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Aus: Ausgabe vom 13.07.2020, Seite 10 / Feuilleton
Bildende Kunst

Liebesgrüße nach Havanna

Zeitgenössische kubanische Kunst, die sich gegen ihre kuratorische Vereinnahmung behauptet: Eine Ausstellung in den Opelvillen Rüsselsheim
Von Jörg Werner, Rosa Rosinski
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»Volkstugend des ›Resolver‹ und ›Inventar‹ (Lösen und Erfinden)«: Exponat von Ernesto Oroza

»Liebesgrüße aus Havanna« heißt die Ausstellung in den Opelvillen Rüsselsheim, aber am besten fährt der Besucher, wenn er den sinnfreien Titel ganz schnell vergisst und nicht weiter hinterfragt. Wollen die Ausstellungsmacher mit der »narrativen Kraft der kubanischen Kunst« das Zerrbild des sozialistischen Landes korrigieren, das ja häufig genug bis zur Desinformation abgewertet und ins geopolitische Abseits gestellt wird? Wie sie mit welchen Ergebnissen vorgehen, soll hier anhand von fünf Exponaten untersucht werden.

In Marco Castillos Video »Genera­cion« (2019) treffen nacheinander Menschen in einem modernen, besonderen Haus ohne Hausherr ein. Ein sympathischer, eher intellektueller Kreis, Aperitif und Gitarre, gut gekleidet, und einander freundlich zugewandt. In behutsamen, leisen Einstellungen verfolgt die Kamera die Party, die schließlich auf dem Flachdach fortgesetzt wird. Dort werden die Gäste, aus der Distanz kleine schwarze Konturen, offenbar weniger. Erst jetzt sieht der Betrachter, wie einzelne dieser Konturen senkrecht nach unten fallen. Das Warum des Suizids trifft den Betrachter mit voller Wucht und lässt ihn während des Rundgangs nicht mehr los, zumal das Video selbst keine Antwort nahelegt.

Anders die »Erhebung« (2005) von Felipe Dulzaides, eine farbige Nahaufnahme einer zum Betrachter hin scharfkantig abgebrochenen schmalen Gehwegplatte. Wurzelwerk ist unter der schräg nach oben stehenden Platte sichtbar, und ironischerweise scheinen kleine bunte, übereinandergestapelte Murmeln den entstandenen Überhang zu stabilisieren. Trotz des Titels ist dieses Kunstwerk auf eine eher unbeschwerte Deutung angelegt, entwickelt seine Spannung aber vor dem Hintergrund der grundsätzlichen kuratorischen Überlegungen im Katalog (im unhandlichen Zeitungsformat). Dort zeigt sich Kuratorin Beate Kemfert so nachhaltig wie vielsagend »irritiert« von der »Divergenz zwischen den prekären Lebensverhältnissen der Kubaner« und touristischen »Klischees von romantisierter Armut«, etwa »dem fröhlich singenden Kommunisten im Oldtimer-Paradies«. Ihre Kuratierung ist von der Frage bestimmt, »welche Bedeutung und Möglichkeiten Kunst in Zeiten gesellschaftlicher Umwälzungsprozesse« hat. Wir haben verstanden: Prekäre Lebensverhältnisse und ihre Widerspiegelung durch die Kunst sind damit schon mal gesetzt. Kunstwerk und Künstler interessieren offenkundig entsprechend ihrer Ambitionen und Möglichkeiten, zum kuratorisch beschlossenen »Umwälzungsprozess« beizutragen. So gesehen, passt das Werk »Erhebung« ganz gut zum formulierten Horizont.

Nicht ganz so reibungslos lassen sich Yoan Capotes im Meer schwimmende Koffer ins Ausstellungskonzept integrieren. »Ida y vuelta / Round Trip« (Kaltnadel und Auqatinta, 2000–2013) ist der Titel des Werkes. »Ausgangsidee« des Künstlers war »die Sehnsucht nach der Rückkehr und dem Wiedersehen«. Auf das »Zurück nach Kuba« derjenigen, die den Weg ins Exil gewählt haben, kommt es ihm also an. Die Kuratorin jedoch textet, dass »schwimmende Koffer (…) für ihn (den Künstler, Anm. d. Verf.) auf dem Seeweg nach Miami ertrunkene Kubaner« symbolisierten, macht also Miami –und eben nicht die Rückkehr nach Kuba – zum Ort der Sehnsucht, entfernt sich damit von Titel, Werk und Künstler.

Der Videoperformance »El tanque« (2015) von Susana Pilar Delahante Matienzo ergeht es nicht besser. Hier macht die Künstlerin demonstrativ den Erfolg der Glättung ihrer krausen Haare zunichte: Nach überstandener Prozedur versenkt sie ihren Kopf in einem Eimer Wasser. Die von der Künstlerin formulierte Einsicht, dass sie damit ein »Schönheitsideal« aufgibt, das »so anders als das uns naturgegebene ist«, uns jedoch »gesellschaftliche Anerkennung verschafft«, wird kuratorisch zu einer Art Kurzhaarschnitt umfrisiert und als »Widerstand« in Dienst genommen. Die unüberhörbar in der kubanischen Gesellschaft angestoßene Diskussion über Gleichberechtigung und Diskriminierung wird der Künstlerin grob vermasselt und defätistisch verbogen.

Ähnliches widerfährt dem mit drei Werken vertretenen Ernesto Oroza. »Not ist in der westlichen Kultur stigmatisiert worden. Wenn man sich in Not befindet, wird man als schwach angesehen« kommentiert der Künstler seine Arbeiten, in denen er die Volkstugend des »Resolver« und »Inventar« (Lösen und Erfinden) bei Reparaturen und Auswegen aus Mangelsituationen thematisiert. 1992 war die Ausbildung dieser Fähigkeiten sogar zur »revolutionären Pflicht« erhoben und in einem Handbuch der Streitkräfte mit dem Titel »Aus eigener Kraft« dokumentiert worden (300 Seiten mit einer Sammlung bewährter Bauanleitungen). Die Kuratoren sehen hierin jedoch »nach Oroza« (?) die »jahrelangen monopolistischen Handelspraktiken des kubanischen Staates in Frage gestellt«.

Verpasste Gelegenheiten in Serie, das Format Kunstausstellung mit Fakten (nicht mit Fakes!) hilfreich zu erweitern. Den kubanischen Künstlern sei Dank, erweisen sich ihre kuratierten Werke doch als stark genug, sich gegenüber den Vereinnahmungen durch einen nur vordergründig freundlichen westlichen Kunstbetrieb zu behaupten und bleiben lesbar. Auch der Aufsatz des Mitkurators und Künstlers »Tonel« (Antonio Eligio Fernández) über die »Kubanische Gegenwartskunst von der ›Sonderperiode‹ bis ins 21. Jahrhundert« ist ein lesenswerter, authentischer Beitrag und macht viele kuratorischen Deuteleien wett.

Vielleicht regt die Ausstellung damit doch an, »Grüße« nach (!) Havanna persönlich zu überbringen oder Initiativen zu unterstützen, die sich für den Nobelpreis an kubanische Ärzte oder für die Aufhebung des US-Embargos engagieren.

»Liebesgrüße aus Havanna – Zeitgenössische kubanische Kunst im internationalen Kontext«, noch bis 20. September, Öffnungszeiten im Juli: Sa., 14 bis 18 Uhr, So., 10 bis 18 Uhr, Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim, Ludwig-Dörfler-Allee 9

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