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Aus: Ausgabe vom 16.05.2020, Seite 6 / Ausland
Kuba / USA

Havanna fordert Aufklärung

Nach Anschlag auf Kubas Botschaft in USA: Schütze verkehrte in Miami in ultrarechten und klerikalen Kreisen
Von Volker Hermsdorf
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Nach dem Anschlag: Ein Polizeibeamter telefoniert vor der Botschaft Kubas in Washington (30.4.2020)

Wie ein Langfinger, der mit dem Ruf »Haltet den Dieb« von der eigenen Tat ablenken will, hat Washington das sozialistische Kuba auf eine Liste von Ländern gesetzt, die die Vereinigten Staaten nicht ausreichend bei ihrem »Kampf gegen den Terror« unterstützen. Dies sei der erste Schritt, um die Insel bis zum Ende des Jahres auf die Liste von Staaten zu setzen, die den Terrorismus aktiv fördern, zitierte Reuters am Donnerstag einen namentlich nicht genannten »hohen Regierungsbeamten«.

Zu den Ursachen und Hintergründen des terroristischen Anschlags auf Kubas Botschaft am 30. April hat sich die US-Regierung allerdings bis zu diesem Tag immer noch nicht geäußert. Dagegen berichten Zeitungen und Internetseiten über Verbindungen des Täters zu militanten rechten Gruppierungen in Miami, die ihrerseits Kontakte zu Spitzenpolitikern in Florida und Regierungskreisen in Washington unterhalten.

Während US-Medien den in Kuba geborenen 42jährigen Schützen Alexander Alazo noch am Donnerstag, kurz vor einer Anhörung beim Bezirksgericht in Washington D. C., als verwirrten Einzeltäter darstellten, veröffentlichte die mexikanische Tageszeitung La Jornada in einem Beitrag der kubanischen Journalistin Rosa Miriam Elizalde brisante Details. Alazo, der Kuba noch acht Mal besucht hatte, nachdem er von dort nach Mexiko ausgewandert war, wird von Bekannten in dieser Zeit als unauffällig und friedlich beschrieben. In den USA, wo er in Florida, Texas und Pennsylvania lebte und zuletzt erwerbs- sowie obdachlos war, habe eine psychische Veränderung begonnen.

In der bei Miami gelegenen Stadt Doral besuchte Alazo regelmäßig das »Doral Jesus Worship Center«. Gründer des bei kubanischen und venezolanischen Ultrarechten beliebten Zentrums ist der evangelikale Pastor Frank López. Der pflegt enge Beziehungen zu Marco Rubio, Vertreter Floridas im US-Senat, dem ebenfalls aus Florida stammenden Kongressabgeordneten Mario Díaz-Balart sowie Carlos Vecchio, der vom selbsternannten »Interimspräsidenten« Juan Guaidó zum »Botschafter Venezuelas« in Washington gemacht wurde.

An einer Veranstaltung zum Beginn von Trumps Wahlkampf hatten in diesem Zentrum am 1. Februar 2019 neben Rubio und Díaz-Balart auch der Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, dessen Vorgänger Richard »Rick« Scott und US-Vizepräsident Michael Pence teilgenommen, der den Zuhörern in seiner Rede unter anderem versprach, in »wenigen Tagen oder Wochen, den Kopf von Nicolás Maduro« zu präsentieren. Zentrumschef López behauptete zwar am Dienstag in der Tageszeitung Miami Herald, Alazo seit 2018 nicht mehr in »seiner Kirche« gesehen zu haben, doch war das Anliegen der Trump-Anhänger bei dem Attentäter auch so angekommen. Auf eine kubanische Fahne, die er vor den Schüssen auf die Botschaft verbrennen wollte, hatte Alazo den offiziellen Wahlkampfspruch »Trump 2020« gekritzelt.

Bei den Evangelikalen hatte er auch den Exilkubaner Leandro Pérez kennengelernt, der sich selbst als Freund Alazos bezeichnet. Pérez hatte im Internet mehrfach zum Mord an linken Politikern aufgerufen. Kubas Außenminister Bruno Rodríguez präsentierte einen Facebook-Post vom 5. Februar, in dem Pérez die Präsidenten Kubas und Venezuelas warnte: »Wir werden den Sozialismus in Amerika nicht zulassen. Hören Sie gut zu, Díaz-Canel und Maduro, hahaha. Wir haben die Drohnen bereit.« Eine Analyse der Facebook-Aktivitäten des Botschaftsattentäters habe zudem dessen Verbindungen zu Systemgegnern belegt, die in den letzten Monaten auf der Insel mehrere Büsten des Nationalhelden José Martí mit Schweineblut besudelt hatten, erklärte Rodríguez.

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