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Aus: Ausgabe vom 26.06.2020, Seite 5 / Inland
Automobilbranche in der BRD

Korso gegen Streichkonzert

Der Automobilzulieferer ZF will hierzulande Tausende entlassen – Proteste der IG Metall
Von Oliver Rast
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Aktionswoche: Bundesweit haben ZF-Beschäftigte und Metaller gegen drohenden Arbeitsplatzabbau demonstriert (Friedrichshafen, 12.3.2020)

Demos vor Werkstoren, Autokorsos durch Innenstädte. Die IG Metall (IGM) organisierte dieser Tage eine Aktionswoche gegen die angekündigte Entlassungswelle beim weltweit fünftgrößten Automobilzulieferer »ZF Friedrichshafen AG«. Der Konzern mit seinem Hauptsitz am Bodensee beschäftigt insgesamt 160.000 Menschen, allein hierzulande etwa 50.000.

Ende Mai hatte der ZF-Vorstand ein düsteres Bild der Lage des Konzerns gemalt. 15.000 Stellen will er in den kommenden Jahren streichen, rund 7.500 davon in Deutschland. In einem internen Brief des Vorstands an die Belegschaft hieß es: »Als Folge des Nachfragestopps auf Kundenseite wird unser Unternehmen 2020 hohe finanzielle Verluste machen«. Weiter hieß es, kurzfristig werde das Unternehmen »zusätzliche Beiträge aus dem Kreis der Mitarbeiter brauchen«, um das laufende Geschäftsjahr ökonomisch zu überstehen. Eine »Detailplanung« der drastischen Einschnitte will die Konzernspitze bis spätestens August vorlegen.

Ob eine Rosskur unmittelbar bevorsteht, ist unklar. Bis Ende 2022 sind betriebsbedingte Kündigungen laut tarifvertraglicher Vereinbarungen an den meisten Standorten ausgeschlossen. Ausruhen gilt jedoch nicht. Bundesweit zogen Mitte dieser Woche ZF-Beschäftigte und IG Metaller vor die Betriebe – auch im Osten der Republik.

Zu einer »Mobilitätsdemo« rief der IGM-Bezirk Berlin, Brandenburg, Sachsen am Donnerstag vormittag in Brandenburg an der Havel auf. Beschäftigte auf zwei oder vier Rädern beteiligten sich – das Motto: »Keiner geht von Bord. Gemeinsam durch die Krise!« IGM-Bezirksleiter Stefan Schaumburg betonte selbstbewusst: »Den geplanten Stellenabbau werden wir nicht kampflos hinnehmen«.

An anderen Standorten signalisierte die Belegschaft, weitere Abstriche zu akzeptieren: »Die 700 Beschäftigten sind auch bereit, über flexible Schichtsysteme und Kurzarbeit zur Liquidität des Unternehmens beizutragen«, wurde Ralf Loheit, Betriebsratsvorsitzender im ZF-Werk Laage bei Rostock, in einer örtlichen IGM-Pressemitteilung vom Dienstag zitiert. Sofern, wie Loheit einschränkte, das Unternehmen die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes weiterhin zahle.

Bereits jetzt sind die Einbußen erheblich – der Grund: ZF Laage ist zwar seit 2016 tarifgebunden, dennoch liegt der Haustarif etwa zehn Prozent unterhalb des Flächentarifvertrages der Metall- und Elektroindustrie Küste, erklärte Stefan Schad, IGM-Geschäftsführer von Rostock-Schwerin, am Donnerstag im jW-Gespräch. Aber: »Wir wollen für alle ZF-Betriebe einheitliche Tarifstandards«. Und natürlich eine Standort- und Beschäftigungssicherung.

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