo einst Sigmund Freud in die Neurologie eingeführt wurde, über erneuten Bettenmangel. In Frankreich, wo die staatliche Gesundheitsbehörde allein am vergangenen Freitag 13.278 neue Infektionen meldete, seien die Krankenhäuser »noch weniger vorbereitet als im März«, erklärte am Montag das Pariser Collectif Inter-Hôpitaux, das sich die Verteidigung der staatlichen Krankenhäuser auf die Fahne geschrieben hat.

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