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Aus: Ausgabe vom 09.03.2020, Seite 8 / Ansichten

Fragiles System

Wirtschaftseinbruch durch Coronaepidemie
Von Steffen Stierle
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Die »Coronakrise« ist ein Lehrstück über die beeindruckende Fähigkeit des Kapitalismus, sich anzupassen und aus jeder Situation das Beste für sich rauszuholen

Wer die öffentliche Debatte um Corona verfolgt, stellt fest, dass sich die Sorgen mehr um die Gesundheit der Wirtschaft als um die der Menschen drehen. Einerseits zynisch, andererseits nicht unberechtigt, zeigt sich doch das kapitalistische Wirtschaftssystem bislang gegenüber COVID-19 weitaus anfälliger als der menschliche Organismus. Zumindest nach heutigem Wissensstand scheint den Menschen nicht viel mehr zu blühen als eine üppige Grippewelle. Der Wirtschaft hingegen droht ein tiefer Absturz.

Der globalisierte Kapitalismus offenbart einmal mehr seine Krisenanfälligkeit. Kaum eine Wertschöpfungskette geht an China vorbei. Doch dort tobt das Virus besonders heftig und hat den Außenhandel einbrechen lassen. Schockwellen gehen durch die gesamte, eng vernetzte Weltwirtschaft. Kaum ein Industriekonzern, der auf Vorprodukte aus der Volksrepublik verzichten kann. Der aufgrund von Handelskrieg, »Brexit« und Kürzungspolitik ohnehin seit Monaten am Rande der Rezession entlangdümpelnde Sektor droht nun endgültig in die Krise abzudriften. Weiteres Ungemach droht durch die unvermeidbaren Absagen großer Events sowie dem Einbruch des Tourismus.

Letztlich geht im Zusammenhang mit der »Coronakrise« vom globalisierten Kapitalismus auch die größte Gefahr für die menschliche Gesundheit aus. Schließlich hat dieses System die Eigenschaft, sich aufgrund seines inhärenten Expansionsdrangs in sämtliche Bereiche auszubreiten und alles zur Ware zu machen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – einschließlich des Gesundheitssystems. Und weil damit auch dort die Logik der permanenten Profitmaximierung längst Einzug gehalten hat, werden eben auch Medikamente nur in dem Umfang produziert, wie sie mit soliden Profiten absetzbar sind – und zwar dort, wo das am billigsten geht, unter anderem in China. Das gilt auch für Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel. Beides ist bestenfalls noch zu Wucherpreisen erhältlich. Die unsichtbare Hand des Marktes ist am Werk. Der Preis vermittelt zuverlässig zwischen Angebot und Nachfrage – auch wenn im Ergebnis nicht einmal mehr im OP die grundlegenden Hygienestandards eingehalten werden können.

Zugleich ist die »Coronakrise« ein Lehrstück über die beeindruckende Fähigkeit des Kapitalismus, sich anzupassen und aus jeder Situation das Beste für sich rauszuholen. Siehe Frankreich: Sah es vor wenigen Wochen noch so aus, als könnte sich Präsident Emmanuel Macron seine neoliberale Rentenreform aufgrund des Widerstands in der Bevölkerung an den Hut stecken, ändert Corona nun alles. Schritt eins: Massenaufläufe einschließlich Demonstrationen zwecks Verhinderung der weiteren Ausbreitung – vorgeblich des Virus – verbieten. Schritt zwei: Die Reform per Dekret beschließen. Fertig. In der BRD dürfen sich Konzerne auf Steuererleichterungen freuen, die zweifelsohne nicht zurückgenommen werden, wenn Corona überstanden ist.

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