Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 17.06.2020, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Rassismus

Von Arian Schiffer-Nasserie
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Gegen rassistische Polizeigewalt – Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz, 6.6.2020

Aus gegebenem Anlass demonstrieren gegenwärtig Tausende für Respekt gegenüber Minderheiten und verurteilen entschieden »den Rassismus«. Sie sind für Toleranz, Vielfalt, Wertschätzung und vor allem für die Anerkennung der rechtlichen Gleichheit aller Menschen »ohne Ansehen der Person«.

Dabei machen sie eine seltsame Erfahrung: Ob Bundesliga oder Bundespräsident, Arbeitgeberverband oder Gewerkschaften – gegen Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe, der Herkunft usw. sind heutzutage irgendwie alle. Nicht nur in Deutschland. Die antirassistische Bewegung rennt in ihrem Kampf lauter offene Scheunentore ein. Einerseits. Und andererseits will der allseits beklagte Rassismus irgendwie nicht verschwinden. Die Beobachtung lässt sich verallgemeinern. Rassismus ist ein Phänomen der bürgerlichen Epoche und erscheint zugleich als schreiender Widerspruch zu ihren Prinzipien der universellen Menschenrechte.

Geschichte und Gegenwart der Neuzeit präsentieren sich dem unvoreingenommenen Betrachter als üppige Ansammlung grotesker Selbst- und Fremdbilder. Es finden sich wissenschaftlich belegte, aber »veraltete« Theorien über »die Wilden«, über »den Neger«, über »Arier«, »Juden«, »Untermenschen« sowie eher moderne Vorstellungen über »gewachsene Nationen« samt »kulturellen Wurzeln« und »Volksstämmen«, über jeweilige »Begabung, Intelligenz und Veranlagung«, über kriminelle Energie sowie die naturgegebene Staatsbedürftigkeit des Zoon politikon im allgemeinen.

Die Gemeinsamkeit aller Erscheinungsformen: Rassistische Ideologien interpretieren die Willens- und Herrschaftsverhältnisse zwischen Menschen, ihre Anpassungs- und Überlebensstrategien unter den Bedingungen von Gewalt, Geld und Gewöhnung als Ausdruck ihrer vermeintlich natürlichen oder ahistorisch-kulturellen Eigenschaften, d. h. als »Rassen«, Ethnien, Völker oder als so und so veranlagte und begabte Individuen und Gattungswesen. Theoretisch betrachtet ist Rassismus insofern Antikritik schlechthin. Praktisch verlangt er die Affirmation der herrschenden Interessen und legitimiert die dafür nötige Gewaltausübung als vermeintliches Naturgesetz.

Volkstümlich formuliert lautet die Kurzformel des Rassismus schlicht: »Die sind halt so!« Der Beweis ist ebenso schnell erbracht: »Schau sie dir doch an!« Das Beweisziel: »Jedem das Seine«. Oder modern: »Jeder verdient, was er verdient.« Für Rassisten ist die vorgefundene Welt nicht fragwürdig, d. h. auch nicht der Frage würdig. Sie ist vielmehr »natürlich«. Die verführerische Überzeugungskraft rassistischer Ideologien liegt in der unbegriffen-affirmierten Kraft des Faktischen.

Rassistisches Denken hat also Methode: Ungeachtet der materiellen und historischen Bedingungen sozialer Verhältnisse wird schnurstracks von der sozialen Wirklichkeit auf eine angeblich genau so geartete Menschennatur zurückgeschlossen. Rassismus ist insofern keine geheime Ablenkungsstrategie der Herrschenden, sondern die ideologische Eigenleistung bürgerlicher Individuen.

Kritische (Zeit-)Genossen suchen Rassisten mit der Autorität angeblicher Naturgesetze auf die herrschenden Verhältnisse zu verpflichten. Dabei leisten sie sich den Widerspruch, entweder für die Anerkennung vermeintlicher Naturgesetze zu argumentieren (als ob die Natur das nötig hätte), oder, schlimmer noch, sie setzen das vermeintliche Naturgesetz gewaltsam gegen jene durch, die gegen die sozialen Verhältnisse verstoßen oder aufbegehren und deshalb ihre Lektion verdient haben.

Der eingangs erwähnte Widerspruch lässt sich auflösen. Die egalitären Grundrechte sind nämlich die Verwirklichungsbedingungen der bürgerlichen Konkurrenz. Die rassistische Interpretation ihrer brutalen Resultate als »freie Entfaltung« der »Persönlichkeit« genießt in Deutschland sogar Verfassungsrang – nicht trotz, sondern gerade wegen der rechtlich garantierten Chancengleichheit. Ohne die Kritik der kapitalistischen Konkurrenz tendiert der Kampf der antirassistischen Bewegung zur hilflosen Spiegelfechterei.

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