Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Aus: Ausgabe vom 04.07.2020, Seite 10 / Feuilleton
Klassik

Also, dass es das gab!

So haben wir die »Bilder einer Ausstellung« noch nicht gehört: Eine Neueinspielung von Les Siècles und François-Xavier Roth
Von Berthold Seliger
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»Schwindel und Sinnlichkeit, zu einem Anfall gesteigert« – Maurice Ravel, hier um 1902 am Atlantik

Mussorgskis »Bilder einer Ausstellung« ist so etwas wie »Für Elise« – jeder hat das Stück schon mal gehört, ob an der Schule als Musterbeispiel für Programmusik in der originalen Klavierfassung oder als Progressive-Rock-Opus von Emerson, Lake and Palmer (1971) bzw. deren Pendant aus der DDR, Stern-Combo Meißen (1975). Auch von Maurice Ravels Bearbeitung für Orchester gibt es viele üppige Aufnahmen der einschlägigen Renommierorchester und Pulttitanen. Brauchte es wirklich noch eine weitere Einspielung dieses Ohrwurms?

Historisch informierte Aufführungspraxis mit authentischen Instrumenten und im Wissen um die Gestaltungsmittel der jeweiligen Zeit ist aus der Barockmusik kaum mehr wegzudenken. Bei romantischer oder gar Musik des 20. Jahrhunderts besteht jedoch noch Nachholbedarf. Das 2003 von François-Xavier Roth gegründete Orchester Les Siècles mit herausragenden jungen Musikern der führenden französischen Ensembles füllt diese Lücke. Dem Orchester steht eine umfangreiche Sammlung von Instrumenten aller Epochen zur Verfügung, darunter Posaunen aus der Werkstatt Antoine Courtois, in der die von Ravel im vierten Satz der »Bilder einer Ausstellung«, »Bydlo«, vorgeschriebene kleine C-Tuba mit sechs Ventilen für die Uraufführung 1922 gebaut worden war. In dieser Neueinspielung des Werks sorgen die Blechbläser für einen schlankeren, weniger bombastischen Sound als in den meisten Interpretationen üblich. Roth sorgt für Akzente und Farbschattierungen, die das Werk förmlich neu erklingen lassen.

Die Musik von Modest Petrowitsch Mussorgski (1839–1881) war in den 1920er Jahren recht präsent. Die Aufführung von »Boris Godunow« war für Georg Knepler in Wien neben Debussys »Pelléas et Mélisande« und den Mahler-Sinfonien eines von »drei Ereignissen. Also, dass es das gab!« Und gerade die »Bilder einer Ausstellung« werfen für Roth »ein Licht auf die sehr enge Beziehung zwischen französischer und russischer Musik während des 19. und 20. Jahrhunderts«. Für den französischen Philosophen und Musikwissenschaftler Vladimir Jankélévitch fand Ravel in der russischen Musik »eine unerschöpfliche Quelle für seine modalen, rhythmischen und harmonischen Kuriositäten«. So nahm Ravel den Auftrag, die »Bilder« neu für Orchester zu instrumentieren, mit Freude an. Und in der Version von Roth und Les Siècles hören wir möglicherweise zum ersten Mal auf Tonträger eine Version, wie sie Ravel vorschwebte. Großartig der »Gnom« – keck und dann doch mit schmerzhaftem Voranquälen in der chromatischen Abwärtsbewegung, bis er mit einem fulminanten Zickzacklauf verschwindet, nein: abhaut! Ganz außerordentlich gelingt »Bydlo«, der schwere Ochsenkarren, der mühsam durch das Bild gezogen wird – die erwähnte kleine C-Tuba spielt ein bewegendes Solo über den tiefen Streichern und Fagotten, unterstützt von Trommeln, die das Stück zu einem Trauermarsch werden lassen als Symbol für die Unterdrückung des russischen Volks im Jahr 1874, in dem Mussorgski sein Werk komponierte.

Mussorgski und Ravel haben keine »Vertonungen« von Gemälden komponiert. Sicher, es waren Bilder und Zeichnungen des früh gestorbenen Freundes Viktor Hartmann, die Mussorgski animierten, etwa die düsteren »Katakomben«, an die sich »Cum mortuis in lingua mortua« (mit den Toten in der Totensprache) in fahlem h-moll anschließt. Mussorgski notierte im Autograph: »Der schöpferische Geist des verstorbenen Hartmann führt mich zu den Schädeln und ruft sie an; die Schädel leuchten sanft auf.« In der Tat schießt plötzlich Helligkeit in dieses Bild und lässt die Schädel sanft aufleuchten. Letztlich sind die »Bilder einer Ausstellung«, erst recht in Ravels Orchesterfassung, eine phantasievolle Rekonstruktion von Bildern, die zum größeren Teil im Kopf der Betrachter, also des Komponisten und der Zuhörerinnen und Zuhörer, existieren. Der Trompeten-Dialog von »Samuel und Schmuyle«, zwei polnischen Juden, einer reich, der andere arm: Der Reiche spricht in tiefer Lage, mit der übermäßigen Sekunde in der Melodie, die an die Freygisch-Tonleiter der jüdischen Musik erinnert; der Arme stottert in hoher Lage, die Trompeten plappern verfremdet, der Dialog wird von Roth zu einer grellen Dissonanz gesteigert, zu einem übermäßigen Dreiklang, und »con dolore« (mit Schmerz) endet die Szene. Sie führt direkt auf den »Marktplatz von Limoges«, wo lebhaftes Treiben virtuos vor sich hin jazzt. Trommelwirbel.

Die russische »Baba Jaga«, deren Hexenhaus auf Hühnerfüßen im Wald steht, reitet nicht auf dem Besen wie ihre westlichen Schwestern, sondern auf einem Mörser, den sie mit dem Stößel antreibt – ihre Opfer wollen schließlich als Mahlzeit zubereitet sein. Wir hören mehr wuchtiges Stampfen als einen wilden Hexenritt, eher einen Cakewalk, die Vorform des Ragtime, denn einen russischen Tanz – Les Siècles swingt in den Eckteilen dieses Satzes ganz enorm; nur den Mittelteil hüllt Roth in makabres Dunkel – unheimliches Walddickicht. Und schließlich enden Mussorgski, Ravel, Roth und Les Siècles mit einem magischen »großen Tor von Kiew«, das einmal ohne plump-donnerndes, nationalistisches Pathos auskommt. Ravel verwendet ausführliches Glockengeläut in immer weiter beschleunigten Steigerungen – Apotheose ja, lärmendes Getöse nein, der Orchesterklang immer französisch elegant und mit aller Raffinesse. So haben wir diese Komposition noch nicht gehört – ob das nun »original«, »historisch informiert« oder einfach verdammt großartig interpretiert ist oder all dies zugleich.

Und dann noch eine Zugabe, die weit mehr ist als das: Ravels »La Valse« von 1920. »Zugleich Kulminationspunkt und Apotheose des Wiener Walzers« (Roth), beschwört dieses Werk auch die Apokalypse des Ersten Weltkriegs herauf. Ravel meinte, dieser Walzer sei tragisch, aber im griechischen Sinn: »Es ist das tödliche Wirbeln«, es gehe um »Taumel, Benommenheit, Schwindel und Sinnlichkeit«, alles zu einem »Anfall gesteigert«. Ein »Danse macabre« also, eine Dekonstruktion, der »Tod aller Walzer«, wie Adorno vermerkte. Ravels »La Valse« deutet die Herrlichkeit, noch mehr aber die Dekadenz einer vergangenen Ära an – eine verrottete Gesellschaft tanzt, sich selbst feiernd, am Abgrund. Die Akzente verrutschen, die Klangfarben mutieren, Dissonanzen schleichen sich ein, der Jazz des 20. Jahrhunderts verdrängt den Walzer vergangener Herrscherzeiten, und zwei Intervalle übernehmen die Hauptrolle: der satanische Tritonus und die Quart. Keine Harmonie mehr auf dem Tanzboden des Empire, die neuen Zeiten, die wilden Zwanziger, übernehmen und steigern alles zu einer grandiosen Ekstase – um nach praktisch jeder im Fortissimo endenden Steigerung abrupt abzubrechen, alles am Abgrund eben, um danach sofort wieder den heißen Tanz neu aufzunehmen und noch eine Umdrehung weiter zu steigern. Die Version von Roth und Les Siècles ist schlicht atemberaubend und steuert in aller Wildheit auf einen ekstatischen Höhepunkt zu.

Eine faszinierende Einspielung, ein brillantes Album.

Ravel: La Valse, Mussorgsky: Les Tableaux d’une exposition (Orch. Ravel) – François-Xavier Roth und Les Siècles (Harmonia Mundi)

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