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Aus: Ausgabe vom 20.07.2020, Seite 6 / Ausland
Coronapandemie in den USA

Um jeden Preis

US-Präsident Trump will Rückkehr zur »Normalität« trotz Coronapandemie. Infektionsgeschehen völlig außer Kontrolle
Von Jürgen Heiser
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Neuer Corona-Hotspot Texas. Hier ein Gesundheitsmitarbeiter in der Hauptstadt Houston an einer Teststation (7.7.2020)

Am Freitag abend (Ortszeit) meldeten die USA die Rekordzahl von 77.638 neuen Infektionsfällen mit dem Coronavirus innerhalb von 24 Stunden. Damit war der bisherige Tagesrekord von 67.800 Neuinfektionen vom 10. Juli weit überschritten. In den Vereinigten Staaten haben sich nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore von Sonntag früh bislang mehr als 3,7 Millionen Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert. Rund 140.100 Menschen starben seit Ausbruch der Seuche an der durch das Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19. Damit sind die USA das weltweit am schlimmsten von der Pandemie betroffene Land. Darunter litten »vor allem die schwarzen und hispanischen Gemeinden«, prangerte die Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union die soziale Ungleichheit in der US-Gesellschaft an.

Der US-Bundesstaat Florida meldete am Donnerstag 156 Todesfälle und fast 14.000 Neuinfektionen an einem Tag und wurde damit zum landesweiten Hotspot, gefolgt von Texas. Insgesamt infizierten sich in Florida nach offiziellen Angaben 315.000 Menschen, mehr als 4.900 Menschen starben bislang an den Folgen.

Zum immensen Anstieg der Infektionszahlen meldete sich Anthony Fauci, Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten (NIH) und führender US-Experte, am Donnerstag auf Facebook zu Wort. Die Lage sei »ernst und muss sehr überzeugend angegangen werden«, warnte er. Für diese Entwicklung seien zu schnelle Lockerungen verantwortlich, um die Wirtschaft wieder in Gang zu setzen. Doch auch die Wirtschaft werde weiter Schaden erleiden, »wenn das Virus nicht durch einfache Maßnahmen wie das Tragen von Masken, das Vermeiden von Menschenansammlungen und das Wahren sozialer Distanz unter Kontrolle gebracht« werde, so der Experte.

In den USA gibt es nach wie vor keine landesweite Pflicht, eine Maske zu tragen. Derzeit gilt diese Pflicht nur in 26 von 50 Bundesstaaten. US-Präsident Donald Trump erwägt auch nach wie vor nicht, eine solche Verpflichtung anzuordnen. Er wolle, »dass die Menschen gewisse Freiheiten haben«, erklärte er dazu im Interview auf Fox News. Colorado und Arkansas ordneten am Donnerstag die Maskenpflicht an, während der republikanische Gouverneur von Georgia, Brian Kemp, Klage gegen die demokratische Bürgermeisterin von Atlanta einreichte. Keisha Lance Bottoms hatte die Maskenpflicht für Georgias Hauptstadt verfügt. Kemp nannte das Vorgehen der Bürgermeisterin »zu restriktiv« und »eine Schädigung der lokalen Wirtschaft«. Der Bundesstaat habe das Tragen von Masken »nur empfohlen«. Bottoms erwiderte auf Twitter, »3.104 Menschen« seien bereits in Georgia gestorben, und sie befinde sich mit ihrer Familie »unter den 106.000 Menschen, die positiv auf Covid-19 getestet wurden«. Statt für die teure Klage hätte Kemp »die Steuergelder besser für Tests und die Nachverfolgung von Infektionsketten verwenden« sollen. Allen Ernstes nannte Kemp Bottoms Entscheidung »rücksichtslos« und erklärte, er werde »nicht tatenlos zusehen, wie eine katastrophale Politik das Leben und die Existenzgrundlagen unserer Bürger« bedrohe.

Kemps Gepolter ist Ausdruck des Wahlkampfs der beiden Flügel des Zweiparteiensystems um die Frage, ob Trump noch einmal das Rennen machen oder Joseph Biden ihn ablösen wird. Wobei die Nominierung von Biden als Kandidat der Demokraten noch aussteht. Die Durchführung der beiden für August geplanten Parteikonvente ist derzeit zumindest fraglich. Bürgermeisterin Bottom gilt als mögliche Vizekandidatin Bidens und hatte nach dem von Polizisten verübten Mord an dem Afroamerikaner George Floyd Ende Mai mit einfühlsamen Ansprachen von sich reden gemacht.

Für weiteren Streit sorgt der republikanische Gouverneur von Florida mit seinen Plänen für das kommende Schuljahr. Während Städte wie Houston, Los Angeles und New York planen, den Unterricht im neuen Schuljahr ab Herbst nur online oder mit eingeschränkten Präsenzzeiten zu organisieren, hält Gouverneur Ronald DeSantis trotz steigender Infektionszahlen in Florida an seinen Plänen für eine vollständige Öffnung der Schulen fest. Er folgt damit der Politik von Präsident Trump, der mit Blick auf die Wahl im November auf eine Rückkehr zur »Normalität« um jeden Preis drängt. Die völlige Wiedereröffnung staatlicher Schulen ist deshalb für ihn Hauptwahlkampfthema. Trump, der zur Zeit in den Umfragen deutlich hinter Biden liegt, drohte sogar mit einer Kürzung der Bundesmittel für Schulen, die sich einer Öffnung verweigern.

Allerdings verfügen weder er noch seine Bildungsministerin Elisabeth DeVos über konkrete Pläne zur Einhaltung der von den Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention (CDC), einer Behörde des US-Gesundheitsministeriums, vorgegebenen Richtlinien für die Pandemie. Trump nannte die CDC-Richtlinien zur sicheren Wiedereröffnung der Schulen »sehr streng und teuer«. Ministerin DeVos beantwortete die Frage nach Plänen ihres Ministeriums für Schutzmaßnahmen in einem Interview des US-Senders CNN lediglich mit dem dürren Satz, sie fordere »alle Schulen auf, wieder zu öffnen und ihren Schülern eine Vollzeitausbildung zu bieten«. Die demokratische Kongressabgeordnete Ayanna Pressley aus Massachusetts twitterte daraufhin an DeVos: »Sie haben keinen Plan. Ich würde Ihnen nicht einmal eine Zimmerpflanze zur Pflege anvertrauen, geschweige denn mein Kind!«

Die Schulpolitik des Weißen Hauses unterstützen nur 25 Prozent der Befragten einer am Donnerstag veröffentlichten Reuters-Umfrage. 63 Prozent der US-Bürger glauben nicht, dass der Unterricht gefahrlos wiederaufgenommen werden kann, und fordern, Trump solle keinen Druck auf die Schulen ausüben, den Betrieb wieder aufzunehmen.

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Debatte

  • Beitrag von Franz L. aus S. (20. Juli 2020 um 06:58 Uhr)
    Trump macht das einzig Richtige. Muss ich leider zugeben.
    • Beitrag von Hagen R. aus R. (20. Juli 2020 um 09:51 Uhr)
      Darf ich Sie fragen, bei wie vielen zu erwartenden Toten Sie die Grenze ansetzen würden, ab der Gegenmaßnahmen wie Maskenpflicht oder Schulschließungen für Sie akzeptabel wären?

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Bernd Weber: Hauptstadt verwechselt In der Bildunterschrift heißt es: »in der Hauptstadt Houston«. Houston ist zwar die größte Stadt von Texas, aber die Hauptstadt ist Austin. Na ja, von hier aus betrachtet, scheinen die beiden Städte ...
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