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Aus: Ausgabe vom 21.03.2020, Seite 5 / Inland
Versorgung der Ärmsten

Obdachlose schutzlos

Bundesregierung ohne konkreten Pandemieplan. Berliner Senat bekundet guten Willen. Versorgung Wohnungsloser in Hamburg bricht zusammen
Von Susan Bonath
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Viele können von einer Wohnung, die sie nicht mehr verlassen dürfen, nur träumen (Berlin, 19.3.2020)

Die Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus ruft erfreulicherweise in einigen Bundesländern auch die ansonsten kaum beachteten Obdachlosen in Erinnerung. Von wirksamen Hilfen ist man allerdings weit entfernt. Mancherorts brechen sogar Notprogramme weg. Die Bundesregierung hat derzeit keinen konkreten Plan, die Ärmsten in Sicherheit zu bringen.

So erklärte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gegenüber junge Welt, es habe die jährliche Unterstützung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) um 100.000 auf 497.000 Euro aufgestockt. Die Förderung diene unter anderem der »Weiterentwicklung von Hilfeansätzen und Beratung«, führte BMAS-Sprecherin Maja Winter aus. Allerdings habe man die Summe unabhängig von der Pandemie erhöht. »Generell gilt, dass die Unterbringung und Versorgung von Wohnungslosen in der Verantwortung der Länder und Kommunen liegt«, so Winter. Dies betreffe auch dafür nötige Finanzen.

Des weiteren verwies das BMAS an das Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Dieses sei für den medizinischen Schutz und die Gesundheitssituation von wohnungslosen Menschen zuständig. Mit konkreten Plänen konnte BMG-Pressereferent Sebastian Gülde nicht dienen. Der Schutz »vulnerabler Gruppen«, wie Obdachlose sowie diese betreuendes Personal, stehe bei der Pandemieplanung im Vordergrund, erklärte er. Dazu gehöre die Anordnung häuslicher Quarantäne durch die Gesundheitsämter. Diese müssten auch prüfen, dass Notunterkünfte und Gemeinschaftseinrichtungen Erkrankte und Gesunde trennen sowie besondere Infektionshygiene einhalten. Über empfohlene Maßnahmen kläre das Robert-Koch-Institut auf, so Gülde. In dessen »Pandemieplanung« allerdings taucht die Risikogruppe der Obdachlosen nicht auf.

Am Donnerstag bekräftigte Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) ihren guten Willen: »Wir brauchen auch für obdachlose Menschen einen Rettungsschirm«, sagte sie der Deutschen Presseagentur. Breitenbachs Pläne reichen von einer Ausweitung der Notschlafstellen zur Ganztagsunterbringung über die Einstellung hauptamtlicher Sozialarbeiter für Suchtkranke bis hin zu einer kontrollierten Drogenabgabe. Sonst, so die Sozialsenatorin, »fliegt uns solch ein Haus um die Ohren«.

In Berlin leben geschätzt bis zu 10.000 Menschen ohne Unterkunft auf der Straße. Die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales sei sich »der Problematik bewusst«, versicherte Behördensprecher Stefan Strauß am Dienstag auf jW-Anfrage. Man suche gemeinsam mit freien Trägern und der Kältehilfe »intensiv« nach Lösungen, Betroffene unterzubringen und zu versorgen. Benötigt würden Gebäude, die zur Quarantäne geeignet sind, und Gesundheitsberatungen. Welche Maßnahmen in welcher Form bereits umgesetzt werden, konkretisierte der Sprecher aber nicht.

Ähnliche soziale Missstände wie in der Hauptstadt grassieren in Hamburg. Dort kollabiert offenbar die Obdachlosenhilfe im Zuge der Coronaviruspandemie, wie die Hamburger Morgenpost (Donnerstagausgabe) berichtete. So sorge dort ansonsten ein Netz aus ehrenamtlichen Helfern dafür, dass Betroffene warme Mahlzeiten bekommen, duschen können, neue Kleidung, Schlafsäcke und ärztliche Hilfe erhalten. Das sei mittlerweile »zusammengebrochen«, so das Blatt. Viele Aufenthaltsstätten hätten geschlossen und Hilfsbusse ihre Fahrten eingestellt. Der Grund: Nicht wenige freiwillige Helfer seien älter und selbst gesundheitlich angeschlagen.

Der Geschäftsführer des Straßenmagazins Hinz & Kunzt, Jörn Sturm, warnte vor einem humanitären Chaos in Hamburg. Vielerorts werde nur ein Notbetrieb aufrechterhalten, sagte er der Zeitung. Daher sei »die Versorgung der Obdachlosen mit Lebensmitteln, Geld und medizinischen Angeboten nicht gewährleistet«. Sturm fordert eine »professionelle Corona-Koordinierungsstelle«. Laut Senat nutzt Hamburg bereits zwei Notunterkünfte mit insgesamt 650 Plätzen als Isolierstandorte. In einer Unterkunft ordnete er bereits Quarantäne wegen eines Infektionsfalls an. Daher dürfen rund 300 Betroffene das Haus zwei Wochen nicht verlassen, weitere Personen haben keinen Zutritt. Eine Anfrage von jW beantwortete die Senatsverwaltung bis Redaktionsschluss nicht.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (22. März 2020 um 16:33 Uhr)
    Warum geben Sie den Obdachlosen denn kein Zuhause? In einer überreichen Stadt ist es unmöglich, den wenigen Menschen ein Zuhause zu schaffen? Dann öffnen Sie Ihre Sparkassen und bauen ein WC ein! Wo ist das Problem? Können Sie kein Mitgefühl aufbringen? Ist nicht jeder Mensch wert, dass er geschätzt wird?

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Eva Ruppert, Bad Homburg: Kapitalismus ist die Krise Zu Hause bleiben? Gelten die gut gemeinten Ratschläge bzw. Vorschläge der Bundeskanzlerin für alle »Mitbürger«? Wohl kaum in dieser ohnehin sozialökonomisch gespaltenen Gesellschaft. Wie soll der »zu ...

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