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Aus: Ausgabe vom 27.03.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Nie wieder Karl-Heinz Rummenigge

Tote Monster: Endlich ist Schluss mit dem verfluchten Fußball
Von Jürgen Roth
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Im Verwahrlosungsgeschäft Fußball ist nichts mehr zu retten, es sei denn, es hört alles auf

»Mittlerweile verlieren die DFL und die Klubs sogar den Rückhalt der treusten Anhänger.«

derwesten.de, 20. März 2020

»Dann wirst du internationalen Profifußball vergessen müssen.«

Marcel Reif im Sport 1-»Doppelpass«, 22. März 2020

In einem in sogenannten Fußballkulturkreisen nicht ganz unbekannten Brief an seine Schwester Ottla schrieb Franz Kafka am 3. Oktober 1923: »Vielleicht hört der Fußball jetzt überhaupt auf.«

Knapp hundert Jahre später hat der Fußball auf unbestimmte Zeit aufgehört zu existieren, zack und wusch!, es gibt ihn einfach nicht mehr, er ist weg, weg, weg, und täuschen die Auspizien nicht, spricht einiges dafür, dass der gegenwärtige vollständige Stillstand, dass die kürzlich noch unvorstellbare totale Einstellung des Gebolzes und Gerennes und Gegröles und Gegeifers, dass das nahende Versiegen jeglichen nervtötenden Geplappers auf einem Jauchekanal wie Sport 1 und in einem strammen Stussblatt wie Sport-Bild ein, mit Ernst Bloch zu reden, »Vorschein« auf eine Welt ohne Fußball sein könnte, eine Welt ganz und gar ohne Fußball, und die sogenannte Fußballkultur, von der man erst faselt, seit der Fußball sämtliche Züge von Kultur abgestreift hat, wäre in einem Aufwasch gleich mitverklappt.

Was für eine erquickende Aussicht. Es käme dies einem Segen messianischen Ausmaßes gleich.

Planetarischer Unfug

»Aufhören, bitte«, flehte vor gut zwei Wochen Christian Spiller auf Zeit online, und da war noch im Gespräch, den ganzen planetarischen Unfug eines kapitalverwertungsgetriebenen Berufsfußballs in Form hanebüchen alberner Geisterspiele weiterzubetreiben. Unvermindert geströmt wären die grunzdummen, fetischistisch angehimmelten Millionen oder Trillionen, die irgendwelche durch und durch entbehrlichen, hochgradig ideologischen TV-Buden raustun, um mittels dieses grotesken Irrationalismus namens Profifußball die ohnehin demolierten Köppe der konsequent zu seelisch kaputten Konsumenten heruntergewirtschafteten Menschen unausgesetzt mit noch mehr Müll zu fluten.

Mag sein, dass, wie die FAZ spekuliert, angesichts des Zerbröselns des Rackets aus Vereinsbonzen und zutiefst unseligen Sportsendern wie Sky und Dazn, die jetzt – ach, es ist allzu schön – keine Bilder und keine krawalldementen O-Töne mehr in den geplagten Äther hinauspesten können, das demnächst zu vergebende Bundesligarechteschrottpaket vom still triumphierenden Monopolisten Amazon eingehamstert wird. Das Geld, es möge an sich selber ersticken, und vielleicht wird man danach wieder über würdevolle Sportarten berichten, über Rhönrad­turnen, Seniorenwaldlauf und Boule. Was wäre das für ein Sportjournalismus, der Schönheit, Dignität und das menschliche Maß wiederentdeckte.

»Einfach aufhören«, flehte Christian Spiller. Ja. Aber bitte richtig aufhören – und nicht, weil acht oder wie viele Bundesliga- und Nationalspieler auf ein paar Mäuse verzichten und ein Mister Messi und ein Monsieur Ronaldo sich per Twitter in ihren Gratisgesten gefallen, gleich Spiller wie ein Kleinkind hoffen, es möge künftighin doch alles, alles bitte, bitte gut werden; nicht gleich Spiller »hoffen, dass im durchkommerzialisierten Sport noch nicht alles verloren ist. Dass er womöglich solidarischer und demütiger aus der Krise hervorgehen könnte. Dass er sich bei künftigen Exzessen etwas unwohler fühlen wird.«

Nein, nein und noch mal: nein. Im Vermehrungs-, Verdrängungs- und ­Verwahrlosungsgeschäft Fußball ist nichts mehr zu retten, es sei denn, es hört das alles auf. Seltsamerweise hat ausgerechnet Joachim Löw, der jahrelang kein Wort zum Managerbullshitting seines Kompagnons Bierhoff fallenließ, das offenbar instinktiv begriffen. Der Bundestrainer sprach, und man nahm ihm seine Besorgnis und »intensive Gesellschaftskritik« (sid) tatsächlich ab, auf einer Pressekonferenz davon, dass sich die Erde gegen den vollkommen wahnsinnig gewordenen, raubenden und schlachtenden Homo sapiens des Kapitalozäns stemme und wehre, gegen jenen »Menschen, der immer denkt, dass er alles kann und alles weiß«, und in dessen affigem Großhirn genau drei Begriffe Platz finden, nämlich »Machtgier, Profit und Rekorde«. »Das Tempo«, so Löw, »war nicht mehr zu toppen«, und nun sei »nichts mehr, wie es vorher war«.

Heißt: Schluss, Ende, Feierabend. Für immer. Mit dem verfluchten Fußball und mit allem, wofür er, auch gemäß seinem profund lächerlichen, pervers aufgepumpten, narzisstischen Selbstbild, steht. Schicht. Im. Schacht.

Kernschmelze

Man male sich das aus: kein öffentliches Forum und kein Betätigungsfeld mehr für eine widerwärtige, ego- und megalomanisch via Facebook und in inferioren Schriftstücken »kurios« (Süddeutsche Zeitung) herumrandalierende, ihre spezielle »innovative« und »visionäre« und »holistische« Leistungs- und Lügenkultur zusammenzimmernde neoliberale Blablasprechblase namens Jürgen Klinsmann, für einen hinterhältigen Schwabensäckel, der Spieler ungeniert nach ihrem »Mehrwert« taxiert und, fällt deren Value zu gering aus, kurzerhand entsorgt; für den, wie ihn die Nürnberger Nachrichten nannten, »Ehrensohn« Dietmar H. aus H., der Fans, die ihn und seinen dreckigen Reichtum nicht bejubeln, bespitzeln lässt und am liebsten sofort in den Knast schmisse, und der sich, die »Gunst« der Stunde nutzend, »als möglicher Retter der Menschheit« inszeniert. Denn wahr bleibt, solange dieser Fußball weiterlebt, was der bürgerliche Schriftsteller Honoré de Balzac sagte: »Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen.«

Man male sich das aus: Nach der »Kernschmelze des deutschen Fußballs« (Spiegel), nach dem Heideggerschen »Nichten des Nichts« wird uns kein inkarniertes, vier Milliarden Euro dickes BWL-Lehrbuch wie der DFL-Macker Christian Seifert (»Der Fußball muss aufhören, sich für seinen Erfolg zu rechtfertigen«) mehr behelligen. Kein unermesslicher Karl-Heinz Rummenigge wird mehr dreitagebärtig in den Kulissen hocken und erzählen: »Am Ende des Tages geht es um Finanzen.« Kein Asi Aki Fatzke wird mehr in Sportschau-Sondersendungen gegenüber der, stimmt wirklich, »Sportjournalistin des Jahres« Jessy Wellmer zum besten geben können: »Wir sind Konkurrenten. (…) Ich bin auch nicht bereit … Am Ende des Tages können nicht die Klubs, die ein bisschen Polster angesetzt haben in den letzten Jahren, dann im Prinzip die Klubs, die das wiederum nicht gemacht haben, dafür dann auch noch belohnen.« Und kein wundersam benamster Kölner Sportdirektor, kein Mann, den man Heldt ruft, wird mehr, nachdem ein bayerischer Ministerpräsident moderat empfohlen hat, die Gehaltsmillionäre mögen eventuell eine Handvoll Pfennige in den Opferstock legen, in die Mikrophone kotzen, »es wäre absolut sinnhaft, dass man sich mit populistischen Scheißausdrücken erst mal zurückhält«.

Von Gramsci stammt die nicht ganz unbekannte Sentenz: »Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.« Ignorieren wir die absolut sinnlosen Fußballmonster so lange, bis sie dort angelangt sind, wo sie hingehören: im Vergessen.

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