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Aus: Ausgabe vom 28.03.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Covid-19

Größte Ausgangsperre der Welt

Indiens Regierung verordnet Einwohnern kollektive Quarantäne an. Maßnahmen treffen millionen Tagelöhner besonders hart
Von Thomas Berger
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Arbeitsmigranten in Indien sind ungeschützt gegen Covid-19 (Ahmedabad, 25.3.2020)

Am Freitag legte die Ratingagentur Moody’s die Prognose für die indische Wirtschaft vor. Wegen der Auswirkungen der Coronaviruspandemie werde das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr von bisher kalkulierten 5,3 auf nur noch 2,5 Prozent einbrechen.

Weltweit sind 2,6 Milliarden Menschen durch die Pandemie drastischen Einschränkungen ausgesetzt. In Indien sind mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern mehr als die Hälfte davon betroffen. Premierminister Narendra Modi hat seinen Landsleuten, unter denen es laut Johns Hopkins University bis Freitag mittag nur 775 bestätigte Erkrankte gibt, eine große kollektive Ausgangssperre verordnet. Das Gesundheitssystem droht im schlimmsten Fall mit Millionen Infizierten überlastet zu werden. Für drei Wochen verfügte die Zentralregierung einen kompletten Lockdown des Landes: Nur noch im Notfall, beispielsweise für lebensnotwendige Einkäufe, sollen sich die Menschen auf die Straße wagen. Dass Modi mit seiner Rede vom Dienstag abend die drastischen Maßnahmen aber allen ohne Vorbereitungszeit überstülpte, sorgte für enorme Probleme. Insbesondere Arbeitsmigranten, die zwischen verschiedenen Regionen oder zwischen Stadt und Land pendeln, hat es besonders hart getroffen. Da auch die Verkehrsverbindungen unterbrochen wurden, wissen sie nicht, wie sie nach Hause kommen sollen. Einzelne Gruppen sind seit Tagen zu Fuß auf leeren Highways unterwegs.

Es sind gespenstische Bilder, die man aus dem sonst hektischen Alltag gar nicht kennt. Am ersten Tag des Lockdowns hatten Polizisten mit Schlagstöcken Menschen auf der Straße zum Heimweg »aufgefordert«. Die Busse der staatlichen und der privaten Transportunternehmen stehen im Depot. Bei Motor- und Fahrradrikschas, sofern diese anfangs noch fuhren, ließen Polizeibeamte die Luft aus den Reifen. Und die sonst auf einem 250 Kilometer umfassenden Liniennetz verkehrende Metro der Hauptstadtmetropole Delhi steht ebenso still wie die zu den Stoßzeiten sonst völlig überfüllten Vorortzüge in Mumbai und Kolkata. Nicht einmal Langstreckenverbindungen sind ausgenommen. Von einigen Zügen mit wichtigen Versorgungsgütern abgesehen, rollt auf den Schienen nichts mehr. Das gleiche gilt für die Straßen: Selbst Lkws mit Obst und Gemüse werden zum Teil von der Polizei gestoppt. Internationale Flüge bleiben bis 14. April ebenfalls ausgesetzt.

Millionen Einwohner bieten als Tagelöhner jeden Morgen ihre Arbeitskraft an. Unzählige andere schlagen sich in verschiedensten Bereichen als Kleinstunternehmer durch. All diese sind in existentielle Nöte gestürzt, denn sie verfügen nur über geringe Rücklagen. Viele nehmen zudem weite Wege auf sich, um in anderen Landesteilen Arbeit zu finden. Ganze Heerscharen von Bauarbeitern in mittelgroßen modernen Metropolen wie Pune stammen aus besonders armen Staaten wie Bihar und Jharkhand. Über Monate leben die Männer getrennt von ihren Familien, schicken in Abständen einen Großteil ihrer Einkünfte in die entfernten Heimatdörfer. Plötzlich vor dem Nichts stehen durch die Stillegung des Landes auch jene im ländlichen Raum, bei denen der Staat über spezielle Förderprogramme wenigstens einem Mitglied pro Familie 100 Tage Arbeit im Jahr, zum Beispiel im Straßenbau, garantiert – eine minimale, aber wichtige Einnahmequelle, von der nicht selten zehn Menschen und mehr abhängen. Auch dieses Einkommen bricht für mindestens drei Wochen weg. Die ohnehin in ärmeren Landesteilen grassierende Unterernährung droht sich zu verschärfen, trotz Nahrungsmittellieferungen an besonders bedürftige Familien, die es stellenweise gibt. Mit der Schließung aller Schulen fällt auch die in etlichen Staaten sonst gut funktionierende Ausgabe von Schulessen weg, die ärmeren Kindern sonst immerhin eine solide Mahlzeit am Tag garantierte.

Im ersten Hilfsprogramm der Regierung, das ein Ausmaß von 1,7 Billionen Rupien (20,6 Milliarden Euro) hat, sollen tatsächlich zunächst die Ärmsten einschließlich der Millionen Tagelöhner mit direkten Beihilfen unterstützt werden. Die indische Zentralbank stellte in einem Erlass alle Kredite für die nächsten drei Monate rückzahlungsfrei, ohne dass dies Negativfolgen für die Darlehensnehmer hätte – das gilt für Privat- und Genossenschaftsbanken ebenso wie das Mikrokreditwesen. Spezielle Verkaufsstellen sollen die Versorgung mit Lebensmitteln aufrechterhalten helfen.

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