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Aus: Ausgabe vom 27.03.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Schwächstes Glied

Vom Alltag in der ­roten Zone in Rom
Von Peter Wawerzinek
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Hinter unseren Mauern höre ich es viel häufiger scheppern. Das sind die Flaschenwegwerfer. Altbekannte Töne, die ich, in meinen schönsten Saufzeiten, zur Freude der Anwohner mehrmals in der Woche erschallen ließ. Alkohol wird knapp. Der Konsum steigt an. Ich bin, weil ich nicht trinke, so etwas wie ein stiller Held in der Villa, aber auch ihr schwächstes Glied. Mein Verzicht verheißt den anderen Zuversicht. Erleben sie mich täglich wohlbehalten, werden auch sie die durstigtrübe Periode überstehen. Darauf könnte ich mir etwas einbilden, doch begnüge ich mich tunlichst mit der Vorbildwirkung.

Wir gucken »Der Report der Magd«, nach Margaret Atwood. Ich stelle Vergleiche zu uns an. Der abgeriegelte Raum ist die Villa. Die rot-weiße Anstaltstracht sind die Nachrichten, die uns im Kopf geistern, wie Zwangsjacken einengen. Unsere Tage sind so langatmig und unaufgeregt wie die der TV-Serie, in der Atwood selbst einmal kurz als prügelnde Aufseherin auftritt. Das ist der Schlag des leibhaftigen Virus. Der prügelt auf uns alle ein. Alle Länder werden zum Kontrollstaat Gilead. Wir müssten rebellieren und ordnen uns widerstandslos Kommandanten unter, deren Häscher draußen patrouillieren, wo die Flüchtlinge hausen. In normalen Zeiten wären wir uns alle unsympathisch.

Eine Freundin hat ihren Geburtstag allein mit Apfeltorte aus dem Frost und einer Flasche Sprühsahne aus der dortigen Kaufhalle gefeiert. Dort meint Mecklenburg, woher ich stamme. Unweit entfernt von Dort gibt es Rom als kleinen Ort bei Parchim. So etwas Exotisches wie Sprühsahne wollte ich schon lange einmal haben, schreibt sie, hab’ mich nur nicht getraut. Jetzt aber, als Zeichen gegen den befohlenen Selbstschutz, wird sich nicht mehr zimperlich benommen und Sahne in den Mund gesprüht, bis sie aus allen Poren quillt. Zum Sich-was-trauen ist es nämlich nie zu spät. Dass die Kohlen im Ofen schön durchgebrannt waren, als sie die Ofentür verriegelte und sie im Freien die Sternkuppel über sich betrachtete, schreibt sie. Sind alle noch da! Nicht ein Stern vom bösen, schwarzen Loch verschlungen worden! Mein Geschenk an sie? Ich werfe mich in mein kleines Arbeitszimmer und beginne in meiner Zelle den Roman zu schreiben. Arbeitstitel »Der Stipendiat«.

Der Autor wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. (jW)

In der Serie Vom Alltag in der roten Zone in Rom:

Der Autor Peter Wawerzinek wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. Ein Tagebuch.

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