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Aus: Ausgabe vom 28.05.2020, Seite 8 / Ansichten

Wohltäter des Tages: Deutschlands Millionäre

Von Steffen Stierle
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Laut am Mittwoch vom Statistischen Bundesamt vorgelegten Zahlen haben die Reichen hierzulande zuletzt mehr Steuern gezahlt. Im Jahr 2016 haben demnach 22.900 Bürger mehr als eine Million Euro Einkommen versteuert, 1.700 mehr als im Vorjahr. Gut 100.000 Menschen zahlten die sogenannte Reichensteuer, die ab einem Einkommen von rund 250.000 Euro fällig wird. Neuere Zahlen gibt es nicht. Die Mühlen der Datenerfassung mahlen langsam, wenn es um die Transparenzpflichten der Geldelite geht.

Zweifelsohne ist es dieser gewachsenen Steuermoral der Oberen zu verdanken, dass die BRD seit einigen Jahren derart blüht und gedeiht: Neue Kitas und Krankenhäuser schießen wie Pilze aus dem Boden, Schulen und Straßen werden saniert, all die Investitionen in gut bezahlte, grüne Jobs, und der Durchschnittsrentner muss bald selbst die »Reichensteuer« zahlen. Ach nee, es geht in die andere Richtung. Und die Steuermoral ist auch nicht gestiegen, sondern die Reichen sind einfach nur noch reicher geworden. Vor allem in Hamburg, wo die Dichte der Gutbetuchten am höchsten ist. Dort kommen auf 1.000 Einwohner 1,2 Einkommensmillionäre. In Sachsen-Anhalt sind es nur 0,1.

Übrigens gehen die Steuerbeiträge der Reichen trotz wachsender Geldberge real weiter zurück: Zwar zahlen ein paar hundert Menschen mehr den Spitzensteuersatz, aber der wurde dafür immer weiter abgesenkt. Heute liegt er bei 42 Prozent. Die Regierung des Sozialrevolutionärs Helmut Kohl knöpfte den Spitzenverdienern in den 1990ern glatt 53 Prozent ab. Das waren noch Zeiten. Damals mussten sogar diejenigen Steuern zahlen, die gar keine Einkommen mehr haben, weil sie von ihren (vererbten) Vermögen leben. Und leistungslose Kapitaleinkünfte wurden gegenüber Einkommen aus Erwerbsarbeit nur ganz wenig bevorteilt. Dann kam Gerhard Schröder.

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas Scharmann aus Berlin (27. Mai 2020 um 22:55 Uhr)
    Genau! Dieser Ansatz ist systemschöpfend: Wenn zum Beispiel ich richtig reich wäre, dann hätte ich kein Problem damit, auch eine menschheitsrettend hohe Reichensteuer abzuliefern. Es gibt nur das kleine Problem der Verteilung der Reichtümer auf diesem Planeten. Deshalb frage ich mich schon seit gestern, warum wir in diesem Punkte nicht vorankommen? Liegt es an den Verarmten, die den immensen Reichtum der Profitorientierung einfach nicht annehmen wollen? Sind wir zu blöde für eine Antwort auf die Frage, was vonnöten ist? Also die Reichtümer so zu verteilen, dass jede Art von Not und Leid endlich endet?

    Wie gesagt: Das dachte ich gestern. Nun frage ich mich, was ich heute plane oder morgen will: Konsum? Reisen? Oder etwas Sinnvolles? Da bin ich der alte Mann und das Meer an Fragen ...

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