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Aus: Ausgabe vom 14.07.2020, Seite 6 / Ausland
Vietnam USA

Belastete Freundschaft

USA und Vietnam begehen 25. Jubiläum der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen. Imperialistische Verbrechen nicht vergessen
Von Stefan Kühner
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Auf Staatsbesuch: US-Präsident Donald Trump (l.) und sein vietnamesischer Amtskollege Nguyen Phu Trong vor der Statue Ho-Chi-Minhs in Hanoi (27.2.2019)

Anlässlich des 25. Jahrestags der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Vietnam und den USA haben die Staats- und Regierungschefs beider Länder am Sonntag ihre Glückwünsche ausgetauscht. In seinem Schreiben an US-Präsident Donald Trump stellte der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Vietnams und Staatspräsident Nguyen Phu Trong fest, dass die USA in zahlreichen Bereichen einer der wichtigsten Partner des Landes geworden sind. 47 Jahre nach dem Pariser Abkommen von 1973 und der damit verbundenen hastigen Flucht der letzten US-Soldaten aus Saigon hat sich das Verhältnis zwischen beiden Staaten grundlegend geändert.

Dabei ist ein wichtiges Element der Beziehungen die Wirtschafts- und Handelskooperation. US-Konzerne lassen in Vietnam billige Kleidung und elektronische Artikel herstellen und profitieren von den geringen Arbeitslöhnen. Für die vietnamesische Arbeiterinnen und Arbeiter sind diese Fabriken ein Garant für ein sicheres Einkommen. Vietnam ist für die USA ein wichtiger Absatzmarkt, doch bislang hat Präsident Trump trotz einer negativen Handelsbilanz für Washington von Sanktionen und protektionistischen Maßnahmen abgesehen. Ein Grund dafür liegt in geostrategischen Überlegungen: China und Vietnam streiten im Südchinesischen Meer um Inseln und damit verbundene exklusive Wirtschaftszonen und Militärstützpunkte. 2014 standen die beiden Länder am Rande einer militärischen Konfrontation, nachdem Hanoi der Regierung in Beijing vorwarf, eine Ölplattform in vietnamesische Gewässer plaziert zu haben. Seither rüstet Vietnam deutlich auf und kauft Waffen in den USA.

Als sich im März 2018 und 2019 US-Kriegsschiffe in vietnamesischen Häfen aufhielten, gab es Spekulationen um zukünftige militärische Stützpunkte. Allerdings galten diese lediglich als Signale an China. Hanoi betont, es werde keine militärischen Basen für andere Nationen im Land geben. Beim 36. ASEAN-Gipfel der südostasiatischen Länder am 26. Juni erklärte der vietnamesische Ministerpräsident Nguyen Xuan Phuc, Hanoi werde sich nicht für eine Seite entscheiden, und bekräftigte, sowohl China als auch die USA seien wichtige Partner.

Bei letzterem ist einer der grausamsten Aspekte in der Geschichte beider Staaten Washingtons verbrecherischer Einsatz von »Agent Orange« im Vietnamkrieg von 1961 bis 1971. Das großflächige Versprühen chemischer sogenannter Entlaubungsmittel durch die US-Armee wirkt bis heute nach. Selbst Kinder und Enkelkinder der damals davon Betroffenen leiden unter Missbildungen und signifikant höheren Krebsraten. Auf Druck Washingtons hat Vietnam jedoch einen Paradigmenwechsel in der Diskussion um Wiedergutmachungen hingenommen. Es besteht nicht mehr darauf, dass die Vereinigten Staaten öffentlich zugeben: Der Einsatz von »Agent Orange« ist für die erkennbaren Folgen der Behinderungen und Krankheiten verantwortlich. Im Gegenzug erhielt das Land das Versprechen, die USA würden aktiv die Dioxinschäden um zwei extrem verseuchte ehemalige US-Militärflughäfen beseitigen. Ein erster, für Hanoi wesentlicher Schritt, wurde mit der Sanierung des »Agent Orange«-Hotspots Da Nang abgeschlossen. Derzeit folgt die Sanierung des Flughafenareals Bien Hoa.

Ein Streitpunkt bleibt das Beharren der US-Amerikaner darauf, »Verbesserungen« bezüglich der Menschen- und Presserechte im südostasiatischen Land durchzusetzen. Die Regierung Nguyens wies dies als Einmischung in die inneren Angelegenheiten zurück. Kritische Stimmen gegen die sonst positiven Beziehungen zwischen den beiden Staaten sind in Vietnam kaum zu hören – auch nicht von den Veteranen und Menschen, die den Krieg noch erleiden mussten.

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