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Aus: Ausgabe vom 20.07.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Kämpfe in Südostasien

Stratege der Revolution

Rainer Werning im Gespräch mit dem philippinischen Schriftsteller und Kommunisten José Maria Sison
Von Arnold Schölzel
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Protestkundgebung vor der niederländischen Botschaft in Manila gegen die kurz zuvor erfolgte Verhaftung Sisons in seinem Exilland (7.9.2007)

Der Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Politiker José Maria Sison ist in seinem Heimatland, den Philippinen, eine Legende, Held eines Musicals und eines Spielfilms, hierzulande aber fast unbekannt. Der 1939 geborene Sison war 1968 Gründungsvorsitzender der von ihm nach dem Verbot (1948) und einer weitgehenden Zerschlagung in den 1950er Jahren neu formierten Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP). Deren militärischer Arm New People’s Army (NPA) befindet sich seit damals in Anlehnung an Mao Zedongs Lehre vom Guerillakrieg im bewaffneten Kampf. USA, EU und andere Staaten sprechen deshalb von Terrororganisation.

Ende 2017 erklärte auch der philippinische Präsident Rodrigo Duterte, ein einstiger Student Sisons, nach dem Abbruch mehrjähriger Friedensverhandlungen CPP und NPA erneut zu terroristischen Organisationen. Während der Herrschaft von Ferdinand E. Marcos (1965–1986) war Sison, der 1971 ein grundlegendes Werk über »Die philippinische Gesellschaft und die Revolution« vorgelegt hatte, von 1977 bis 1986 in Haft und wurde gefoltert. Nach seiner Freilassung begab er sich auf eine internationale Vortragsreise, die ihn auch in die DDR führte. Seit Annullierung seines Passes durch die Philippinen 1988 lebt er mit seiner Frau Julieta im niederländischen Exil. Sein Asylstatus ist gefährdet, seine Reisemöglichkeiten sind beschränkt, er tritt gelegentlich auf Zusammenkünften maoistisch orientierter Parteien, darunter der MLPD, auf. Der 81jährige ist Chefberater der 1973 gegründeten Nationalen Demokratischen Front der Philippinen (NDFP), die sich um Frieden mit Manila bemüht.

jW-Autor Rainer Werning, der 1993 zusammen mit Sison bereits die deutsche Ausgabe des Buches »Die Philippinische Revolution – Eine Innenansicht« veröffentlicht hat – es basierte auf 1988 geführten Interviews –, brachte Ende vergangenen Jahres den gemeinsamen Band »Ein Leben im Widerstand: Gespräche über Imperialismus, Sozialismus und Befreiung« heraus. Im Mittelpunkt stehen darin die weltweiten Umbrüche nach 1990, deren Auswirkungen auf die Philippinen und die globale Politik insgesamt, weitere Themenfelder sind die Ursachen des Untergangs der Sowjetunion sowie die Biographie Sisons. Das Buch enthält neben den Gesprächen Bild- und Textdokumente sowie von Sison verfasste Gedichte.

Entstanden ist so ein bemerkenswerter Beitrag zur Analyse des heutigen Kapitalismus, von Kolonialismus und Neokolonialismus sowie der Geschichte des realen Sozialismus. Durchgängig ist die tiefe Überzeugung Sisons vom letztlichen Sieg der sozialistischen Revolution auf den Philippinen und weltweit, wobei er den subjektiven Faktor, die Rolle von Klassenbewusstsein und Partei, stark betont. Geprägt ist das von den Erfahrungen eines mehr als 50jährigen politischen und militärischen Kampfes.

An dieser Stelle seien einige Äußerungen zum Imperialismus, zu dem Sison auch Russland und China zählt, und zum Sozialismus herausgegriffen. Er charakterisiert als Ziel der seit Anfang der 80er Jahr von den USA praktizierten neoliberalen Politik, die sie »dem Rest der Welt aufgezwungen« hätten, die »Maximierung von Monopolgewinnen«. Das führe zu einer »Beschleunigung der Kapitalakkumulation in den Händen einiger weniger und zu immer schlimmeren Zyklen von Überproduktionskrisen in immer kürzerer Abfolge«. Die globale Staatsverschuldung in Höhe von 250 Billionen US-Dollar sei »die größte Blase und das größte Problem des kapitalistischen Weltsystems«. Der Krise von 2008 werde eine noch größere folgen und in »hemmungslosen Konkurrenzkampf zwischen den imperialistischen Mächten« münden.

Die seit dem Ende der Sowjetunion geführten US-Aggressionskriege haben laut Sison zwar »den militärisch-industriellen Komplex der USA aufgebläht«, aber keine neuen Wirtschaftsräume geschaffen, »die sie ausbeuten können«. Ihr »Staatsterrorismus« habe jedoch »die Wut der Völker der Welt auf sich gezogen, die an nationaler Befreiung, Demokratie und Sozialismus festhalten«. China und Russland hätten zugleich »die USA in eine multilaterale Welt befördert, in der sie ihre Wünsche nicht mehr so einfach diktieren können wie bisher«.

Die Philippinen sieht Sison von einem »halbkolonialen und halbfeudalen System beherrscht«. Die CPP lege in dieser Situation »größten Wert auf Maos revolutionäre Theorie und Praxis« sowie den Kampf gegen den Revisionismus, der in den sozialistischen Ländern zur Restauration des Kapitalismus geführt habe. Die Hauptursache dafür sei das »Schwinden des proletarischen Klassenstandpunktes innerhalb der KP, der Intelligenz und der Bürokratie nach dem erfolgreichen sozialistischen Aufbau und dem Ausbau des Bildungssystems«.

Zur Dialektik von innerer Entwicklung und äußeren Bedingungen der sozialistischen Länder äußert sich Sison leider nur pauschal. Die Klarheit und Erfolgsgewissheit seiner strategischen Überlegungen sind verblüffend und sympathisch. Ob er die Macht der materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse und die Kräfteverhältnisse richtig beurteilt, steht auf einem anderen Blatt.

José Maria Sison/Rainer Werning: Ein Leben im Widerstand – Gespräche über Imperialismus, Sozialismus und Befreiung. Verlag Neuer Weg, Essen 2019, 278 Seiten, 20 Euro

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