Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Aus: Ausgabe vom 20.07.2020, Seite 12 / Thema
Plastische Kunst in der DDR

Nicht Name, nicht Marktwert

Eine Erinnerung an den Bildhauer Karl-Heinz Appelt anlässlich seines 80. Geburtstages
Von Peter Michel
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Karl-Heinz Appelt (r.) und der Bildhauerkollege Jo Jastram 1983 beim IX. Kongress des Verbandes Bildender Künstler der DDR

Er war einer jener hervorragenden Bildhauer, die das kaum wieder erreichte Niveau der Plastik in der DDR entscheidend mitbestimmten. In der VIII. Dresdener Kunstausstellung 1977/78 konnte man von ihm eine acht Meter hohe Brunnengestaltung aus Beton für das Wohngebiet Sonnenhof Gera sehen – voller lebendiger Formen, die sich in eine spannungsvoll geometrisch gegliederte Säule einordneten – und ein aus Messing gegossenes »Sitzendes Mädchen« von 1975, das sein Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne zuwendet.

Seine nur 26 Zentimeter hohe Plastik »Sich umwendender Torso« von 1984 gehörte zu den Kostbarkeiten der X. Kunstausstellung der DDR 1987/88. Sie ist ein bildhauerisches Meisterstück. Eine solche Torsion in einer Kleinplastik glaubhaft zu gestalten, die nur den Rumpf eines weiblichen Körpers zeigt, verlangt ausgereiftes Handwerk und eine Menge Erfahrung. Hier spielte der Bildhauer mit runden Formen, die sich auftürmen und verdrehen; hier herrscht eine vollkommene, hochgesteigerte Sinnlichkeit. In der Dresdener Ausstellung sah man, dass beim Polieren einige wenige Partien unbehandelt geblieben waren; sie wiesen noch auf grau-schwärzliche Reste des ursprünglichen Gusses hin und gaben der glänzenden Oberfläche Patinaspuren, die an Vergänglichkeit denken ließen. Im Jahr 2000 nahm sich Karl-Heinz Appelt diese Figur noch einmal vor, tilgte alles, was ihn nun an der Oberfläche störte, setzte die angegossene Plinthe auf einen schwarzen Steinsockel, um die Wirkung zu steigern, und brachte das Ganze auf ungestörten Hochglanz. Die Bronzelegierung hatte wohl mehr als einen sechzigprozentigen Kupfergehalt und strahlte jetzt in einem klaren Goldton – alles das als Symbol für pralles Leben. Derartige Ab- und Sinnbilder bestimmten das Schaffen dieses Bildhauers.

»Lied des Lebens«

Sie fanden sich auch in den Arbeiten wieder, die er für das Foyer des 1981 eröffneten Kultur- und Kongresszentrums Gera (damals unter dem Namen »Haus der Kultur«) schuf – als Teil einer großen, gegliederten Wand, die unter der sorgsamen Leitung des Bildhauers Jo Jastram entstand und 89 Reliefs von 25 Bildhauern vereint. Vorgegeben waren das Thema »Lied des Lebens« und das einheitliche Material – Freyburger Muschelkalkstein. Brechts »Lied von der Moldau« gab den ersten Anstoß für gestalterische Überlegungen; vielleicht regte auch ein Gedicht von Johann Gottfried Herder mit dem Titel »Lied des Lebens« die Ideen für die 450 Quadratmeter große Wand an.¹ Mich erinnert dieses riesige Werk an Gustav Mahlers »Lied von der Erde«, einen sinfonischen Liederzyklus, denn die einzelnen Reliefs schließen sich – bei aller Individualität der bildnerischen Entscheidungen und der bildhauerischen Handschriften – wie ein Zyklus zusammen. Karl-Heinz Appelt entwickelte die Grundstruktur der Wand und erarbeitete unter anderem ein hochformatiges Relief zum Lied »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit« für die Mitte des Hauptfoyers, in dem die Worte »… zum Lichte empor …« des Dichters Leonid P. Radin² eine kongeniale bildhauerische Entsprechung finden; im oberen Teil treten einzelne Liedpassagen vollplastisch hervor. Für die rechte Seite des Hauptfoyers schuf er ein Landschaftsrelief zur »Harzreise« von Heinrich Heine, außerdem eine assoziationsreiche »Struktur« für die Galerie und Griffe für zwei Türen, die trotz ihrer figürlichen Gestaltung ihren Zweck nicht verheimlichen und den zugreifenden Händen schmeicheln. Alle diese Werke sind erhalten. Das Gebäude wurde nicht – wie der Palast der Republik in Berlin – abgerissen; es steht seit 2013 unter Denkmalschutz. Die Geraer Kunstwissenschaftlerin Gitta Heil schrieb: »Wir stehen einem Kunstwerk gegenüber, das Generationen überdauert. (…) Die Reliefwand ist (…) ein Zeitzeichen, aufgehoben im Anspruch des Humanen.«³ Karl-Heinz Appelt bestimmte diesen Anspruch der Gemeinschaftsarbeit wesentlich mit, auch deshalb, weil er – wie viele Bildhauer mit ihm – das Kollektiv der Kunstschaffenden suchte. Vor seinem Tod beklagte er die unterdessen herrschende totale Vereinsamung der Künstler.

Treu geblieben

Bei meinen Besuchen in den siebziger und achtziger Jahren im Künstlerverband des damaligen Bezirkes Gera fiel mir immer wieder auf, mit welcher Achtung und gegenseitigen Wertschätzung die Mitglieder miteinander umgingen, welch hohes Ansehen Karl-Heinz Appelt genoss, wie er ein selbstverständlicher Teil dieser Gemeinschaft war und wie sein Urteil akzeptiert wurde. Das war auch außerhalb dieses Bezirksverbandes so. In der Fachjury Bildende Kunst der VIII. Kunstausstellung der DDR war er eines der jüngsten Mitglieder, und in der Auswahlgruppe Plastik der X. Kunstausstellung gehörte er zu den zehn Bildhauern, die den qualitativen Anspruch der Präsentation auf diesem Gebiet mitbestimmten. Er arbeitete in Leitungsgremien des Verbandes mit und war stellvertretender Vorsitzender der Zentralen Sektionsleitung der Bildhauer. So begegneten wir uns oft und sprachen miteinander. Beide gehörten wir zur Generation der Kriegskinder.

Geboren am 20. Juli 1940 in Radebeul begann er fünfzehnjährig eine Lehre als Steinmetz und Steinbildhauer im damals noch halbstaatlichen, später Volkseigenen Betrieb Elbenaturstein und arbeitete anschließend bis 1960 als Steinbildhauer. Vielleicht finden sich heute noch Spuren seiner damaligen Tätigkeit am wieder aufgebauten Dresdener Zwinger oder an anderen Gebäuden der zuvor schwer zerstörten Stadt. Ab 1960 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste Dresden in den Fachbereichen Bildhauerei und Plastik bei Walter Arnold, Gerd Jaeger, Hermann Naumann und Hans Steger. Nach dem Diplom wurde er 1965 freischaffend, siedelte sich zunächst in Jena an und ging 1978 nach Kahla, wo er ein Wohnhaus mit einem Atelier beziehen konnte. Nun begannen auch die Jahre, die ihm gesundheitlich schwer zusetzten. Das Atelier ließ sich schlecht heizen; noch nicht vierzigjährig begann er, unter Rheuma zu leiden, einer Krankheit, die kaum heilbar ist. Sie verschlimmerte sich. Die Schmerzen hinderten ihn beim Arbeiten und belasteten ihn psychisch. Er versprach sich Besserung durch damals hoch gelobte Goldspritzen. Ein westdeutscher Käufer hatte kurz vor der »Wende« eine Plastik von ihm erworben, und Karl-Heinz Appelt plante, sich mit diesem Erlös der Behandlung in einer Klinik zu unterziehen, die ihm der Käufer vermitteln wollte. Das war aber die Zeit, in der schon einige seiner Verbandskollegen die DDR verlassen hatten, darunter der Bildhauer Joachim Kuhlmann, der seit 1983 in Darmstadt lebte, und andere, die – vor allem in Jena – unsensible, auch dogmatische Eingriffe in ihr Schaffen erfahren hatten. Eberhard Dietzsch, der damalige Vorsitzende des Bezirksverbandes Gera, fragte mich, ob ich mit Karl-Heinz Appelt sprechen und ihn bitten könnte, alle Möglichkeiten der Rheumabehandlung in der DDR zu nutzen. Im kalten Kahlaer Atelier erlebte ich einen beinahe verzweifelten Menschen, dem ich mit meinem Rat kaum helfen konnte. Später erfuhr ich, dass er seinen Kollegen treu geblieben war. Wenn ich heute seine Plastik »Schmerz« sehe, die in der ersten Großen Kunstausstellung Nürnberg 2010 ausgestellt war, ist sie für mich ein Sinnbild – auch für seine eigenen Leiden.

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Karl-Heinz Appelt: Brüder, zur Sonne, zur Freiheit. Relief im Foyer des Kultur- und Kongresszentrums Gera, 1981. Freyburger Muschelkalkstein (Foto: U. Fischer)

Seine künstlerische Biographie setzte sich trotz seiner Krankheit ungebrochen fort. 1991 übernahm er einen Lehrauftrag für Plastik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und war von 1993 bis 2005 Leiter der Werkstatt für plastisches Gestalten dieser Hochschule. Es gibt Werke von ihm, die in das Gedächtnis der Menschen eingegangen sind und zum Teil noch heute in den Alltag hineinwirken. Dazu zählen nicht nur seine Arbeiten für das Kultur- und Kongresszentrum im Zentrum Geras, seine Sandsteinplastik »Abel«, sein »Nilpferd« in Gera-Lusan und die Brunnengestaltung für den »Sonnenhof«, sondern ebenso seine Skulptur »Quelle« in der Rostocker Schnickmannstraße, die »Figur mit großer Woge« im Ostseebad Binz, die Bronzebüste für Gottlob Frege an der Wismarer Marienkirche oder seine noch 2007 geschaffene Gruppenplastik »Die Kranken pflegen« in Eisenach. Auch seine Graphiken und kleineren plastischen Arbeiten beeindrucken immer wieder: seine Bronze »Faunisches Spiel« von 1976, seine steinerne Porträtbüste »Paul Johann Anselm Feuerbach« oder auch die späten experimentellen Unikate – wie sein figürlicher »Kristall«, seine sich neigende Strukturfigur von 1997 und Arbeiten aus Plexiglas. Für Zeulenroda schuf er einen »Karpfenpfeiferbrunnen«. Seine Werke sind in öffentlichen Sammlungen in Berlin, Cottbus, Dresden, Eisenach, Frankfurt (Oder), Gera, Halle, Jena, Leipzig, Magdeburg, Rostock und Weimar zu finden. 2004 nahm er dem Maler und Graphiker Wolfgang Mattheuer die Totenmaske ab.

Lebensfroh, ideenreich, sinnenfreudig

Man staunt immer wieder darüber, mit welcher Energie Karl-Heinz Appelt trotz seiner Krankheit weiterarbeitete. Doch schließlich reichte seine Kraft nicht mehr. Er starb am 13. April 2013 in Kahla. In der Zeitung konnte man lesen: »Es gehört zur Tragik dieses kraftvollen Künstlers, dass mit der Wende für den damals Fünfzigjährigen künstlerisch kein Aufbruch begann. Schönheit, wie er sie verstand, die aus der Harmonie von Raum, Masse, Volumen kommt, Schönheit, die aus der Achtung der leiblichen Existenz des Menschen wächst, war plötzlich unmodern. ›Ich hatte keinen Namen und keinen Marktwert‹, hat er in einem Gespräch gesagt.«⁴

Wenn wir uns an ihn erinnern, wissen wir wohl, dass er seit 1973 an sämtlichen Kunstausstellungen der DDR in Dresden teilnahm, dass er zahlreiche Auszeichnungen für sein Werk erhielt, darunter 1973 den Preis der Internationalen Kleinplastik-Ausstellung in Budapest, 1976 den Preis für Plastik der Ausstellung junger Künstler der DDR, 1978 den Kunstpreis der DDR und 1982 den Preis der Internationalen Biennale in Poznan. Er hatte also einen Namen, auch international. Das erkannten jene, die ihn nach 1989/90 ehrten, zum Beispiel mit dem Ernst-Rietschel-Kunstpreis für Bildhauerei 1996 oder 2011 mit dem Kunstpreis seines Heimatkreises. Die Verzweiflung, die aus Karl-Heinz Appelts Worten spricht, teilten viele Künstler, die nach der »Wende« ausgegrenzt waren und um ihre Existenz bangen mussten.

Bei unserem letzten Besuch in Thüringen entdeckten wir in der Rudolstädter Heidecksburg eine humorige Kleinplastik aus seiner Hand und im Jenaer Stadtzentrum in der Nähe des Johannistores den »Philisterbrunnen«, der aus Bronze und Edelstahl besteht; er zeigt das Spottbild eines knienden, sich ängstlich duckenden »Philisters«, dessen Kopf dem eines hässlichen Vogels gleicht. Man kann per Knopfdruck einen Liter Wasser aus einem Rohr über diese Kreatur gießen. Das Ganze bezieht sich auf ein Jenaer Studentenlied aus der Zeit um 1830. Hier hatten wir ihn wieder, den lebensfrohen, ideenreichen, sinnenfreudigen Karl-Heinz Appelt, wie er uns schon immer nahe war und bleiben wird.

Anmerkungen

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Karl-Heinz Appelt: Sich umwendender Torso, 1984/2000. Bronze. Höhe: 26 cm (Foto: Galerie Kontrapost)

1 Den Titel »Lied des Lebens« erhielten später auch ein Band mit Gedichten von Hermann Hesse (Suhrkamp 1986) und ein Film von Irene Langemann (2012) über Menschen, denen die Musik hilft, in Würde älter zu werden.

2 Leonid P. Radin (1860–1900), russischer Revolutionär, schrieb das Lied 1895 in einem Moskauer Gefängnis nach der Melodie eines alten Volksliedes.

3 Gitta Heil: Über die Kalkstein-Collage »Lied des Lebens«, in: »Lied des Lebens«, hrsg. von der Otto-Dix-Stadt Gera, o. J., S. 9

4 Angelika Bohn: Der in Kahla beheimatete Bildhauer Karl-Heinz Appelt ist tot, in: Ostthüringer Zeitung vom 12. April 2014

Peter Michel schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 30. Oktober 2019 über Bilderschauen zur Kunst der DDR in Düsseldorf und Dresden.

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