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Aus: Ausgabe vom 22.09.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf

Reifenhersteller zockt ab

Bridgestone will trotz kassierter Subventionen Werk in Nordfrankreich schließen
Von Raphaël Schmeller
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Beschäftigte von Bridgestone demonstrieren gegen Werksschließung in Nordfrankreich (Béthune, 17.9.2020)

Wenige Stunden vor dem Treffen mit Arbeitsministerin Élisabeth Borne am Montag, sagte Unsa-Gewerkschaftssprecher Christian Przemyski dem Radiosender Franceinfo: »Es gibt viel Wut. (…) Wir müssen kämpfen. Wir müsse zeigen, wozu wir bereit sind«.

Als am Mittwoch morgen die Arbeiter des japanischen Reifenherstellers Bridgestone in der nordfranzösischen Stadt Béthune von ihrer bevorstehenden Entlassung erfuhren, war die Bestürzung groß. Über in der Fabrik installierte Bildschirme wurde den 863 Beschäftigten in einer Videobotschaft mitgeteilt, dass ihr Werk schließen werde. Und das noch im ersten Quartal 2021. Die Konzernführung begründete das mit den in so einer Situation üblichen »Argumenten«: Überkapazitäten und Konkurrenzdruck aus China und Südkorea.

Für die Gewerkschaften sind das faule Ausreden. Der Konzern habe willentlich diese Situation herbeigeführt, um Kürzungen durchzusetzen und die Produktion auszulagern. Dem Werk in Béthune sei absichtlich die Herstellung unrentabler Autoreifenmodelle zugeschoben und Investitionen zur Modernisierung des Werks seien gestoppt worden.

Die Fabrik wurde 1961 am Rande der 25.000-Einwohner-Stadt Béthune errichtet. Die knapp 900 Beschäftigten von Bridgestone spielen hier eine wichtige Rolle für die Wirtschaft der Kommune. Denn wie die Gewerkschaft Unsa betont: Wenn die Produktion eingestellt wird, bedeutet das nicht nur Perspektivlosigkeit für 900 Familien. Zählt man die Zulieferer und alle anderen Jobs, die am Werk hängen, kommt man auf bis zu 5.000 Beschäftigte. Das sind ein Drittel der Arbeitsplätze in der Kommune. Dieses »Erdbeben« würde die drastische Deindustrialisierung Nordfrankreichs fortsetzen, die in den 1980er Jahren angefangen hatte und das Aufkommen des Front Nationals (heute Rassemblement National) begünstigte.

Die französische Regierung sowie der betroffene rechtskonservative Regionalratspräsident der Region Hauts-de-France, Xavier Bertrand, reagierten empört auf die angekündigte Schließung. Bertrand habe noch im Herbst vergangenen Jahres Unterstürzung angeboten, um das Werk zu modernisieren. Die Konzernchefs hätten aber abgelehnt.

Wirtschaftsminister Bruno Le Maire kündigte am Donnerstag an, er wolle für eine Neuausrichtung des Unternehmens kämpfen, bei der der Staat dem Unternehmen finanziell zur Seite stehen würde. Am Freitag wurde von Beschäftigten und Konzern ein Abkommen unterzeichnet, das eine fünfmonatige Übergangszeit vorsieht, um zusammen mit der Regierung Alternativen zur Schließung zu finden.

Soweit alles gut, also? Eher nicht, denn Subventionen für Unternehmen sind keine Garantien für die Arbeiter. 2018 bekam Bridgestone knapp zwei Millionen Euro aus dem Konjunkturprogramm Crédit d’impôt pour la compétitivité et l’emploi (CICE), das der ehemalige Präsident Francois Hollande gestartet hatte. Vorher hatte die Region Haut-de-France dem Konzern 500.000 Euro im Jahr 2008 und noch mal 120.000 Euro im Jahr 2017 überwiesen. Gebracht hat das nach heutigen Stand alles nichts.

Für die Gewerkschaft Confédération générale du travail (CGT) ist diese Subventionspolitik, die Staatspräsident Emmanuel Macron im Kontext der Coronakrise weiterführt, ein Skandal. Es müsse endlich Schluss damit sein und richtige Gegenleistungen von den Konzernen gefordert werden, damit sie nicht einfach abkassieren und mit dem Geld verschwinden, sagte CGT-Generalsekretär Philippe Martinez am Donnerstag. Der Vorsitzende der Partei France insoumise, Jean-Luc Mélenchon, fasste für den Sender BFM TV am Sonntag die Haltung der Konzernchefs so zusammen: »Diese Leute nehmen, lügen und am Ende entlassen sie«.

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