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Aus: Ausgabe vom 01.07.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Permanentes Krisengebiet

Börse unter Beschuss

Separatisten überfallen Pakistan Stock Exchange in Zeiten verschärfter Krise. Sicherheitskräfte töten Angreifer
Von Thomas Berger
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Sicherheitskräfte riegelten am Montag nach einem Terrorangriff auf die Börse Pakistans in Karatschi das Viertel ab

Gewaltsame Attacken gehören in Pakistan fast zum Alltag. Diesmal jedoch traf es das Herzstück des dortigen Kapitals: Bei einem Angriff am Montag morgen (Ortszeit) auf die Börse Pakistan Stock Exchange (PSX) in der Wirtschaftsmetropole Karatschi, wurden mehrere Wachleute und und zwei Zivilisten getötet. Die Sicherheitskräfte agierten ungewöhnlich schnell. Vier Schwerbewaffnete, die sich Medienberichten zufolge auf eine länger andauernde Aktion samt Geiselnahme eingerichtet hatten, wurden getötet, noch bevor sie in den zentralen Bereich der Börse vordringen konnten.

Anschlag aus Armutsregion

Vertreter der Polizeiführung priesen später am Tag das schnelle Eingreifen, bei dem die paramilitärischen »Pakistan Rangers« offenbar ein Hauptrolle spielten. Bereits eine halbe Stunde nach Alarmierung sei die Lage komplett unter Kontrolle gewesen. Augenzeugen unter den Brokern und Börsenmitarbeitern berichteten Medienvertretern, wie sie sich zeitweise in ihren Büros zusammengekauert oder provisorisch verschanzt hatten. Dennoch sei der Betrieb auch während des Überfalls nicht eingestellt worden, sagte Börsenchef Sulaiman Mehdi. Statt der 6.000 Menschen, die sich sonst üblicherweise im Gebäude aufhalten, das auch die Hauptbüros mehrerer Privatbanken beherbergt, seien es derzeit weniger, weil etliche wegen der auch in Pakistan grassierenden Coronapandemie aus dem Homeoffice arbeiteten.

Zu dem Anschlag hatte sich die separatistische Gruppe »Belutschistan-Befreiungsarmee« (BLA) in einem Onlinepost bekannt. Wie belastbar diese Selbstbezichtigung ist, sollen die Ermittlungen klären. Generalmajor Ahmed Bukhari, Chef der Pakistan Rangers (Sindh) – die Paramilitärs waren nach der Unabhängigkeit 1947 als Grenzschutztruppe der großen Provinzen Sindh (zu Indien) und Punjab (zu Indien und China) eingesetzt worden und fungieren inzwischen als Antiterrortruppe, – verwies bei einer Pressekonferenz am Montag auf deutliche Ähnlichkeiten im jetzigen Vorgehen der Angreifer mit dem bei einem Anschlag auf das chinesische Konsulat in Karatschi im November 2018. Die damalige Attacke, bei der neben den drei bewaffneten Untergrundkämpfern zwei Polizisten und zwei Zivilisten getötet wurden, war im Nachhinein eindeutig der BLA zugeschrieben worden.

Die »Befreiungsarmee« von Belutschistan – einem Stammesgebiet, das auf dem Territorien von Iran, Pakistan und Afghanistan liegt – ist nur eine von zahlreichen bewaffneten Gruppierungen, die in der Region aktiv sind. Der pakistanische Teil Belutschistans liegt im Südwesten an der Grenze zu Afghanistan und zum Iran und gilt als die ärmste und instabilste Provinz des laut IWF mit einem Bruttoinlandprodukt von 5.690 Dollar pro Kopf (2018; berechnet nach Kaufkraftparität) ohnehin armen Landes. Die Provinz ist eines der Zentren islamistischer Aufständischer. Auch chinesische Einrichtungen hat die BLA immer wieder ins Visier genommen.

Steigende Preise

Der seit Jahrzehnten schwelende separatistische Konflikt ist einer von vielen, die das arme, aber im Besitz von Atomwaffen befindliche Pakistan mit seinen inzwischen fast 220 Millionen Einwohnern regelmäßig destabilisieren. Jetzt allerdings erfolgte die Gewaltat in einer Zeit zugespitzter wirtschaftlicher Probleme, vor allem bei der Stabilität der Energie- und Treibstoffversorgung.

Ebenfalls am Montag hatte die Regierungspartei PTI von Premier Imran Khan, der sei 2018 regiert, mit ihrer parlamentarischen Mehrheit den Haushalt für das Finanzjahr 2020/2021 beschlossen. Noch am Sonntag hatte sich die Opposition in einer gemeinsamen Front gegen den Etatentwurf gestellt und das Regierungslager scharf angegriffen, weil es die Bevölkerung laut ihrer Einschätzung in der Coronakrise im Stich lasse. Tatsächlich hatten Premier Khan und seine PTI zuletzt vor allem wegen des Hickhacks um den Benzinpreis Kritik auf sich gezogen. Er war zunächst per Ministeriumsorder für Juni stark abgesenkt, wenige Tage darauf dann aber auf 100 Rupien pro Liter verdoppelt worden – die größte Erhöhung, die es bisher gab.

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