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Aus: Ausgabe vom 04.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Jimi lässt sich bitten

Anarchie in Germany: Vor 50 Jahren lief das »Love and Peace Festival« auf Fehmarn fulminant aus dem Ruder
Von Frank Schäfer
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»Buht in der richtigen Tonart!« – Jimi Hendrix bei seinem zurückhaltenden Auftritt auf Fehmarn

Von Anfang an ist der Wurm drin. 60.000 müssen kommen, damit es sich rechnet, aber nur 25.000 Karten werden verkauft. Schon am ersten Tag ist das Gelände eine Matschwüste, das Publikum versucht sich mit Zelten und Planen, zusammengekauert auf dem Boden, notdürftig vor dem Wetter zu schützen. Und die Exekutivgewalt haben 180 gedungene, aus Hamburg mit Bussen und Motorrädern angereiste Rocker an sich gerissen, die Bloody Devils, »die, angetrunken und größtenteils mit Schlagstöcken bewaffnet, den Terror ausübten, der hier Ordnung hieß«, schreibt Popkritiker Helmut Salzinger später. »Wer nicht gleich kuschte und sich besonderer an Unterwürfigkeit grenzender Freundlichkeit befleißigte, kriegte sofort eins in die Fresse.«

Als erste Amtshandlung schlagen sie eine Abordnung iranischer Studenten der Uni Kiel in die Flucht, die mit anderen Studenten aus der linken Szene vor und hinter der Bühne aushelfen. Die Bloody Devils veranstalten Hetzjagden auf die »Perser«, vier müssen mit Messerstichen ins Krankenhaus. »Sie sollten für eine Tagesgage von 50 Mark alle die abschrecken, die nicht zahlen konnten oder nicht zahlen wollten«, heißt es in der TV-Reportage von Radio Bremen. »Als sie ihren Lohn nicht pünktlich erhielten, zertrümmerten sie das Inventar des Pressezeltes und einer Gaststätte.« Auftritt eines Kuttenträgers mit Stahlhelm. »Wenn das hier mit dem Geld nicht klappen sollte, denn … also, denn steht hier nix mehr!«

Zu allem Überfluss spielt bei diesem extremen Wetter die Technik nicht mit. Nur vier von ursprünglich neun Bands – Cravinkel, Burnin Red Ivanhoe, Fotheringay und das John-Surman-Trio – bringen ihr Set über die Bühne, mehr schlecht als recht. Bekanntere Acts wie Taste, Colosseum und Cactus flüchten oder stehen im Stau, Renaissance müssen ihren Gig schon nach wenigen Minuten wieder abbrechen. Es gibt also kaum Musik, und wenn, hört man sie nicht, weil man die Bühne so plaziert hat, dass der Nordostwind den Schall von den Zuschauern wegweht. Der britische Bluesrocker Alexis Korner hat die undankbare Aufgabe übernommen, die vielen Absagen zu moderieren und die Pausen zu überbrücken. Gegen 23 Uhr ist er mit den Nerven am Ende. »Es tut uns leid, aber es geht nicht mehr …«

Am nächsten Tag ist es kalt und stürmisch, aber zumindest anfangs noch trocken, so dass Inga Rumpf mit Frumpy gegen Mittag auf die Bühne kann und ziemlich abräumt. Danach geht es weiter mit Aardvark und Ginger Baker’s Air Force, die ebenfalls das Publikum überzeugen können. Eine Zeitlang läuft alles halbwegs reibungslos, erst beim Freejazzer Peter Brötzmann gallert es wieder wie aus Eimern. Durch Löcher in der Bühnendecke strömt Wasser und sorgt für Kurzschlüsse. Procol Harum und Ten Years After winken ab. Jimi Hendrix ist jetzt auch auf der Insel, aber Roadmanager Gerry Stickells will ihn keiner Gefahr aussetzen, so bleibt der Hauptact des Festivals im Hotel. Wider Erwarten gibt es doch noch Musik: Mungo Jerry, Canned Heat, Sly & the Family Stone. Und am Ende wiegen die Elektronikpioniere Kluster das zermürbte Auditorium in den Schlaf.

Am nächsten Tag steht endlich Jimi Hendrix auf dem Programm, aber obwohl jetzt die Sonne herauskommt, lässt er sich bitten. »Eine skurrile Situation«, erinnert sich im Gespräch mit jW Günter Zint, der Hamburger Szenefotograf. »Die Rocker haben vor seinem Wagen gestanden, und er hatte Angst vor denen. Er musste von seinem Manager lange überredet werden, der ihm erklärte, dass die ihn nicht gefährden, sondern zu seinem Schutz da sind.«

Also schickt man kurzerhand Witthüser & Westrupp auf die Bühne, und sie bringen die Menge mit ihrem Dope-Humor zum Lachen. Bernd Witthüser:

»›Wie heißt ihr?‹ höre ich es rufen. Ich hatte es vor Aufregung vergessen und rief zurück: ›Bröselmann, und wir spielen gleich: Nimm einen Joint, mein Freund.‹ Und siehe: Der Himmel verdunkelte sich wieder. Von Tausenden Joints wehte der Rauch zu uns über die Bühne. Alles klar und wunderbar! Wie wir das Lied vom Flipper spielen, sehe ich denselben Delphin sich drüben in der Ostsee tummeln, sogar mit Morgenlatte.«

Gegen ein Uhr kommt endlich Hendrix. Die Stimmung im Publikum ist geladen. Buhrufe. »I don’t give a fuck, if you boo, as long as you boo in key, you muthas!« meint Hendrix nur, entschuldigt sich dann aber für die lange Wartezeit. Die wenigen Filmaufnahmen zeigen einen konzentrierten, melancholisch gestimmten Hendrix. Das mittlerweile offiziell veröffentlichte Bootleg bestätigt diesen Eindruck. Ein souveränes Set, aber er sprüht nicht gerade vor Spielfreude. Es gibt aber auch genügend enthusiasmierte Stimmen. »Wir saßen in der vierten oder fünften Reihe vor der Bühne, als Jimi loslegte und unsere Münder offen blieben«, berichtet Zeitzeuge Arno Kannen. »Nach kurzer Zeit reichten uns zwei nette Schweizer vor uns ein riesiges Chillum (stuhlbeinmäßig) mit Schimmelafghanen rüber, danach war an Bewegung oder irgend etwas anderes nicht mehr zu denken … Nur noch Musik pur von Jimi Hendrix, und so, wie er gespielt hat, muss er auch im Rauch gestanden haben …«

»Das Wetter war wunderbar, und es war eine riesige Stimmung. Ich fand auch, dass Jimi ein gutes Konzert gespielt hat«, bestätigt später der 2018 verstorbene Weltmusik-Pionier Christian Burchard, der mit seiner Band Embryo anschließend auf die Bühne muss. Sie nutzen den Schwung. Auch die Hamburger Jazzrocker Thrice Mice, die Agitpropgruppe Floh de Cologne und die Acid-Tripper von Limbus 4 verleben einen schönen Nachmittag. Aber gegen Abend kippt die Stimmung wieder. Es ist Zahltag, aber die noch verbliebenen Bloody Devils ahnen längst, dass hier nichts mehr zu holen ist.

Mittlerweile sind die Roten Steine auf der Bühne, die Vorgängerband von Ton Steine Scherben, und gießen Öl ins Feuer. »Ey, wir ham einen Scheck gefunden über 100.000 Mark, den hat Jimi Hendrix hier verloren«, ruft Rio Reiser. Als sie fertig sind, herrscht endgültig Anarchie in Germany. Das Organisationszentrum geht in Flammen auf und auch ein Teil der Bühne. Das »Love and Peace Festival« auf Fehmarn sollte das deutsche Woodstock werden. Es wurde beinahe ein zweites Altamont, das Festival in Kalifornien 1969, bei dem ein als Sicherheitsmann engagierter Hells Angel beim Konzert der Rolling Stones einen Zuschauer erstach.

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