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Aus: Ausgabe vom 09.04.2020, Seite 10 / Feuilleton
Allmächd!

Wie ich am Karfreitag einmal heimlich ein Schnitzel bei Onkel Manfred aß und noch ’ne Mark vom Pfarrer dafür bekam

Eine Kurzgeschichte
Von Michael Schweßinger
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Seltene Fischart: Wiener Schnitzel

Am Freitag, den 20. April 1984 saß ich um die Mittagszeit bei Onkel Manfred in der Küche auf der Eckbank. Onkel Manfred hatte eine große Küche, denn er war Fleischer und Gastwirt und selbst auch schon sehr groß. Eigentlich saß ich immer lieber im Gastraum, weil da immer was los war und man von den Gästen einige Mark für den Automaten mit gerösteten Nüssen abstauben konnte, aber an diesem Freitag war es anders, denn es war ein gar merkwürdiger Tag, und Onkel Manfred hantierte nicht wie gewöhnlich mit Braten und Suppen, sondern mit Karpfen und anderem für eine Fleischereigaststätte ungewohntem Gefisch.

Das lag daran, dass es ein Karfreitag war, und der Karfreitag ist so etwas wie der Worstcase einer Fleischerei, zumindest in Franken war das so, weil da alle Bewohner Mitglieder einer Sekte waren, die an diesem Tag fastete. Also die Definition von Fasten war: Großer Fisch in Panade, was mir später als eine gar merkwürdige, ja bizarre Definition des Fastens erschien, aber damals nicht, weil eben alle anderen Menschen auch Mitglied in dieser Sekte waren und deshalb das Bizarre eben das Normale war. Bizarr wurde es erst später, als ich plötzlich Menschen kennenlernte, die nicht Mitglied in dieser Sekte waren.

Der schlimmste Tag

Diese Sekte veranstaltete sehr merkwürdige Riten. Eines der merkwürdigsten ihrer Feste nannten sie eben Karfreitag, also, es gab da viele merkwürdige Feste im Jahreskreis, aber der Karfreitag war auch noch dazu der langweiligste unter den Feiertagen. Ich dachte immer, dass es keine schlimmere Sache auf der Welt geben könnte als den Karfreitag in der fränkischen Provinz. Dann las ich sehr viel später das Buch von Andreas Altmann, über das Scheißleben seines Vaters, das Scheißleben seiner Mutter und seine eigene Scheißjugend. Altmann kam aus einer Familie von Rosenkranzverkäufern in Altötting, und da wusste ich, dass es noch schlimmere Sachen gab als fränkische Karfreitage, nämlich Karfreitage in Altötting. Aber damals war der Karfreitag der schlimmste aller Tage. Am Karfreitag liefen praktisch nur Sandalenfilme im Fernsehen, Ben Hur, Moses und Jesus im Wechsel, und am Karfreitag durfte ich nicht einmal bei meinem Patenonkel Manfred Schnitzel essen, obwohl Onkel Manfred ja Fleischer war und sich immer freute, wenn ich zum Schnitzelessen vorbeikam, aber am Karfreitag freute er sich gar nicht darüber, dass ich zum Schnitzelessen vorbeikam und machte merkwürdige Geräusche mit seinen Lippen wie »bhbhbh« und murmelte so was wie »das is jetzt ned gud« und schüttelte dabei immer wieder mit dem Kopf.

Oder nicht ganz richtig, da ich energisch bei Karpfen und Forellen ebenfalls den Kopf schüttelte, gab es doch nach einigen leidvollen Blicken und Betteleien an diesem schmerzensreichen Tag Schnitzel für mich, aber nicht in der Gaststube, sondern eben nur am Küchentisch und mit dem Versprechen, keinem davon zu erzählen, weil der Heiland ja an diesem Tag für unsere Sünden den Kreuzestod erlitten hatte und deshalb kein Fleisch verzehrt werden durfte.

»Sieht Gott nicht bis in deine Küche rein«, fragte ich Onkel Manfred, und er antwortete mit einem mir damals unverständlichen Satz, über den ich lange nachdachte, während er ’ne viertel Zitrone und ’ne Handvoll Petersilie neben einem Karpfen drapierte: »Gott vielleicht scho, aber die Nachbarn need, und die sind strafender als der Herrgott!«

Die Allmacht Gottes wird also begrenzt durch die Nachbarschaft, dachte ich mir. Wenn aber die Nachbarschaft ein größeres Strafgericht über Onkel Manfred bringen konnte als das der ewigen Verdammnis und des Fegefeuers, von dem der Pfarrer im Religionsunterricht immer sprach, dann war Gott gar nicht mal so mächtig.

Man könnte sagen, dass sich, während sich die Panade des Schnitzels in Onkel Manfreds Pfanne goldgelb verfärbte, an diesem Karfreitag im Jahre 1984 schon die ersten Funken der Theodizee in meinem kindlichen Hirn breitmachten, ich also Zweifel bekam, ob das da in dieser Sekte alles mit rechten Dingen zuging. Andere würden sagen, es war Satan, der aus Onkel Manfreds quasi ketzerisch gebratenen Karfreitagsschnitzeln gekrochen kam und mich da verführte, weil, wenn die Schlecker-Linde, die Frau hieß eigentlich Gerlinde und hatte ihren Namen nur, weil sie in der Schlecker-Filiale arbeitete, und das auch nur, weil sie dabei die Hauptstraße überblicken konnte, denn Geld brauchte sie nicht. Wenn also die Gerlinde in der Schlecker-Filiale, die an die Fleischerei von Onkel Manfred grenzte, also, wenn die Schlecker-Linde eine größere Macht über Onkel Manfred besaß als Gott, dann war da doch was faul mit Gottes Allmacht.

Es half nichts und sollte noch einige Jahre dauern, bis ich das Problem bei Camus wiederentdeckte. Das war im Grundkurs Religion, und ich schwieg damals zu diesem Thema, weil, ich konnte da schlecht sagen, also das mit der Theodizee war mir schon vor Jahren klar, als ich beim Onkel Manfred in der Küche saß am Karfreitag 1984 und auf meinem Schnitzel kaute und über die Allmacht der Schlecker-Linde nachdachte, denn das mit dem Fasten nahm man auch Jahre später in Bamberg sehr ernst – und Schnitzel am Karfreitag, das war kein Kavaliersdelikt.

Aber zurück ins Jahr 1984. Erst einmal galt es den weiteren Tag zu überstehen, denn das Schnitzel bei Onkel Manfred gab es nur unter der Bedingung des Karfreitagskirchgangs. Ich gestehe, unter allen langweiligen Kirchenveranstaltungen, die ich im Laufe meiner Kindheit und Jugend besucht hatte, war diese der absolute und unangefochtene Spitzenreiter.

Es gab keinen Gesang und nicht einmal Orgelmusik, auch noch keine Smartphones zur Ablenkung, nur Fürbitten und Lesungen über drei Stunden, und dann gab es da noch diesen merkwürdigen Brauch des Adoratio crucis, der Kreuzesverehrung. Man musste dazu durch den Mittelgang der Kirche laufen, auf ein großes, bestimmt drei Meter langes Holzkreuz zu, das normalerweise an der Wand hing, nun aber auf einem Tuch auf dem Boden lag und mit anderen schwarzen Tüchern verhüllt war, so dass gar nichts mehr vom Corpus Christi zu erkennen war, sondern nur noch die blutigen Füße vom Jesus rausschauten, und eben diese Füße hatte man zu küssen. Nun wäre das schon unter hygienischen Umständen grenzwertig, und eine Packung Sagrotan wäre da sicherlich auch eine Möglichkeit gewesen, aber das gar Grausliche dieser Zeremonie steigerte sich noch, als ich sah, dass eines der alten Betweiber, die einem tagtäglich apokalyptische Geschichten erzählten, von gefallenen Engeln und den Tieren der Apokalypse oder meinem Namenspatron Michael, der mit seinem Flammenschwert den Himmel bewachte, sich vor mir mit völliger Inbrunst dieser Verehrung hingab und mit seiner Zunge gierig über die blutigen Füße strich.

Als ich vor dem Kreuz niederkniete, merkte ich, dass Jesus Füße den Knoblauchgeruch der Alten angenommen hatten, und mir wurde ganz schlecht, aber ich dachte mir, wenn du jetzt dem Jesus auch noch dem Onkel Manfred sein heimlich gebratenes Schnitzel auf die blutigen Füße kotzt, dann gibt das aber richtig Ärger. Und rannte würgend nach draußen und um die Ecke und erbrach vor dem Gebeinhaus, unter den stoischen Blicken von allerhand Totenschädeln.

Ein merkwürdiger Fisch

»Is dir ned gut, Michel?« fragte irgendwann eine mir bekannte Stimme hinter mir, und ich zuckte zusammen. Es war die Stimme der Schlecker-Linde, die in ihrer strafenden Allmacht den Herrgott in den Schatten stellte, so sagte es doch Onkel Manfred.

»Woas hads denn geem zum Middoch?« fragte sie, schlich um mich herum wie eine Katze und suchte mit ihren Augen in meinem Erbrochenen nach Antworten. Ein römischer Seher bei seiner Eingeweideschau wäre neben der Schlecker-Linde glatt als Amateur durchgegangen.

» Fisch hads geem, beim Paden«, sagte ich, obwohl man ja am Karfreitag nicht lügen soll, aber wenn die Schlecker-Linde so mächtig war, dann würde sie das sicher durchschauen, und dadurch wäre ja eine Lüge keine Lüge mehr, weil eben durchschaubar von Anfang an für Allmächtige.

»Dees is oba a merkwürdiger Fisch, den der Onkel da gebradn hoad. Woar der panierd?«

»Ja, Fischstäbla gabs«, log ich ein zweites Mal und musste an den Hahn aus dem Religionsbuch denken, der dreimal gekräht hatte, weil der Petrus auch gelogen hatte am Karfreitag.

Und dann kam irgendwann später der Pfarrer und meinte: »Fein, dasd raus bisd, Michel, des war des beste in der Situation. Das ist nicht einfach mit dem Fasten. An Fisch sind unsere Mägen halt auch nicht gewöhnt in unseren Breiten. So a Karpfen muss erst mal verdaut wärn. Das haben die sich ja in Galilaea am See Genezareth ausgedochd, die ham da jede Menge Fisch, denk nur an die Gschicht mit der Fischvermehrung. Die ham da mehr Erfahrung damit als unsereins. Hier hast a Mark, kaafsd der a Eis, aber erst am Ostersonntag nach der Auferstehung.«

Das war wieder was, was ich nicht verstand. Weil, wenn sie jeden Tag Fisch hatten in Galilaea, dann war das ja kein Fasten, dann wäre das vernünftiger, wenn sie am Karfreitag die Schnitzel vom Onkel Manfred essen würden, aber ich nickte und antwortete: »Jawohl, Herr Pfarrer, danke schön, natürlich erst nach der Auferstehung das Eis!«

Und es krähte kein Hahn wie beim Petrus, trotz der dritten dreisten Lüge an diesem für Jesus so leidensvollen Tag, und da dachte ich mir, wenn die Schlecker-Linde dich nicht sieht, Gott stört das mit dem Eis am Karfreitag bestimmt auch nicht mehr.

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