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Aus: Ausgabe vom 28.03.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Kubas Kampf gegen Corona

Vorbereitet trotz Blockade

Kuba kämpft gegen die Ausbreitung des Coronavirus auf der Insel. Regierung setzt weitreichende Maßnahmen um
Von Volker Hermsdorf
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Kuba rüstet sich für den Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus (Havanna, 24.3.2020)

Trotz der von den USA seit 60 Jahren aufrechterhaltenen Blockade ist das Gesundheitswesen in Kuba besser auf die Coronaviruspandemie vorbereitet als die Systeme in anderen Ländern des Kontinents. Doch die seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump verschärften Sanktionen machen den Kampf gegen die Ausbreitung des Virus zu einer Sisyphusarbeit. Am Dienstag verlangte deshalb die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte das Aussetzen aller Sanktionen. »Ein Zusammenbruch der Gesundheitssysteme in den davon betroffenen Ländern« würde das Risiko der Virusausbreitung »für die ganze Welt« erhöhen, warnte Michelle Bachelet. UN-Generalsekretär António Guterres unterstrich die Erklärung einen Tag später. In Deutschland hatte Oskar Lafontaine (Die Linke) bereits am Montag gefordert: »Hebt die Sanktionen auf! Sie sind Massenmord!«

Obwohl die US-Sanktionen dem kubanischen Gesundheitswesen allein zwischen April 2018 und März 2019 finanzielle Einbußen in Höhe von mehr als 104 Millionen US-Dollar (rund 98 Millionen Euro) zugefügt haben, hat das Land sein weltweit als beispielhaft anerkanntes Präventionssystem zur Eindämmung von Seuchen und Epidemien aufrechterhalten. Mit großen Anstrengungen wurde auch die Produktion von Medikamenten fortgesetzt, die in China mit Erfolg in der Behandlung von an Covid-19 Erkrankten eingesetzt wurden. »Unser Land wirft keine Bomben auf andere Völker und wir sind nie auf die Idee gekommen, Atombomben oder biologische Waffen herzustellen. Wozu? Waffen, um den Tod zu bekämpfen, um Krankheiten zu bekämpfen, um Krebs zu bekämpfen, dem widmen wir unsere Ressourcen«, hatte Fidel Castro die Prioritäten der kubanischen Forschung und des flächendeckenden Gesundheitswesens einst beschrieben. Die in den vergangenen Tagen eingeführten Schutzmaßnahmen konnten an bestehende Pläne zur Vorbeugung und Kontrolle anknüpfen, die sich bei Evakuierungsaktionen bei Hurrikans, zur Reduzierung von HIV-Erkrankungen und bei Kampagnen gegen die Ausbreitung von Dengue- und Zika-Infektionen als effizient erwiesen haben.

Obwohl zu Beginn der Woche erst einzelne Covid-19-Erkrankungen auf der Insel identifiziert worden waren, warnte Präsident Miguel Díaz-Canel am Montag im staatlichen Fernsehen: »Das neue Coronavirus kommt mit exponentieller Geschwindigkeit auf uns zu.« Bis Mittwoch abend hatte sich die Zahl der bestätigten Fälle bereits auf 67 erhöht, zwei Patienten waren gestorben, ein weiterer schwebte in Lebensgefahr. Der Staatschef kündigte weitreichende Einschränkungen an, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Gesundheitsminister José Portal Miranda informierte in der Fernsehsendung »Mesa Redonda« über die Maßnahmen in seinem Ressort. Dazu gehören ein Einreiseverbot für ausländische Besucher und eine 14tägige Quarantäne für Touristen, die sich noch auf der Insel aufhalten. Gäste, die privat untergebracht sind, müssen zur besseren Betreuung in Hotels umziehen. Kubanische Staatsbürger, die in ihr Land zurückkehren, werden nach der Ankunft 14 Tage lang in speziell dafür eingerichteten Zentren medizinisch überwacht.

Am Mittwoch befanden sich 1.603 Patienten, davon 148 Ausländer und 1.455 Kubaner, unter klinisch-epidemiologischer Überwachung in diesen Einrichtungen. Seit Anfang der Woche nehmen Krankenhäuser nur noch unaufschiebbare chirurgische Eingriffe sowie Transplantationen, Krebstherapien und Notfallbehandlungen vor, um Kapazitäten für die erwartete Zunahme von Covid-19-Patienten zu schaffen. Der Minister kündigte außerdem eine besondere Betreuung für ältere Menschen, die in Alten- und Pflegeheimen oder allein leben, sowie für Obdachlose an.

Wie Bildungsministerin Ena Velázquez Cobiella mitteilte, wird der Unterricht in Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen bis zum 20. April ausgesetzt, während Kindergärten für die Kinder berufstätige Familien zunächst mit Sicherheitsvorkehrungen geöffnet bleiben sollen. Derzeit würden von Pädagogen spezielle Fernsehprogramme produziert, die ab kommendem Montag ausgestrahlt werden, um weiterhin die Lehrinhalte zu vermitteln und Schüler auf ihre Prüfungen vorzubereiten, sagte Velázquez Cobiella.

Das Transportministerium informierte über die Aussetzung der Bus-, Bahn-, Flug- und privaten Verbindungen zwischen den Provinzen. Leihwagen dürfen nicht mehr vermietet werden. Alle Politiker appellierten in der Sendung an Bürger, die Symptome verspüren, sich bei den Gesundheitszentren zu melden und unter ärztlicher Aufsicht in häuslicher Quarantäne zu bleiben. Da Restaurants, Hotels und Bars geschlossen oder im Betrieb stark eingeschränkt sind, werden deren Lebensmittelvorräte im Einzelhandel verkauft.

Mitarbeiter staatlicher Unternehmen und Einrichtungen erhalten ihr Gehalt bei Betriebsschließungen im ersten Monat zu 100, danach zu 60 Prozent weiter. Steuern und Abgaben für Selbstständige, Genossenschaften und private Betriebe werden ausgesetzt. Díaz-Canel warnte die Bürger vor falschen Hoffnungen, da der Höhepunkt trotz aller Vorsorge noch nicht erreicht sei. »Wir müssen die Kurve der Krankheitsfälle so flach wie möglich halten«, sagte er und warb um Verständnis für die Maßnahmen.

Die Parteizeitung Granma warnte unterdessen am Mittwoch vor »Fake News«, die sich auch in Kuba fast schneller ausbreiten als das Virus. So kursiert im Internet unter anderem ein Video, das verbale Angriffe von zwei aus Miami und Madrid eingereisten Passagieren auf das Personal eines Quarantänezentrums zeigt. Das vom US-Dienst NED finanzierte Onlineportal Diario de Cuba verbreitete die offensichtlich für das Video provozierte Auseinandersetzung als Beleg für ein angebliches »Chaos« in diesen Zentren. In einem weiteren Beitrag veröffentlichte die in Madrid publizierte Contra-Plattform eine Falschmeldung über »soziale Unruhen« in Havanna. »Unabhängige Journalisten« und andere von Washington finanzierte Systemgegner unterstützen mit erfundenen Berichten den Versuch, Kubas Kampf gegen die Epidemie zu erschweren und das Land zu destabilisieren.

Hintergrund: Ärztebrigade Henry Reeve

Das »Internationale Ärztekontingent Henry Reeve« wurde am 19. September 2005 auf Initiative Fidel Castros gegründet. Diese Spezialeinheit zur Verstärkung kubanischer Hilfseinsätze besteht aus Medizinern, die für Einsätze bei Naturkatastrophen und Epidemien ausgebildet sind. Kuba wolle der Welt damit die Hilfe zur Verfügung stellen, zu der die wohlhabenden Länder des Westens nicht fähig sind, begründete Havanna den Aufbau der Ärztebrigade.

»Obwohl jeder Mensch und jedes Volk ein Recht auf Gesundheit hat und das Privileg eines langen Lebens genießen sollte, haben die reichsten und am weitesten entwickelten Gesellschaften, beherrscht vom Gewinn- und Konsumdenken, die ärztlichen Dienstleistungen in eine vulgäre Ware verwandelt, die so für die ärmsten Schichten der Bevölkerung unerreichbar sind«, sagte der 2016 verstorbene Revolutionsführer bei der Gründung der Brigade. Während damals noch AIDS als eines der größten medizinischen Probleme galt, ging Castros Beschreibung künftiger Herausforderungen bereits darüber hinaus. »Wenn die entwickelten, sehr reichen Nationen sich entschließen, mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten, werden sie Fachkräfte wie die des Kontingents Henry Reeve benötigen. Dann wird man den Wert dieses Schritts in seiner ganzen Größe verstehen«, erklärte Castro. »Die entwickelten und reichen Staaten haben Finanzkapital zur Verfügung, aber keine menschlichen Ressourcen. Sogar in unwahrscheinlich reichen Ländern wie den Vereinigten Staaten fehlen Programme zur Gesundheitsversorgung und medizinischen Betreuung.«

Während die US-Regierung beim Choleraausbruch nach dem schweren Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 schwer bewaffnete Soldaten schickte, kämpften kubanische Mediziner in den Elendsvierteln bereits gegen die bakterielle Infektionskrankheit. Auch nach Ausbruch der Ebolaepidemie 2014 in Westafrika hatte Kuba sofort 165 freiwillige Helfer des Kontingents Henry Reeve nach Sierra Leone, Liberia und Guinea in Marsch gesetzt. (vh)

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