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Aus: Ausgabe vom 26.03.2020, Seite 5 / Inland
Wohnungsmarkt

Aktionäre profitieren

Deutsche Wohnen verzeichnet steigende Gewinne. Mieterbündnis ruft wegen Coronapandemie zu kreativen Protesten auf
Von Bernd Müller
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Am Freitag protestierten Aktivisten vor dem Roten Rathaus in Berlin

Das Geschäft lohnt sich: Der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen legte am Mittwoch die Bilanz für das zurückliegende Jahr vor. Das Unternehmen konnte das Ergebnis vor Steuern um knapp 30 Prozent auf 704 Millionen Euro steigern. Auch wenn der Konzern »nur noch« 60 Prozent seines Ergebnisses an die Aktionäre ausschütten will, steigt die Dividende auf 90 Cent je Aktie. Begründet wird die abgesenkte Ausschüttungsquote mit der »Coronakrise«: Angeblich will das Unternehmen einen Hilfsfonds im Wert von 30 Millionen Euro auflegen, um Gewerbe- und Wohnungsmietern in der aktuell schwierigen Lage zu helfen.

Steigende Mieten hatten dem Unternehmen 2019 kräftige Profite beschert. Das wird sich 2020 wohl nicht wiederholen: Im Geschäftsbericht wird ein stagnierendes Ergebnis in Aussicht gestellt. Der Grund dafür ist unter anderem der in Berlin eingeführte »Mietendeckel«. Mitte Februar war dieser in Kraft getreten und friert die Mieten von gut 1,5 Millionen Wohnungen zunächst auf dem Stand von Juni 2019 ein. Ab 2021 dürfen sie dann um höchstens 1,3 Prozent im Jahr steigen.

Widerstand erschwert

Von den bundesweit rund 170.000 Wohnungen des Konzerns befindet sich der größte Teil (116.000) im Großraum Berlin. Um auch in anderen Städten besser Fuß fassen zu können, übernimmt Deutsche Wohnen den Münchner Projektentwickler Isaria Wohnbau, hieß es am Mittwoch. Rund 600 Millionen Euro zahlt der Konzern dazu bis zum Jahresende an den Finanzinvestor Lone Star.

Mit dem Kauf wolle das Berliner Unternehmen seine Kompetenzen im Bereich Neubau deutlich verstärken, heißt es in einer Mitteilung. Es entstehe damit »eine der großen deutschen Plattformen für nachhaltige Projektentwicklung von ganzheitlichen Quartieren in Metropolregionen«. Über drei Milliarden Euro wolle der Konzern in den Neubau von Wohn-, Pflege- und Büroimmobilien investieren. Zunächst sollen 2.700 Einheiten entstehen; die Hälfte davon in München, der Rest in Großstädten wie Hamburg, Stuttgart und Frankfurt am Main.

Widerstand gegen steigende Mieten wird unterdessen erschwert. Die für Samstag geplante Demonstration gegen »Verdrängung und Mietenwahnsinn« musste wegen der Coronapandemie abgesagt werden. Doch die Organisatoren wollen den Protest auf andere Weise sichtbar machen. Teilnehmer sollen sich gelbe Handschuhe anziehen als Zeichen, dass sie am »Housing Action Day« mitmachen. Um 18 Uhr sollen alle mit Töpfen und Deckeln für zehn Minuten auf dem Balkon oder am Fenster Lärm machen.

Das Bündnis macht darauf aufmerksam, dass die Coronapandemie die bestehende Wohnungskrise weiter verschärfe: »Schon jetzt verlieren Menschen ihre Jobs, haben mit Kurzarbeit geringere Einkommen oder sind als kleine Selbständige, freiberuflich Tätige, Kulturschaffende oder Kleingewerbetreibende in akuter Notlage.« Vielen Menschen drohten Kündigungen, Zwangsräumungen, Strom- und Wassersperren, Kultureinrichtungen und Kneipen stünden vor dem Aus.

Zuwenig gebaut

Um die Situation am Wohnungsmarkt zu entlasten, müssten in deutschen Großstädten rund 400.000 Wohnungen pro Jahr neu errichtet werden. Von diesem Wert ist die ­Realität noch weit entfernt. Das statistische Bundesamt hatte am 17. März mitgeteilt, im vergangenen Jahr sei lediglich der Bau von 311.200 Wohnungen genehmigt worden. Das sei zwar ein Anstieg von drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr, bedeute aber nur ein Mehr von 8.900 Wohnungen.

Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit: Nicht jedes genehmigte Bauvorhaben wird auch realisiert. Der sogenannte Bauüberhang, also die Zahl der Bauvorhaben, die zwar genehmigt, aber entweder nicht begonnen oder abgeschlossen wurden, nimmt seit Jahren zu. Handelte es sich Ende 2015 um rund 522.000 Wohnungen, stieg deren Zahl bis Ende 2018 auf fast 700.000.

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