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Aus: Ausgabe vom 28.02.2020, Seite 5 / Inland
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Hoher Preis für volle Rente

Immer mehr Menschen zahlen Zusatzbeiträge für ungekürzte Altersbezüge. Deutsche Rentenversicherung begrüßt »Vertrauensbeweis«
Von Susan Bonath
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Gewerkschaften wie Verdi fordern Renten, die Armut verhindern (Berlin, 7.5.2019)

Der Sozialabbau schlägt bei den Renten immer drastischer zu Buche. Bis 2031 steigt das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre an. Wer 45 Arbeitsjahre vorzuweisen hat, muss ab 2029 mindestens bis zum 65. Geburtstag malochen. Wer früher aus dem Job heraus will, muss hohe Kürzungen bis zu 14,4 Prozent hinnehmen – oder sich eine abschlagsfreie Rente mit Zusatzbeiträgen erkaufen. Das ist teuer und für Niedriglöhner kaum bezahlbar. Doch immer mehr Beschäftigte nehmen die Regelung in Anspruch. Das zeigt eine aktuelle Datenanalyse der Deutschen Rentenversicherung (DRV),die auch jW vorliegt.

Demnach ist »die Zahl der Versicherten, die freiwillige Beiträge zum Ausgleich von späteren Rentenminderungen entrichten, zum Jahr 2018 spürbar gestiegen«. Während 2017 rund 11.600 Beschäftigte derart freiwillig vorgesorgt hätten, seien es ein Jahr später bereits mehr als 17.000 Menschen gewesen. Das entspricht einem Plus von rund 47 Prozent. Zuletzt hätten sich die Einnahmen der Versicherungsanstalt allein durch diese Sonderbeiträge binnen eines Jahres von 207 Millionen um rund 41 Prozent auf 291 Millionen Euro erhöht. Im Schnitt hat damit jeder »freiwillige« Zuzahler in diesem einen Jahr mehr als 17.000 Euro extra entrichtet, um so ein, zwei oder drei Jahre früher in den Ruhestand gehen zu können.

Die DRV führt aus, was das konkret bedeutet: Wen im Alter eine Bruttorente von gerade einmal 800 Euro monatlich erwartet, wovon noch Sozialversicherungsbeiträge abgezogen werden, müsste 6.820 Euro zusätzlich einzahlen, um ein Jahr früher abschlagsfrei in den Ruhestand treten zu können. Andernfalls bekäme er oder sie im Alter 28,80 Euro (3,6 Prozent) weniger pro Monat. Im Jahr 1964 Geborene könnten dann an ihrem 66. statt am 67. Geburtstag ohne Verluste aus dem Beruf scheiden. Ein abschlagsfreier Ruhestand zwei Jahre früher als gesetzlich vorgesehen würde sie bereits einen fünfstelligen Betrag kosten.

Je höher die erwartete Rente ist und je früher sie jemand ungekürzt erhalten will, desto höhere Sonderbeiträge werden fällig. Bei einer Bruttorente von 1.000 Euro und zwei Jahre früherem Eintritt sind laut DRV freiwillige Einzahlungen von 17.700 Euro fällig. Ansonsten müssten Betroffene 72 Euro Abschlag in Kauf nehmen. Wer Altersbezüge von 1.200 Euro brutto erwartet, müsste insgesamt 33.160 Euro abdrücken, um mit 64 statt 67 Jahren bei vollem Ausgleich aus dem Berufsleben scheiden zu können. Hier betrüge der Abschlag bereits 130 Euro.

DRV-Sprecher Dirk von der Heide lobte auf jW-Nachfrage am Mittwoch die wachsende Zahl der Versicherten, die freiwillig mehr zahlen, um Kürzungen zu vermeiden. Dies wirke sich »nicht nur positiv auf die Finanzen der Rentenversicherung aus, sondern ist auch ein Zeichen für das Vertrauen der Beitragszahler in die Sicherheit der gesetzlichen Rente«, so von der Heide.

Die Fraktion Die Linke im Bundestag sieht die Möglichkeit, sich abschlagsfreie Altersbezüge zu erkaufen, »differenziert«, wie ein Sprecher des Rentenpolitikers Matthias W. Birkwald im Gespräch mit jW sagte. »Die Kürzungspolitik und die damit verbundene wachsende Zahl an Niedrigrentnern ist natürlich eine sozialpolitische Sauerei«, mahnte er. Aber: In die gesetzliche Versicherung zusätzlich einzuzahlen, sei »wesentlich attraktiver, als zu riestern«. Die IG Metall habe das bereits aufgegriffen und mit dem Unternehmensfachverband Sanitär-, Heizung-, Klima- und Klempnertechnik ein 50/50-Modell tariflich geregelt, erläuterte der Sprecher. Das heißt: Zahlt der Beschäftigte mindestens 50 Euro monatlich von seinem Nettolohn in die Rentenkasse zusätzlich ein, muss der Betrieb genauso viel oben drauf legen.

Hintergrund ist das sogenannte Flexirentengesetz, das seit Juli 2017 in Kraft ist. Damit wurde das Alter von 55 auf 50 Jahre gesenkt, ab welchem Versicherte die Sonderbeiträge entrichten können, um Kürzungen im Alter zu verhindern. Laut DRV ging 2018 jeder fünfte Mann und jede vierte Frau mit Abschlägen von durchschnittlich 90 Euro in den Ruhestand. Im Jahr 2018 kamen Männer im bundesweiten Mittel auf eine Bruttoaltersrente von 1.148 Euro. Frauen erhielten durchschnittlich gerade einmal 711 Euro, was unter dem Sozialhilfesatz liegt.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Flexirente Ein echt tolles Alters-Sorglos-Modell; so durchdacht und sozial ausgewogen! Je früher nämlich der Renteneintritt, umso mehr Lebenszeit verbleibt noch zum Flaschensammeln....