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Aus: Ausgabe vom 28.03.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Rom, geschlossene Stadt

Die Ewige ruht still und starr

Unbelebt, unwirklich. Fotografien aus Rom in Zeiten der Epidemie. (Fotos)
Von Daniel Bratanovic
Statt Touristen Armeefahrzeuge vor dem ­Kolosseum in Rom (13.3.2020)
»Rushhour« in Zeiten der Pandemie: Der östliche Verkehrsring in Rom (16.3.2020)
Normalerweise Ort des öffentlichen Gebets: Der Petersplatz in der Vatikanstadt (15.3.2020)
Stilles Monument: Die Engelsburg in Rom
Das Unglaubliche festhalten: Fotografen an der (fast) menschenleeren Spanischen Treppe in Rom (12.3.2020)
Pandemieschutz gilt nicht für alle: Essenslieferanten müssen die Daheimbleibenden weiterversorgen (15.3.2020)
Keine Passanten, kein Einkommen: Obdachloser vor dem zentralen Bahnhof Termini (16.3.2020)

Von Edward Hopper (1882–1967) heißt es dieser Tage, er sei der Maler der Stunde, der Illustrator der Coronaviruspandemie. Sicher, mancher mag bei »Morgen in Cape Cod« (»Cape Cod Morning«, 1950) an schmerzhaft empfundene Ausgangssperre, bei »Shakespeare in der Abenddämmerung« (»Shakespeare at Dusk«, 1935) an den gespenstischen Shutdown einer Großstadt denken. Seine realistischen Gemälde zeigen jedoch Isolation und Leere als zwar beunruhigende, aber eben generelle Repräsentationen des atomisierten bürgerlichen Individuums. Der normale Ausnahmezustand in Permanenz.

Diese Fotografien sind dagegen viel unvermittelter, halten Akutes fest, verweisen mithin auf anderes. Diese Stillleben irritieren, präsentieren ungewohnte Ansichten; ein sofort erfassbarer Gegensatz zum gewohnten, vertrauten, erinnerten Bild von der berühmten Stadt. Wo sonst Autos und Motorini im kakophonen Konzert des Motorenlärms zäh über Asphalt auf antikem Untergrund wälzen, wo sonst Touristenmassen, deren Aggregatzustand gelegentlich von der Herde zur Horde wechselt, nicht den kleinsten Sightseeingspot unbeachtet lassen, und wo sonst Katholiken aus aller Welt in Scharen in das Zentrum ihrer Glaubensrichtung pilgern, herrscht nunmehr sterile, starre Stille: Rom, geschlossene Stadt im März 2020.

Vor dem Kolosseum zwei Militärfahrzeuge, eine Handvoll Soldaten. »Wir befinden uns im Krieg«, stipuliert der französische Präsident. Doch wo und wer überhaupt ist der Gegner? Diese Szenen, die abgebildete Leere, wirken nicht bedrohlich – aber auch nicht erhaben. Eher unwirklich, unbelebt, stilisiert: der Petersdom, die Engelsburg, die Spanische Treppe – wie tote Fluchtpunkte in Architekturzeichnungen. Fast wünschte man, es mögen überhaupt keine Menschen mehr zu sehen sein, die diese Sterilität noch stören könnten.

Doch dann ist da unverdrossener Trotz, ja Widerstand, Würde und Haltung bei aller Verzweiflung. Der obdachlose Mann im Schneidersitz in Sichtweite des Bahnhofs Termini scheint zu sagen: »Corona, tu sei uno stronzo.«

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