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Aus: Ausgabe vom 17.06.2020, Seite 8 / Inland
Mahnmal für Sinti und Roma

»Wer nicht richtig erinnert, vergisst schnell«

Berlin: Mahnmal für Sinti und Roma wegen Bahnstrecke bedroht. Protest am vergangenen Sonnabend. Ein Gespräch mit Tayo Awosusi-Onutor
Interview: Lena Reich
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Protest für den Erhalt des Mahnmals am Sonnabend in Nähe des Reichstags in Berlin

Der Bau des Mahnmals für die im deutschen Faschismus ermordeten Sinti und Roma ist lang und mühsam gewesen. Über 20 Jahre hat es bis zur Fertigstellung gedauert. Nun soll es teilweise gesperrt werden. Wieso?

Das Land Berlin, der Bund und die Deutsche Bahn planen eine Erweiterung der S-Bahn-Strecke, die genau unter dem Mahnmal entlangführen soll. Das bedeutet, dass das Mahnmal teilweise gesperrt oder abgebaut würde. Über diese Pläne wurde der Zentralrat nicht informiert. Anfang Juni gab es das erste Gespräch mit allen Beteiligten. Wir wissen also nur das, was aus der Presse zu entnehmen ist. Ende Juli soll es ein weiteres Gespräch dazu geben.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass der Zentralrat erst im nachhinein von Bauplänen erfahren hat?

Das ist nicht nachvollziehbar, überrascht aber nicht. Es ist der ewige Kreislauf der Nichtakzeptanz. Die Diskussion, die wir suchen, reiht sich ein in die Geschichte der fehlenden Aufarbeitung des Völkermordes an den Sinti und Roma, die ausbleibende Anerkennung und das Nichtsehen einer anhaltenden Verfolgung in Europa.

Wie erklären Sie sich diesen Zustand?

Der spezifische Rassismus gegenüber Sinti und Roma funktioniert durch das Weglassen von Geschichte, durch das Weglassen ihrer gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, kulturellen Beiträge und gleichzeitig durch Erhalt und Kultivierung jahrhundertealter rassistischer Stereotype und Vorurteile.

Ohne die Deutsche Bahn wäre die Verschleppung von Hunder tausenden Sinti und Roma in die Vernichtungslager nicht möglich gewesen. Was bedeutet dieser Umgang mit dem Mahnmal für die Erinnerungsarbeit?

Die Deutsche Bahn, ehemals Deutsche Reichsbahn, war maßgeblich an dem Transport von und damit dem Mord an Millionen Menschen beteiligt. Sie hat damit gewirtschaftet: Jede Person, die transportiert wurde, brachte der Bahn vier Reichspfennig, für Kinder gab es einen Rabatt. Es gibt dazu eine Wanderausstellung des DB-Museums mit dem Titel: »Sonderzüge in den Tod. Die Deportationen durch die Deutsche Reichsbahn«. Die Fakten der Geschichte sind klar, dennoch ist die Deutsche Bahn über unsere Reaktion »verblüfft«. So schnell geht vergessen, wenn nicht richtig erinnert wird.

Derzeit werden im Zuge der »Black Lives Matter«-Bewegung weltweit Denkmäler gestürzt. Wie erleben Sie vor diesem Hintergrund die Diskussion rund um das Mahnmal?

Ich empfinde die Diskussion als gewalttätig, weil es kein pietätvolles Gedenken gibt. Für die wenigen noch lebenden Holocaust-Überlebenden ist dies eine Kontinuität der Verletzung, eine Diskriminierung und Retraumatisierung.

Die Denkmalstürze sehe ich dagegen als einen Akt der Dekolonisierung.

Viel ist derzeit vom sogenannten Racial Profiling die Rede. Sind auch Sinti und Roma von rassistischen Polizeikontrollen betroffen?

Ganz klar. Unser Verein hat vor einigen Jahren mit der Kampagne »Ban Racial Profiling« gemeinsam mit der »Kampagne für Opfer Rassistischer Polizeigewalt«, der »Initiative Schwarze Menschen in Deutschland« und weiteren Beteiligten zusammengearbeitet. Viele Menschen wissen nicht um ihre Rechte. Bei besagter Kampagne ging es auch um die Abschaffung der sogenannten verdachtsunabhängigen Kontrollen.

Am vergangenen Sonnabend haben Sie vor Ort gegen die Baupläne protestiert. Über 600 Leute waren dort. Was genau sind Ihre Forderungen?

Die Protestaktion am vergangenen Samstag wurde von einem Zusammenschluss von Selbstorganisationen durchgeführt und war für uns ein Erfolg. Wir fordern, dass das Mahnmal in seiner jetzigen Gestaltung bestehen und unberührt bleibt. Es braucht einen Ausbau des Gedenkortes mit einer Informationsstelle und Begleitprogramm, zudem Transparenz und die Einbeziehung aller relevanten Gruppen.

Tayo Awosusi-Onutor ist Vorstandsmitglied des Romani Phen e. V. und organisiert den Protest gegen die Baupläne in Berlin, die das Mahnmal für Sinti und Roma gefährden

Infos unter: romnja-power.de

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